Klebezettel in einem Terminkalender.
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BerlinAuch das Finanzamt kann Fehler machen. Millionenfach erheben Bürger jedes Jahr Einspruch gegen ihre Steuerbescheide wegen fehlerhaft geglaubter Berechnungen. Und zu großen Teilen wird ihnen recht gegeben. Von fast 3,4 Millionen Einsprüchen an deutsche Finanzämter im Jahr 2018 wurden 64,4 Prozent zugunsten der Steuerzahler entschieden.

„Die Zahlen zeigen, dass Bürger ihre Steuerbescheide nicht einfach hinnehmen, sondern gegen fehlerhafte Bescheide Einspruch einlegen sollten“, sagt Uwe Rauhöft, Geschäftsführer des Bundesverbands Lohnsteuerhilfevereine (BVL).

Wer bereits früh seine Steuererklärung für das vergangene Jahr eingereicht hat, hält womöglich schon jetzt einen Bescheid in den Händen. Fordert das Finanzamt eine Nachzahlung, obwohl mit einer Steuererstattung gerechnet wurde? Fällt die Forderung viel höher aus als in den vergangenen Jahren? Sind hier Zweifel angesagt, können Steuerzahler darauf reagieren. Sie sollten dies allerdings schnell tun.

Bis zu einem Monat nach Erhalt des Bescheids kann Einspruch eingelegt werden. Das ist kostenlos. Der Aufwand sei zudem überschaubar, heißt es beim BVL. Grundsätzliche formale Vorgaben gibt es nicht, der Einspruch hat nur schriftlich zu erfolgen, per Post, E-Mail oder Fax. Möglich ist aber auch der elektronische Weg über ein Steuerprogramm wie Elster.

Fehler bei der Übertragung von Behördenbescheinigungen

Die Fehler müssen nur detailliert aufgeführt werden. Hilfe hierbei geben auch Lohnsteuerhilfevereine. Dafür sollten Steuerzahler ihren Bescheid Punkt für Punkt mit ihrer Erklärung abgleichen. Stiftung Warentest macht auf einige typische Fehlerquellen aufmerksam:

So können Fehler etwa bei der Übertragung von Behördenbescheinigungen wie von der Krankenkasse oder dem Rentenversicherer entstehen. Stiftung Warentest rät, auch diese Werte mit den Ursprungsbescheinigungen abzugleichen.

Eine weitere häufige Fehlerquelle findet sich in den Angaben zu Fahrt- und Reisekosten für Arbeitswege. Hier zählt die tatsächlich gefahrene Strecke. Beispielsweise darf auch ein längerer Weg abgerechnet werden, wenn durch einen Umweg Staus vermieden werden. „War für das Finanzamt nicht zu erkennen, warum die längere Strecke angesetzt wurde, hat es eventuell zu wenig Kilometer berücksichtigt“, heißt es bei Stiftung Warentest. Im Einspruch können längere Wege begründet werden.

Auch bei den Angaben zur Nebenkostenabrechnung lohnt sich ein prüfender Blick, ob diese berücksichtigt worden sind. So ist es erlaubt, diese nachzureichen, wenn die Abrechnung später eintrifft. Das Finanzamt muss sie dann trotzdem berücksichtigen.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch Sonderfälle. Zum Beispiel Punkte, die rechtlich noch ungeklärt sind, aber bereits bei einem Gericht anhängig sind. In einem solchen Fall empfiehlt der Lohnsteuerhilfeverein Vereinigte Lohnsteuerhilfe (VLH), schriftlich die „Ruhe des Verfahrens“ zu beantragen und sich samt Aktenzeichen auf das laufende Verfahren zu beziehen. Sobald das Gericht entschieden hat, wird auch der ruhende Steuerbescheid vom Finanzamt wieder aufgenommen und geprüft.

Rauhöft macht zudem deutlich, dass die Ursache für abweichende Steuerfestsetzungen nicht ausschließlich auf Fehlern des Finanzamtes beruhen müssen. „Neben Nichtberücksichtigung von Aufwendungen und anderen Abweichungen gegenüber der Steuererklärung können auch Musterverfahren bei den Finanzgerichten oder auch die Korrektur eigener fehlerhafter Eintragungen Anlass für einen Einspruch sein“, sagt er.

Ist der Einspruch abgeschickt, ist das Finanzamt wieder am Zug und prüft die Beanstandungen. Entweder geben die Beamten dem Einspruch recht und ändern den Steuerbescheid, oder der Steuerzahler wird gebeten, den Einspruch zurückzunehmen. Tut er das nicht, wird eine Einspruchsentscheidung zugestellt. Ist auch diese negativ, bliebe theoretisch noch der Gang vor das Finanzgericht des Bundeslandes. Allerdings sollte diese Möglichkeit gut abgewogen werden: Das Kostenrisiko und auch der Aufwand sind hier höher. Dennoch waren auch hier viele Steuerpflichtige erfolgreich. „Mehr als die Hälfte aller Finanzgerichtsverfahren endeten 2018 zugunsten der Steuerbürger“, resümiert der Bundesverband Lohnsteuerhilfevereine.

Frist zur Abgabe der Steuererklärung

Für das Steuerjahr 2019 läuft die Frist zur Abgabe der Steuererklärung am 31. Juli dieses Jahres ab. Dieser Termin gilt allerdings nur, wenn der Steuerzahler zur Abgabe verpflichtet ist und sie selbstständig anfertigt.

Wer Hilfe in Anspruch nimmt – durch einen Steuerberater oder einen Lohnsteuerhilfeverein – hat länger Zeit. Und zwar bis zum 28. Februar 2021. Und wer seine Steuererklärung freiwillig abgibt, aber nicht dazu verpflichtet ist, hätte sogar vier Jahre Zeit – bis zum 2. Januar 2024.

Jedoch können sich die Verfahren hinziehen. Und auch wenn Einspruch eingelegt wird, muss die geforderte Nachzahlung erst einmal geleistet werden, bis über den Einspruch entschieden ist. Ansonsten droht ein Säumniszuschlag. Es gibt zwar die Möglichkeit, einen Antrag auf „Aussetzung der Vollziehung“ zu stellen. Der VLH weist allerdings darauf hin: Ist der Einspruch nicht erfolgreich und muss die Zahlung geleistet werden, kommen am Ende noch Zinsen oben drauf.

Schließlich gibt es noch den Fall, dass der Steuerbescheid besser ausfällt als erwartet und als er eigentlich sein sollte – wenn sich das Finanzamt zu Gunsten des Steuerzahlers vertan hat und und seine Erklärung keine unvollständigen oder falschen Angaben enthält. Laut VLH ist die Sachlage in diesem Fall klar: Der Steuerzahler ist nicht verpflichtet, das Finanzamt auf eigene Fehler aufmerksam zu machen. Anders sieht es selbstverständlich aus, wenn Angaben unvollständig sind. Auch wenn das dem Steuerzahler erst im Nachhinein auffällt, sollte er es melden - ansonsten droht eine Anzeige wegen Steuerhinterziehung.