Berlin/Brüssel - Mit Schockbildern auf Zigarettenpackungen, dem Verbot bestimmter Sorten und Inhaltsstoffe will die EU vor allem jungen Menschen in Europa die Lust am Rauchen verderben. Das beschloss das Europäische Parlament am Dienstag in einer neuen Tabakrichtlinie. Die bestimmt, dass künftig 65 Prozent der Verpackungsfläche mit Bildern von Raucherbeinen oder verfaulten Zähnen und Warnhinweisen wie „Rauchen tötet“ bedeckt sein müssen. Bislang müssen diese Hinweise nur 30 Prozent der Vorderseite und 40 Prozent der Rückseite von Zigarettenpackungen bedecken. Die EU-Kommission wollte sogar noch größere Warnhinweise.

Zudem werden bestimmte Aroma- und Zusatzstoffe wie Menthol, Vanille oder Schokolade ganz verboten. Allerdings gibt es eine mehrjährige Übergangsfrist. Auch für die in einigen Staaten weit verbreiteten sogenannten elektronischen Zigaretten, die eine nikotinhaltige Flüssigkeit verdampfen, sind strengere Auflagen geplant. In Spezialgeschäfte verbannt, wie ursprünglich geplant, werden die E-Zigaretten aber nicht. Auch die umstrittenen Slim-Zigaretten mit nur 7,5 Millimetern Durchmesser werden nicht verboten. Nur verführerische Verpackungen, etwa in Form von Lippenstiften, sind künftig nicht mehr erlaubt.

Die Umsetzung der Beschlüsse dürfte noch mindestens zwei Jahre dauern. So lange haben die Regierungen Zeit, die Richtlinie in nationalem Recht zu verankern.

Durch Tabakkonsum sterben in der EU rund 700.000 Menschen pro Jahr. EU-Gesundheitskommissar Tonio Borg sagte, das bedeute, dass „die Bevölkerung einer Stadt wie Krakau in Polen oder Palermo in Italien jedes Jahr ausradiert wird“. Der finanzpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Lothar Binding, begrüßte die EU-Beschlüsse: „Das ist ein sehr gutes Signal, um der skrupellosen Tabaklobby etwas entgegenzusetzen“, sagte er der Berliner Zeitung. Tabakwerbung richte sich nämlich gezielt an Zwölf- bis 14-Jährige. „Die können sich gar nicht wehren.“

Industrie sieht viele Jobs in Gefahr

Die Tabaklobby lehnt die EU-Beschlüsse ab: „Damit erreicht man gar nichts“, sagte der Geschäftsführer des Deutschen Zigarettenverbandes (DZV), Dirk Pangritz. Viel wirkungsvoller seien Aufklärungskampagnen in Schulen. Bewährt habe sich auch das Verkaufsverbot von Zigaretten an Jugendliche. „Dadurch hat sich die Zahl der minderjährigen Raucher in den letzten zehn Jahren halbiert“, so Pangritz.

Kritisch reagierte die Firma Reemtsma aus Hamburg. „Vergrößerte und bildliche Warnhinweise bieten keine neuen Informationen, sind aber ein direkter Angriff auf unsere Markenrechte“, hieß es in einer Mitteilung. Auch der Verband der deutschen Rauchtabakindustrie (VdR) kritisierte die EU-Beschlüsse: „Das stellt nicht nur eine Gängelung von Industrie, Handel und Verbrauchern dar, sondern an vielen Stellen ein Vernichtungsprogramm für kleine und mittelständische Anbieter von Tabakerzeugnissen“, sagte der VdR-Hauptgeschäftsführer Franz Peter Marx. Mehr als 100.000 Arbeitsplätze hängen in Deutschland am Tabakkonsum: Gut 50.000 Menschen arbeiten direkt in der Branche, weitere 55.000 Jobs sind indirekt abhängig. Ein besonders wichtiger Standort für die Tabakindustrie ist Berlin, wo mehrere Konzerne Werke betreiben.

Wenig übrig für eine Anti-Raucher-Politik hat Star-Regisseur Woody Allen. In Indien hat er jetzt seinen Film „Blue Jasmine“ gestoppt. Dort sind Gesundheitswarnungen in Rauch-Szenen vorgeschrieben. Allen befürchtet, dass die Warnungen vom Film ablenken.