Einstürzende Kapitalmärkte, wie wir sie zuletzt mit Beginn der Pandemie im März 2020 gesehen haben, sind keine Entwicklung der jüngeren Geschichte. Die Geschichte des Geldhandels reicht bis in die Antike zurück. Spekulationsblasen wissen neben Ökonomen deshalb auch Althistoriker auszuweisen: So etablieren bereits die alten Römer das Kreditgeschäft als staatlich anerkannten Beruf. Der „negotians“ setzt die Einlagen seiner Kunden ein, um sie gewinnbringend weiter zu verleihen. In größeren Summen machen davon vor allem die politischen Leistungsträger der römischen Gesellschaft Gebrauch. Wer im System aufsteigen will, braucht Geld – hohe Ämter zu erreichen, ist ein kostspieliges Ziel, für das es sich lohnt, Kredit aufzunehmen.

Besonders hemmungslos spekuliert Caesar auf seinen politischen Erfolg. Um seine Popularität zu steigern, setzt der Staatsmann hohe Aufkommen an Kapital auf Pump ein und betört seine Wähler mit pompösen Festspielen. Seine Gläubiger müssen indes auf siegreiche Kriege ihres Schuldners hoffen, um ihr verliehenes Geld wiederzusehen. Ein riskantes Geschäft: Erst die Beute aus Feldzügen befähigt Caesar, seine Schulden wieder abzutragen. Verlorene Kriege enden für die Geldverleiher hingegen in Kreditausfällen.

Überhaupt dient die militärische Expansion des römischen Reiches den Staatsträgern und deren Geldgebern als Investitionsmöglichkeit. Am meisten Geld lässt sich mit bezwungenen Gegnern verdienen. Deren Land gliedern die Römer an und spekulieren in der Folge mit dem neuen Grundbesitz. Mit ihrem Expansionstrieb schaufeln sich die Römer schließlich das eigene Grab. Finanziell wie politisch sorgt das zu groß und unübersichtlich gewordene Reich letztlich für den Ruin.

Kasse machen mit Krieg

Es sollte Jahrhunderte dauern, bis das Bankensystem nach dem Zusammenbruch des Imperium Romanum im nun christlichen Europa des Mittelalters wieder auferstehen würde. Die kommerzielle Revolution beflügelt den Handel zwischen Orient und Okzident, italienische Kaufleute dominieren als Vermittler zwischen den Handelszentren schon bald das europäische Wirtschaftsgefüge. Um den Zahlungsverkehr in ferne Länder zu erleichtern, forcieren die Italiener den Wechsel (Wertpapiere) als alternatives Zahlungsmittel. Ein enormer Fortschritt im komplizierten Währungssystem des Mittelalters und Türöffner für den Fernhandel, dessen Spielraum bereits durch die Kreuzzüge erweitert worden war: Nachdem Papst Urban II. 1095 den ersten Kreuzzug gegen die „Ungläubigen“ im Heiligen Land ausgerufen hat, sind es nämlich die „bancherii“, die in der Finanzierungsaufgabe des Kriegskommandos eine lukrative Anlagemöglichkeit entdecken. Die Christianisierung des östlichen Mittelmeerraums ist zu diesem Zeitpunkt insofern nicht ausschließlich religiös, sondern auch wirtschaftlich motiviert.

Das Risiko für die Geldverleiher des Mittelalters verdichtet sich in Form einer Spekulationsblase in einem weiteren Geschäftszweig. „Pecunia pecuniam parere non potest“ – Geld vermehrt sich nicht von selbst, so eine Kaufmannsregel aus dieser Zeit. Und so zielen die Italiener beim Handel mit Krediten auf eine Gruppe ab, die gemessen an ihrem Kapitalbedarf die größten Margen mit sich bringt: die Regierungsträger der europäischen Königshäuser.

Krisen im feudalen System stellen in rascher Abfolge in der Folge erst für die Würdenträger und aufgrund ihrer Vernetzung im Anschluss auch für die Banken ein Problem dar. Im Zweifel erkennen die Könige ihre Schulden nämlich einfach ab, wenn der Staatshaushalt es ihnen nicht erlaubt, sie zu tilgen. 1277 lässt Philipp der Schöne, König von Frankreich, seine italienischen Gläubiger einkerkern, um der Rückzahlungspflicht aus dem Weg zu gehen. Die Banksozietät Bardi verleiht knapp 50 Jahre später wiederum das Achtfache ihres Eigenkapitals an Königshäuser, erhöht damit die Anfälligkeit für externe Krisen und bricht infolge von Kreditausfällen 1345 zusammen: Laut Mediävisten einer der „sensationellsten Bankrotte der Weltwirtschaftsgeschichte“.

