Manchmal zählt im Alter jeder Euro und jedes 50-Cent-Stück.
Foto: dpa / Andreas Gebert

BerlinDass sie bald in Rente gehen könnte, sieht man Sabine Herzberg* nicht an: Die Büroangestellte kommt in Jeans und T-Shirt zur Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung am Fehrbelliner Platz; sie trägt ihre blonden Haare lang, ihr Blick ist aufgeschlossen. Doch tatsächlich bleiben der 60-Jährigen nur noch gut sechs Jahre, bis das Arbeitsleben vorbei ist. Am 1. September 2025 ist ihr offizieller Rentenbeginn.

Rente: Die Zahl bringt große Ernüchterung

Herzberg will an diesem Tag erfahren, wie hoch ihre Rente voraussichtlich ist. Sie sitzt gegenüber von Beraterin Katja Braubach. Die Zahl bringt große Ernüchterung: 1.330 Euro Rente erwarten sie beim offiziellen Rentenantritt. „Das sind 1.183 Euro nach Abzug der Kranken- und Pflegeversicherung“, fügt Braubach hinzu. Sabine Herzberg sagt: „Oh, Jesus Maria.“ Dann schweigt sie.

Nach einem Leben voller Arbeit ist das nicht viel. 1976 hat Herzberg in der DDR eine Lehre als Laborassistentin angefangen. In den achtziger Jahren bekam sie zwei Kinder, deretwegen sie ein paar Jahre zuhause blieb. Später arbeitete sie in der Firma ihres Mannes, der ihr 1.000 Euro Gehalt zahlte.

Anfang der Nullerjahre gingen Herzberg und ihr Mann auseinander. Auf einen Versorgungsausgleich verzichtete sie. „Ich wollte mit all dem nichts mehr zu tun haben“, sagt sie. Später begann sie als Sekretärin in einem landeseigenen Kulturbetrieb zu arbeiten, was ihr bis heute Spaß macht. Es ist eine Anstellung im Öffentlichen Dienst.

Kleine Rente: „Dann kann ich meine Wohnung nicht mehr halten“

Und dann eine Rente von 1.183 Euro? „Dann kann ich meine Wohnung nicht mehr halten“, ist ihr erster Gedanke. 661 Euro Miete warm zahlt sie für zwei Zimmer. Eine Wohnung, in der sie sich wohlfühlt, die ihr nach den Stürmen des Lebens ein neues Zuhause wurde. Immerhin ist die Tochter fast aus der Ausbildung raus. „Ihr brauche ich kein Geld mehr zu geben“, sagt Herzberg.

Beratung

Objektive Informationen zur Rente

Um herauszufinden, wie es um die Einkünfte im Ruhestand bestellt ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die Deutsche Rentenversicherung informiert über den Stand der gesetzlichen Rente. Sie bietet darüber hinaus sogenannte Altersvorsorgegespräche an. Darin wird auch über das Spektrum der betrieblichen Rente und private Vorsorge informiert, ohne spezielle Produkte zu bewerben. Hierfür können Versicherte spezielle Termine bei der Auskunfts- und Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung Bund am Fehrbelliner Platz 5 unter Telefon 0800/10 00 48 070 vereinbaren. Sogenannte Versichertenberater und Versichertenälteste bieten ebenfalls eine persönliche Beratung an. Sie werden regelmäßig von der Deutschen Rentenversicherung geschult. Auf der Webseite der Rentenversicherung kann mithilfe der Postleitzahl nach einem Versichertenberater oder -ältesten in Wohnortnähe gesucht werden. In Berlin gibt es knapp 240 solche Personen. Es gibt auch private Berater. Eine staatliche Zulassung setzt Standards für die Leistungen privater Berater. Eine Erstberatung kostet rund 100 Euro. Beim Bundesverband der Rentenberater lässt sich ein Berater in der Nähe finden. (mec.)

Weitere Infos im Internet unter
www.drv.de
www.rentenberater.de

Prognosen für die Zukunft

Wer sich über seine Rente informieren will, sollte drei Dokumente im Auge behalten. An erster Stelle steht die jährliche Renteninformation.

