Berlin - Aufatmen bei der Bahn, ihren Kunden und auch bei der Wirtschaft, die auf funktionierende Lieferketten angewiesen ist. Der Staatskonzern und die aufmüpfige GDL haben sich nach monatelangen Verhandlungen auf einen Tarifvertrag geeinigt. Ein erneuter Streik ist damit zunächst vom Tisch. Ist nun alles gut? Mitnichten.

Dieser Tarifabschluss kennt viele Verlierer und kaum Gewinner. Da wäre zunächst die Bahn selbst: Allein im letzten Jahr hat das Unternehmen einen Rekordverlust von fast sechs Milliarden Euro eingefahren. Auch in diesem Jahr dürfte die Bahn ein Milliarden-Minus erwirtschaften. Eine verantwortungsvolle Gewerkschaft hätte darauf Rücksicht genommen und es bei der Forderung nach Beschäftigungssicherung belassen.

Tarifstreit bei der Bahn: GDL-Chef Weselsky hat nur ein Ziel – Machtausbau

Doch darum ging es GDL-Chef Claus Weselsky nie. Sein Ziel war und ist es, die Konkurrenzgewerkschaft EVG zu schwächen, möglichst viele Mitglieder zur GDL zu ziehen – um die eigene Macht im Konzern auszubauen. Dass die Bahn nun auf die EVG zugeht, um auch mit ihren Mitgliedern über Verbesserungen im Tarifabschluss aus dem letzten Jahr zu sprechen, gefällt Weselsky nicht. Seine aggressive Rhetorik spricht Bände. Ob sich aber eine Strategie, die ständig auf maximale Eskalation setzt, auf Dauer auszahlt, ist fraglich.

Das Duell der Gewerkschaften jedenfalls ist längst nicht entschieden. Auch wenn sich die Mitglieder der EVG zunächst über nachverbesserte Konditionen freuen können, so zeigt dieser Abschluss doch vor allem: Ihre Gewerkschaft wurde von der deutlich kleineren GDL vorgeführt. Es ist ein Punktsieg für die Bahn, dass sie die Anwendung des Tarifeinheitsgesetzes zwar durchsetzen konnte, doch es bedeutet auch: Das Ringen um Mitglieder und Einfluss geht weiter. GDL-Chef Weselsky hat bereits angekündigt, dass er davon nicht ablässt. Im Bahnreich bleibt es ungemütlich.