Anhaltende Kaufzurückhaltung: Galeria Kaufhof-Filiale in Hannover.
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BerlinBei den Mitarbeitern der acht Karstadt- und drei Galeria-Kaufhof-Warenhäuser in Berlin liegen die Nerven blank. Es sei vor allem die ewige Ungewissheit, sagt eine Verkäuferin des Hauses am Alexanderplatz. „Niemand weiß, was wird.“ Seit Jahren ist das so.

Tatsächlich gilt der Warenhaus-Konzern seit Langem als angeschlagen. Hatte ihm zunächst vor allem der stetig wachsende Onlinehandel das Leben schwer gemacht, so wirkt nun die Corona-Krise wie ein Brandbeschleuniger. Nachdem die Häuser krisenbedingt Mitte März schließen mussten, dauerte es keine zwei Wochen, bis das Unternehmen ein  Schutzschirmverfahren beantragte.

Mit dieser Sonderform eines Insolvenzverfahrens ist Galeria Karstadt Kaufhof seit 1. April vor den Forderungen der Gläubiger geschützt. Zugleich darf  die Unternehmensführung weiterhin selbst die Geschäfte lenken, dies allerdings nicht ohne Kontrolle. Der Düsseldorfer Insolvenzanwalt Frank Kebekus, der vor drei Jahren bekanntermaßen erfolglos angetreten war, die Fluggesellschaft Air Berlin zu sanieren, überwacht nun die Entscheidungen der Karstadt-Kaufhof-Chefs in der Essener Firmenzentrale.

Wie die Sanierung des Handelshauses geschehen soll, wird seit Wochen erarbeitet. Spätestens Ende nächste Woche soll ein sogenannter Insolvenzplan zur Sanierung des Unternehmens vorgelegt werden. Details sind noch nicht bekannt, aber was in der Essener Firmenzentrale beabsichtig wird, zerrt abermals an den Nerven der Belegschaft.

Denn wie die Unternehmensführung laut Manager Magazin ihren Mitarbeitern am Montag in einem Brief offenbarte, hätte der gerichtlich eingesetzte Kebekus und der Generalbevollmächtigte Arndt Geiwitz klar gemacht, nämlich dass es angesichts der Corona-Krise „leider auch zu Standortschließungen und dementsprechend auch zu einem Arbeitsplatzabbau kommen muss“. Angaben zur Zahl der bedrohten Filialen oder der gefährdeten Arbeitsplätze machte das Unternehmen nicht. Bereits Ende April war durchgesickert, dass im Konzern die Schließung von 60 der insgesamt 170 Filialen drohe.

Was das für die elf Berliner Filialen bedeutet, sei derzeit völlig unklar, sagt Erika Ritter, Einzelhandelsexpertin der Gewerkschaft Verdi in Berlin. Es sei von Vorteil, dass nach der Fusion von Karstadt und Galeria Kaufhof in der Stadt keine Doppelstandorte entstanden seien. Außerdem seien die Häuser differenziert als Nahversorger oder Touristenmagnet ausgerichtet und laut Ritter alles andere als überbesetzt. In den elf Warenhäusern sind derzeit in der Summe etwa 2000 Mitarbeiter beschäftigt. „Wenn man da noch weiter spart, kann man die Häuser nicht mehr betreiben“, erklärt die Gewerkschafterin. Es sei auch völlig abwegig, zu glauben, ein Kaufhaus würde mit weniger Personal attraktiver werden.

Andererseits setzt die Corona-Krise dem Galeria-Karstadt-Kaufhof-Konzern tatsächlich kräftig zu. Während der Zwangsschließung hatte der Warenhauskonzern nach eigenen Angaben ein Umsatzvolumen von 80 Millionen pro Woche verloren. Inzwischen schätzt die Konzernführung den Umsatzverlust auf „mehr als eine halbe Milliarde Euro“ und weiß, dass es bestenfalls nur langsam besser wird. Angesichts der anhaltenden Kaufzurückhaltung werde sich der Umsatzverlust wahrscheinlich sogar noch auf bis zu eine Milliarde Euro erhöhen, heißt es in der Essener Firmenzentrale. Deshalb seien weitere Sanierungsmaßnahmen nötig, um das Unternehmen nachhaltig gesund aufzustellen.

Wie die Chancen dafür stehen, ist allerdings offen. Zwar hatte die Geschäftsführung von Galeria Karstadt Kaufhof vor wenigen Tagen dem Handelsblatt gesteckt, dass in diesem Jahr ohne Corona ein dreistelliger Millionengewinn möglich gewesen wäre. Aber Corona kam - und sehr bald auch das Schutzschirmverfahren. Unter diesem hat auch der erst Ende 2019 ausgehandelte Tarifvertrag noch Gültigkeit, nach dem es bis 2024 keine betriebsbedingten Kündigungen und Standortschließungen bei Galeria Karstadt Kaufhof geben darf. Von Wert ist der Vertrag allerdings kaum noch. Denn ein Insolvenzverfahren gibt die Möglichkeit, solche Verträge jederzeit auch einseitig zu kündigen. „Deshalb beantragt man ja ein Schutzschirmverfahren“, so ein Insolvenzanwalt.

Dies wird sicherlich die Voraussetzung und Kern des für nächste  Woche erwarteten Sanierungsplans sein. Wird dieser von Gläubigern und auch von Arbeitnehmervertretern bestätigt, kann das Verfahren aufgehoben werden. Gelingt das nicht, wird für Galeria Karstadt Kaufhof nach dem 30. Juni ein reguläres Insolvenzverfahren folgen. Verdi-Frau Erika Ritter will das nicht ausschließen. „Danach werden die Karten neu gemischt“.