Jeder Arbeitsnehmer ab 27 Jahren erhält sie. Fünf Berufsjahre mit Einzahlungen in die Rentenversicherung sind die Voraussetzung für den Erhalt einer Renteninformation. Diese zeigt die bisher erworbene Rentenhöhe, eine Hochrechnung über den Betrag der voraussichtlichen Altersrente sowie die Rentenansprüche bei einer möglichen Erwerbsminderung. Sie ist nicht rechtsverbindlich. Das zweite Dokument ist die Rentenauskunft. Sie informiert darüber, ab wann und in welcher Höhe eine Rente in Aussicht steht. Die Auskunft ist ebenfalls nicht rechtsverbindlich, weil es politische und gesetzliche Veränderungen geben könnte. Die Rentenauskunft wird ab 55 Jahren alle drei Jahre automatisch verschickt. Vorher kann sie angefordert werden.

Der Versicherungsverlauf listet auf, in welchen Zeiten der Ausbildung und des Berufslebens Geld für die Rente eingezahlt wurde. Bei der Kontenklärung spielen diese Zeiten die entscheidende Rolle. Sobald man 43 Jahre alt ist, bekommt man von der Rentenversicherung im Rahmen des sogenannten Kontenklärungsverfahrens einen aktuellen Versicherungsverlauf und einen Fragebogen zur Kontenklärung zugeschickt. Ab 55 Jahren erhält man dann alle drei Jahre mit der Rentenauskunft einen Versicherungsverlauf. Man kann sich jederzeit seinen Versicherungsverlauf von der Rentenversicherung schicken lassen. (mec.)

Die Beraterin macht ein paar Vorschläge. Wenn Herzberg vorzeitig aufhört zu arbeiten, verliert sie 0,3 Prozent ihres Anspruchs für jeden Monat, den sie früher in Rente geht. „Da mache ich lieber weiter, bis die Regelrente kommt“, antwortet Herzberg. Eine andere Option sei es, die Arbeitszeit in den letzten Jahren um ein paar Stunden zu reduzieren. „Wenn Sie jeden Tag eine Stunde weniger arbeiten, ergibt das bei vier Jahren verkürztes Arbeiten bis 20 Euro weniger Rente“, sagt sie.

Rentner: Die letzten Jahre fallen den Arbeitnehmern oft schwer

Herzberg ist unsicher. Doch Braubach weiß aus Erfahrung, dass die letzten Jahre den Arbeitnehmern oft schwerfallen. „Es geht darum, bis 2025 durchzuhalten. Nicht, dass Sie vorher zusammenklappen“, sagt sie. „Und wenn ich als Minijobber arbeite? Ich fühle mich zum alten Eisen geschoben, wenn ich nichts tue“, sagt Herzberg.

Immer wieder murmelt sie die Rentensumme „1.183 Euro“. Wieso so wenig? Sie hat doch viele Jahre gearbeitet. Es geht um die Rentenpunkte. Das Statistische Bundesamt errechnet jedes Jahr das Durchschnittseinkommen. Auf diesem basieren die Entgeltpunkte oder Rentenpunkte. In Ostdeutschland lag das jährliche Durchschnittseinkommen 2018 bei 33.671 Euro. Wer dieses Einkommen hat, erhält einen Entgeltpunkt. Dieser beträgt zurzeit 31,89 Euro in Ostdeutschland und 33,05 Euro in Westdeutschland.

Quelle: BLZ/Galanty; Quelle: Destatis, AFP, DRV

Die Rente sollte nur ein Baustein in der Vorsorge sein

„Doch auf die Rente allein sollte man sich nicht verlassen. Es sollte nur ein Baustein in der Vorsorge sein“, mahnt Braubach. Herzberg bekommt noch eine Betriebsrente vom Öffentlichen Dienst. Sie beträgt etwa 176 Euro minus 19 Prozent für Kranken- und Pflegeversicherung.

Sabine Herzberg wirkt ganz in Gedanken versunken. Die Beschäftigung mit der Rente ist für viele Besucher der Beratung desillusionierend. „Kommen Sie zwei Jahre, bevor es ernst wird, noch einmal“, sagt Braubach. Vielleicht haben sich die Zahlen noch ein bisschen verändert.

* Name von der Redaktion geändert