Nach monatelangen Auseinandersetzungen zeichnet sich ein Ende des Tarifkonflikts im Einzelhandel ab. Der Arbeitgeberverband HDE und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi haben am Donnerstag für die Beschäftigten in Baden-Württemberg eine zweistufige Lohnerhöhung von insgesamt 5,1 Prozent bis zum Frühjahr 2015 vereinbart. Es wird erwartet, dass der nun ausgehandelte Vertrag von den Tarifparteien in anderen Regionen übernommen wird. Damit wäre die seit vergangenem April von zahlreichen Warnstreiks begleitete Auseinandersetzung beigelegt.

Beide Seiten zeigten sich mit dem Abschluss zufrieden. Verdi-Verhandlungsführer Bernhard Franke sprach von einem „Durchbruch“. Es sei gelungen, in „der Kernarbeitsbranche des privaten Dienstleistungsbereichs“ den Flächentarif zu erhalten und somit der zunehmend prekären Beschäftigung entgegen zu wirken. Der HDE-Tarifausschussvorsitzende Ulrich Köster bezeichnete das Ergebnis als „ausgewogenen und guten Kompromiss“.

Die Entgelte werden, nach drei Nullmonaten von April bis Juni, rückwirkend zum 1. Juli um drei Prozent angehoben. Am 1. April 2014 gibt es in einer zweiten Stufe bis zum 1. März 2015 nochmals 2,1 Prozent mehr. „Bei einer Gesamtlaufzeit von 24 Monaten ergibt sich aus dem Abschluss ein jährliches Lohnplus von 2,6 Prozent. Das ist für den Einzelhandel schon ganz ordentlich“, sagt Eckart Tuchtfeld, Tarif-Experte der Commerzbank. Bereits der vorangegangene Tarifvertrag habe eine Lohnsteigerung von jeweils 2,6 Prozent für zwei Jahre vorgesehen. „Bei Teuerungsraten unter zwei Prozent können die Beschäftigten somit vier Jahre in Folge Reallohnzuwächse verbuchen“, so Tuchtfeld zur Berliner Zeitung.

Auf der Habenseite kann die Gewerkschaft zudem das Wiedereinsetzen des alten Manteltarifvertrags verbuchen, den die Arbeitgeber Anfang des Jahres gekündigt hatten. Als Ziel der Kündigung hatte der HDE eine grundlegende Modernisierung des teils 60 Jahre alten Vertrages ausgegeben, die gleichzeitig mit dem Lohntarifvertrag ausgehandelt werden müsse. Anstelle längst ausgestorbener Berufe wie Fahrstuhlführer oder Kaltmamsell gelte es, neue Tätigkeiten etwa im IT-Bereich zu erfassen und tariflich einzugruppieren. Die Arbeitgeber hatten darüber hinaus argumentiert, dass manche Aufgaben weniger anspruchsvoll als früher seien und niedriger eingruppiert werden müssten. Als Beispiel wurden Kassenkräfte genannt.

Demgegenüber hatte Verdi Einkommensverluste für Kassiererinnen und andere Berufe ausgeschlossen. Die Gewerkschaft vertrat überdies die Ansicht, dass eine Manteltarifvertrag nicht nebenher auszuhandeln sei, sondern getrennter Gespräche bedürfe. Nach der nun erzielten Einigung, den alten Vertrag wieder einzusetzen, ist ein neuer Manteltarif aber trotz für 2014 asngesetzter Verhandlungen in weite Ferne. „Die Sache liegt erst einmal auf Eis“, glaubt Tarif-Experte Tuchtfeld.

Gleichwohl sind auch die Arbeitgeber nicht unzufrieden, wobei weniger der Inhalt, als der Zeitpunkt der Einigung eine Rolle spielt. Nichts fürchtet der Einzelhandel so sehr wie Streiks im Advent. In den sieben Wochen vor Weihnachten erzielen Spielzeug-, Uhren- und Schmuck-Geschäfte ein Viertel des Jahresumsatzes, in den Segmenten Parfümerie, Körperpflegemittel und Bekleidung ist es ein Fünftel. Da schlagen auch wenige Warnstreiktage mächtig ins Kontor. Diese Gefahr aber scheint nun abgewendet, zumal in anderen Regionen zeitnah Verhandlungen terminiert sind.

Zufrieden zeigt sich der HDE über Vereinbarungen, die Arbeitszeiten und Entgelte für einfache Tätigkeiten betreffen. Zum einen sollen flexible Arbeitszeitkonten anstelle starrer Dienstpläne treten. Der bisher 52 Wochen währende Planungszeitraum wird auf sechs Wochen verkürzt. Zum zweiten erhalten neu eingestellte Regaleinräumer vom Jahreswechsel an 9,54 Euro und ab 1. April 9,74 Euro. Diese Löhne liegen zwar unter den Einzelhandelstarifen von durchschnittlich zwölf Euro, aber über den Sätzen von knapp 7 Euro, die Werkvertragsarbeitnehmer bisher fürs Regaleinräumen erhielten. Die Attraktivität von Werkverträgen wird somit verringert.