Geld abheben oder lieber sparen? Die Zinspolitik ist entscheidend.
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BerlinEin Blick auf das Sparkonto zeigt: Die Zinsen waren im zu Ende gehenden Jahr wieder einmal mickrig. Bei Mitbetrachtung der Inflation ist auf vielen Spar- oder Tagesgeldkonten das Vermögen sogar geschrumpft. Einige Sparkassen und Banken sind außerdem dazu übergegangen, auch auf Konten von Privatpersonen sogenannte Verwahrentgelte – besser bekannt als Strafzinsen – zu erheben.

Zwar greifen diese in der Regel erst ab einem Anlagebetrag von mehr als 100.000 Euro und betreffen somit noch nicht den normalen Kleinsparer. Es zeigt aber, dass kaum Besserung in sicht ist. Wird 2020 dennoch ein besseres Jahr für Sparer? Welche Entwicklungen haben die Finanzmärkte 2019 beeinflusst? Mit welcher Strategie fahren Anleger im kommenden Jahr am besten? Wir haben uns bei Geldanlageexperten umgehört.

Welche politischen Entwicklungen hatten 2019 Auswirkungen auf den Aktienmarkt und die Zinsentwicklung?

Ob das Hin und Her der Brexit- Verhandlungen, die italienische Schuldenkrise oder der heftig geführte Handelskonflikt zwischen den USA und China – all diese Brandherde bremsten 2019 das Wirtschaftswachstum und die Rückkehr zu höheren Zinsen. „Donald Trump mit seinen Attacken auf die eigene Notenbank verschärfte diesen Trend zusätzlich, sodass sich Sparer mit einer Null- oder Negativrendite abfinden mussten“, sagt Frank Wieser, Geschäftsführer beim Düsseldorfer Vermögensverwalter PMP Vermögensmanagement.

Auf der anderen Seite hätten die niedrigen Zinsen aber die Kursentwicklung an der Börse befeuert. Aktienanleger können auf ein deutlich besseres Jahr zurückblicke

Wie sehr hat die Inflation bei der Entwicklung eine Rolle gespielt?

Die Inflation war 2019 vergleichsweise niedrig. Sie lag in Deutschland bei etwa 1,4 Prozent. Wer jedoch in Sparprodukte mit einem niedrigen Zinssatz investiert hat, hat real Geld verloren. „Das Problem dabei ist jedoch, dass der normale Sparer das nicht direkt spürt, da die absolute Zahl auf dem Kontoauszug nicht geschrumpft ist. Doch in Wahrheit mussten Kleinsparer Verluste durch die Inflation hinnehmen“, sagt Stephan Witt, Anlagestratege der Finum Private Finance AG in Berlin.

Was wird 2020 den Aktienmarkt und die Höhe der Zinsen beeinflussen?

Erst im November ist an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) mit Christine Lagarde eine neue Präsidentin getreten. Von ihren künftigen Entscheidungen wird auch abhängen, ob die Leitzinsen weiter auf Rekordtief bleiben. „Die bisherigen Statements von Frau Lagarde klingen zumindest nicht nach Veränderung“, sagt Andreas Görler, Berliner Vermögensverwalter bei Wellinvest Pruschke & Kalm.

Was die Märkte außerdem 2020 beeinflussen wird, ist der Handelskonflikt zwischen den USA und China. Zwar berichteten beide Seiten Mitte Dezember von einem Teilabkommen, aber das ist noch nicht unterschrieben. Neuer Streit wird wieder zu starken Marktschwankungen führen. „Einen weltweiten Schock könnte außerdem eine Abwahl Donald Trumps auslösen“, sagt Frank Wieser. „Ein Politikwechsel in den USA wäre gleichbedeutend mit einem Zinswechsel und würde für Kursturbulenzen an den Aktien-

Das bewirkt die Inflation

Niedrigerer Realzins: Zinsen, die die Banken heute auf Tagesgeld, Festgeld oder Spareinlagen zahlen, sind so niedrig, dass sie die Inflation nicht mehr überschreiten. Der Realzins lag im ersten Halbjahr 2019 laut einer Berechnung von Comdirect durchschnittlich bei minus 1,55 Prozent.

Auswirkungen: Wer Geld bei einem Zinssatz anlegt, der geringer ist als die Inflationsrate, hat zwar am Ende der Laufzeit mehr Geld auf dem Konto, kann sich dafür aber weniger kaufen, als er zum Anlagezeitpunkt für den anfänglichen Betrag bekommen hätte. Die Preise sind in der Zwischenzeit gestiegen.

Wie wird sich das Zinsniveau 2020 voraussichtlich entwickeln?

„Das Zinsniveau wird noch sehr lange Zeit tief bleiben“, ist sich Vermögensverwalter Görler sicher. „Zinsanhebungen am Geldmarkt, die für Sparer eine nachhaltig positive Auswirkung auf die Verzinsung von Spar-, Tagesgeld- oder Festgeldkonten haben, wird es aber nicht geben.“ Dem schließt sich auch Witt an. So sei von der EZB keine Zinswende zu erwarten.

„Aufgrund der schwachen Wirtschaftslage vieler Euro-Länder hat sie hier auch keinen Spielraum. Würden die Zinsen wieder steigen, könnten sich manche Länder kaum noch refinanzieren. Das wird die EZB um jeden Preis verhindern wollen.“ Die niedrigen Zinsen werden Banken wohl auch an ihre Kunden weitergeben. „Dieser Trend wird sich im nächsten Jahr eher noch verschärfen und immer mehr Kunden treffen“, schätzt Görler.

Wie können Sparer ihre Geldanlagestrategie anpassen?

„Ohne das Eingehen bestimmter Risiken wird Geldanlage 2020 nicht funktionieren“, sagt Wieser und meint damit die Anlage in Aktien. Tatsächlich sind die Aussichten am Aktienmarkt besser, als sie Sparer von Einlagenkonten, Bausparverträgen oder klassischen Lebensversicherungen haben. Wer also mehr Rendite erwirtschaften möchte, müsste demnach über eine Geldanlage in Aktien nachdenken – aber auch mehr Risiko auf sich nehmen. Denn die Kurse können schwanken.

Ein Anlagezeitraum unter zehn bis fünfzehn Jahren kann riskant sein – es wird also keine Möglichkeit für jedermann sein. „Insbesondere beim Vermögensaufbau für Kinder beziehungsweise bei Anlegern mit sehr langem Anlagehorizont sollte die Aktienquote allerdings sehr hoch sein“, sagt Görler. Anders sei ein Vermögensaufbau kaum zu schaffen. Letztlich aber muss jeder selbst genau abwägen, was an Geldanlage machbar ist und mit welchem Risiko sich noch gut schlafen lässt. Die risikoarme Variante – Sparen mit Zinsen – wird allerdings auch 2020 aller Voraussicht nach kein Mehr an Rendite bringen.