BerlinDas zu Ende gegangene Jahr hatte sich auch Valerian Seither eigentlich ganz anders vorgestellt. Natürlich sollte es 2020 weiter aufwärts gehen. Wie in den Jahren zuvor. Für den Mitgründer und Ko-Chef des Berliner Elektroroller-Verleihs Emmy war das vor einem Jahr noch so sicher wie T-Shirt-Wetter im August und eine allzeit stabile Klopapierversorgung. Doch dann kam Corona. Im März war die Auslastung der Roller um 80 Prozent eingebrochen. Laut Seither war das der erste Rückgang seit Gründung vor fünf Jahren. „Plötzlich ging es ums Überleben.“

Emmy ist hierzulande der Pionier des E-Roller-Verleihs. 2015 hatte Seither das Unternehmen zusammen mit Alexander Meiritz und Hauke Feldvoss gegründet. Drei Endzwanziger, die die Idee des modernen Carsharings auf Elektroroller adaptierten, sodass sich diese fortan ebenfalls leicht minutenweise per Smartphone mieten ließen und damit zu einer spaßstiftenden Variante des umweltfreundlichen Autoersatzes wurden. Und fast nebenbei etablierten die Gründer die leisen und abgasfreien Roller als das schlechte Gewissen der 50-Kubik-Hasardeure, die mit kreischender Nachkriegstechnik den Großstädter nerven. Mittlerweile zählt das 100-köpfige Unternehmen in Berlin, München und Hamburg rund 300.000 registrierte Nutzer. Emmy ist Marktführer in Deutschland.

Wenngleich man am Firmensitz in  der Tempelhofer Alboinstraße noch immer spürt, dass die Mobilität in den Städten abgenommen hat und mehr Menschen zu Hause arbeiten statt im Büro, so wird bei Emmy inzwischen kein Überlebenskampf mehr geführt. In Pandemiezeiten profitiert der Roller-Vermieter sogar davon, dass volle Bussen und Bahnen gern gemieden werden. Dennoch wird der Umsatz im Jahr 2020 um etwa ein Viertel unter dem des Vorjahres liegen. „Aber wir sind wieder auf unserer Spur“, sagt Emmy-Chef Seither.

Dort hat man die Zeit auch für Veränderungen im Unternehmen genutzt. Abläufe wurden überdacht und optimiert, teure Kooperationen mit den Stadtwerken in Stuttgart und Düsseldorf ganz aufgegeben. Man wolle sich ganz auf das  Kerngeschäft konzentrieren, sagt Seither und konnte auch Investoren überzeugen. Jochen Herdrich gehört dazu:  „Wir glauben weiterhin an das Geschäftsmodell und den Social Impact von Emmy.“

Herdrich ist Partner bei Bonventure. Der Münchener Risikokapital-Fonds, der ausschließlich solche Unternehmen finanziert, die gesellschaftliche Probleme mit innovativen und multiplizierbaren Konzepten lösen wollen, hat als Leadinvestor bei Emmy gerade den Abschluss einer großen Finanzierungsrunde verkündet. Es geht um einen zweistelligen Millionenbetrag. Auch die Venture Capital-Sparte der Investitionsbank Berlin hat sich an der Runde beteiligt. Mit „mehr als zehn, weniger als 20 Millionen Euro,“ sagt Emmy-Chef Seither.

Nun soll nachgeholt werden, was schon für 2020 geplant war. Die Pioniere der Mikromobilität wollen im neuen Jahr die Verlustzone verlassen und profitabel arbeiten. Zudem haben sie den Einkauf von 1500 neuen Elektro-Scootern geplant. Damit soll vor allem die Berliner Flotte aufgestockt werden. 800 neue Roller will Emmy hier zum Einsatz bringen und den derzeit ausschließlich aus E-Schwalben bestehenden Fuhrpark damit verdoppeln. Im April sollen die Roller auf die Straßen kommen. Weitere Schwalben von Govecs aus München werden es allerdings nicht sein. Emmy verhandelt mit einem neuen Lieferanten. Wer das sein wird, will man erst im Frühjahr verraten. „Wir stehen mit allen Rollerherstellern in Kontakt, die ein interessantes Produkt anbieten“, sagt Seither. Dass auch der Berliner E-Roller-Hersteller Unu dazu gehört, wird bestätigt („cooler Roller“). Mehr sagt man aber nicht.

In Berlin teilt sich Emmy das Verleih-Geschäft von E-Mopeds mit dem ebenfalls hier ansässigen Unternehmen Tier. Der 2018 gegründete E-Scooter-Vermieter hatte Anfang 2020 die Roller der früheren Bosch-Tochter Coup übernommen. Seitdem sind unter eigenem Label in Berlin etwa 1500 Roller im Einsatz. Und dabei werde es nach eigenem Bekunden auch 2021 bleiben. Es sei keine nennenswerte Aufstockung geplant, heißt es bei Tier am Potsdamer Platz. Der 34-jährige Emmy-Chef Seither erwartet im neuen Jahr dennoch mehr Konkurrenz. „Ich gehe davon aus, dass wir und Tier nicht die einzigen Anbieter in Berlin bleiben werden.“

Das war allerdings schon oft zu hören. Immer wieder hatten Anbieter ihren Start in Berlin angekündigt. Gekommen ist jedoch niemand. Neuerdings ist der Automobilhersteller Seat im Gespräch. Die VW-Tochter hat sich mit dem spanischen E-Motorrad-Hersteller Silence zusammengetan und lässt dort den 95 km/h schnellen Elektroroller namens Seat Mó 125 fertigen. In Barcelona kann man das Modell bereits als Sharing-Scooter mieten. Natürlich in Barcelona.

Foto:  Seat
Elektroroller des Autoherstellers Seat.

Die katalanische 5,5-Millionen-Metropole gilt zumindest in Europa als die Hauptstadt des E-Moped-Sharings. Nicht weniger als zehn Anbieter haben dort 9000 E-Roller auf der Straße. Und Berlin? Die Stadt gehörte noch vor wenigen Jahren wie auch Barcelona zu den ersten fünf Städten weltweit, in denen Stromscooter per App minutenweise gemietet werden konnten. Vorbei?

„Berlin ist nach wie vor ein sehr spannender Standort“, sagt Enrico Howe.  Der Mobilitätsforscher beobachtet den globalen E-Moped-Markt seit Jahren. Unter den 122 Städten weltweit, in denen E-Roller-Sharing angeboten werde, liege Berlin aktuell auf Rang zwölf und werde demnächst sicher noch ein paar Plätze gewinnen. „Die Nachfrage ist da“,  sagt er. „Eine Verdopplung des Angebots halt ich für machbar.“ Das wären dann wenigstens 6000 E-Roller.