Elektrofahrräder: Lautlos an die Spitze

Es ist leise, es säuft keinen Sprit, und es ist stauresistent. Dass das Fahrrad damit gegenüber dem Automobil im Vorteil ist, gehört zu den Alltagserfahrungen in einer Großstadt, wo Studenten mit unscheinbaren Zweckvarianten des Zweirads und Büroangestellte auf hochgetunten Highend-Bikes am zähflüssigen Stopp-and-go-Tross vorbeiradeln. So hat sich das Fahrrad in der Evolution der Straßenverkehrsmittel behauptet und Fahrradkurieren ein tragfähiges Geschäftsmodell beschert. Aber da geht noch mehr.

Denn während Politik und Automobilindustrie trotz großen Getöses und fetten Subventionsbudgets bislang nur im Schritttempo auf dem Weg zur Elektromobilität unterwegs sind, setzte sich das Zweirad flink und lautlos an die Spitze der Verkehrswende. 2154 Elektroautos brachte die Autoindustrie im vergangenen Jahr auf hiesige Straßen. Die vermeintlich angestaubte Drahteselzunft verkaufte derweil 310000 Elektrofahrräder.

„Die Fahrradbranche ist Vorreiter bei diesem Zukunftsthema“, sagt Mathias Seidler. „Elektromobilität findet bei uns statt.“ Seidler ist Chef des Unternehmens Derby Cycle aus Cloppenburg bei Bremen. 44000 E-Bikes hatte die Firma im Jahr 2010 verkauft. Im vergangenen Jahr waren es schon knapp 90000. Damit ist Derby Cycle die Nummer eins auf dem deutschen E-Bike-Markt und bestreitet mit motorisierten Fahrrädern bereits ein Fünftel seines Absatzes.

Kurs auf die halbe Million

So weit ist der Gesamtmarkt in Deutschland noch nicht. Zuletzt hat sich hierzulande etwa jeder zwölfte Fahrradkäufer für eine Variante mit Hilfsmotor entschieden, aber der Anteil wächst rasant. Schon in diesem Jahr wird das elektrifizierte Velo in Deutschland Kurs auf die Halbmillionen-Marke nehmen, nachdem die Verkaufszahlen schon im Vorjahr um 55 Prozent nach oben gegangen sind. Der Wiener Trendforscher Matthias Horx prophezeite dem Fahrrad schon vor vier Jahren, der erste Gewinner des Klimawandels zu sein. Jetzt ist es soweit.

Die Fahrradbranche geht davon aus, dass im Jahr 2020 etwa jedes dritte in Deutschland verkaufte Fahrrad einen elektrischen Hilfsmotor haben wird. Es ist ein boomender Geschäftszweig, in dem deutsche Firmen international zwar als Technologieführer gelten. Der hiesige Markt ist jedoch Entwicklungsgebiet. Denn während in Europa zuletzt 900000 Elektrofahrräder verkauft wurden, waren es in China schon rund 25 Millionen. Das weckt Fantasien und lockt Investoren.

Einer von ihnen ist Carsten Maschmeyer. Der Finanzjongleur und AWD-Gründer hat sich im vergangenen Herbst mit rund zwölf Millionen Euro seines auf weit über 500 Millionen Euro geschätzten Vermögens bei der ostdeutschen Mifa AG eingekauft und ist mit einem Anteil von 33 Prozent inzwischen größter Aktionär des hierzulande absatz-stärksten Fahrradherstellers. „Die Bereiche Gesundheit, Fitness werden zukünftig stark wachsen“, lautete knapp seine Begründung zum Investment.

Mifa hat eine klare Strategie. Der einst volkseigene 500-Mann-Betrieb, der heute vor allem Bau- und Discountmärkte mit klassischen Fahrrradmarken wie FunLiner, McKenzie und Cyco beliefert, will seine Marktführerschaft auf das E-Bike-Segment ausdehnen und sich so im Premiumbereich des Marktes etablieren. Denn dort winkt das große Geschäft. „Moderne Stadtbewohner gehen zu Fuß, fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit einem coolen Bike“, schrieb Matthias Horx im Jahr 2008.

Da diese Prognose für die Automobilindustrie nicht sonderlich hoffnungsgeladen ist, flirtet auch die Vierrad-Branche mit dem E-Bike. Und so wurden in den vergangenen Monaten auf den Automessen dieser Welt zahlreiche Varianten des unter Strom gesetzten Zweirads präsentiert. Meist waren es allerdings Studien, deren Haltbarkeitsdauer kaum über der eines Biojoghurts liegen dürfte. Smart ist bislang der einzige Hersteller, der sich zum E-Bike bekannte und es in diesem Jahr auf den Markt bringen wird.