Häuser für Tulpen

Im 17. Jahrhundert werden in Holland Tulpenzwiebeln zum Spekulationsobjekt. Die Preise steigen infolge der explodierenden Nachfrage zwischen 1634 und 1637 auf mehr als das Fünfzigfache an. In Amsterdam wird ein ganzes Haus für drei Tulpenzwiebeln verkauft. Andere Spekulanten kaufen per Kredit. Ebenso plötzlich, wie das Spekulationsfieber einsetzt, kommt allerdings auch der Krach, als einige Kaufleute versuchen, ihren Tulpenschatz im Rahmen einer Auktion zu Geld zu machen und weit weniger Geld verdienen, als sie angenommen hatten. 

Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer, die Preise sinken radikal, und Tulpenzwiebeln werden unverkäuflich. Zum globalen Phänomen weiten sich Krisen als Konsequenz aus geplatzten Spekulationsblasen erst im 19. Jahrhundert im Zuge der Industrialisierung aus, als der technische Fortschritt Englands auch in andere europäische Länder und nach Nordamerika überschwappt. Die wachsende Industrie erfordert in der Folge eine breitere Infrastruktur, dementsprechend schnell wird das Bahnnetz ausgebaut – auf Kredit. Eine gewinnversprechende Investitionsmöglichkeit aus Sicht der Banken, die Spekulationsblase wächst immens.

1857 findet die Zeit des schnellen Geldes in den USA jäh ein Ende, als im Hochsommer das Gerücht aufkommt, die Ohio Life Insurance Trust Company sei in Schwierigkeiten, das New Yorker Institut habe sich mit Eisenbahnaktien verspekuliert. Der Vertrauensverlust greift rasch auf andere Banken über – auch international gesehen; die Industrialisierung bringt die Vernetzung der Welt mit sich. Weil eine Reihe Banken ebenfalls optimistisch große Teile ihrer flüssigen Mittel in Eisenbahnaktien festgelegt hat, zieht das Schreckgespenst Insolvenz in den folgenden Jahren weite Kreise. Bis zum Aufschwung der Wirtschaft nach 1857 gehen allein in den USA und in Kanada 5000 Firmen pleite.

Nach der Regulierung ist vor der Krise

Genau wie Spekulationsblasen bilden die daraus resultierende Regulierungsforderungen Konstanten in der Wirtschaftsgeschichte: So zieht der Crash italienischer Privatbanken im 14. Jahrhundert die Errichtung öffentlicher Geldhäuser nach sich. Infolge der Krise um das Jahr 1857 kommt der Ruf nach Staatshilfe für betroffene Unternehmen auf, sogar die Umkehr der bisher verfolgten Wirtschaftspolitik wird erörtert, scheitert jedoch am Interessenkonflikt der international verschieden ausgerichteten Lager. Die sich abermals um den Ausbau des Eisenbahnnetzes rankende „Gründerkrise“ des Jahres 1873 bedeutet unter Bismarck die Abkehr vom Wirtschaftsliberalismus. Im Bilanzierungswesen spricht man noch heute vom „deutschen Modell“, also dem Vorsichts- und Imparitätsprinzip, das auf den Reichskanzler zurückgeht.

1929 versuchen US-Politiker in der „Großen Depression“ der 1930er-Jahre das riskante Glücksspiel der Banken mit Aktien zu zähmen, indem sie ein Gesetz zur Trennung von Geschäftszweigen der Institute beschließen. Von nun an müssen sich Amerikas Banken entscheiden, ob sie sich auf das Geschäft mit Kredit- und Spareinlagen spezialisieren oder auf das Spekulieren mit Aktien und Anleihen setzen: Die Trennung von Investment- und Geschäftsbank ist vollzogen, das Geld der Sparer gilt als gesichert. Zu kurz gedacht, wie die jüngste Finanzkrise belegt hat. Der sogenannte Glass-Steagall Act von 1932/33 (endgültig abgeschafft 1999) führte letztlich dazu, dass Investmentbanken mehr Risiken eingehen können, und das bricht ihnen 2008 den Hals – als die nächste und bislang jüngste Spekulationsblase platzt. (tbd.)