Der US-Konzern ExxonMobil hat sein Flüssigerdgasprojekt (LNG) im Fernen Osten Russlands ausgesetzt. Die Nachrichtenagentur Interfax zitierte am Montag den Gouverneur der Region Chabarowsk, Michail Degtyaryov, nachdem das Unternehmen Pläne angekündigt hatte, das Land nach westlichen Sanktionen zu verlassen. „Das Projekt, das die Amerikaner – Exxon – im Hafen von De Kastri als Anschluss an die Pipeline aus Sachalin angekündigt hatten, wird bis auf weiteres von ihnen eingefroren“, zitierte Interfax Degtyaryov. Er verstehe die Entscheidung nicht, die Amerikaner würden sich damit selbst „ins Knie schießen“, sagte er in einem Interview mit dem regionalen Radiosender der Komsomolskaya Pravda: „Hier gibt es Gas, es gibt eine Küste, es gibt Arbeitskräfte und Investitionen, aber sie frieren das Projekt aus politischen Gründen ein.“

Allerdings ist der Ausstieg vor allem ein schwerer Rückschlage für die russischen Ambitionen, ihr eigenes Öl- und Gasgeschäfts in Richtung LNG zu transformieren und zu einem wichtigen Player auf dem Weltmarkt zu werden.

ExxonMobil hatte nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine bekannt gegeben, dass es seine russischen Öl- und Gasgeschäfte im Wert von vier Milliarden US-Dollar beenden und nach mehr als zwei Jahrzehnten als Investor aus Russland aussteigen werde. Die Entscheidung dürfte nun dazu führen, dass Exxon sich aus der Verwaltung großer Öl- und Gasförderanlagen auf der Insel Sachalin im Fernen Osten Russlands zurückzieht und das Schicksal der geplanten Multi-Milliarden-Dollar-LNG-Anlage dort mehr als ungewiss ist.

Exxon hatte zunächst geplant, das „Far East Liquefied Natural Gas“-Projekt mit einer Jahreskapazität von mehr als sechs Millionen Tonnen als Teil des Sachalin-1-Konsortiums unter Führung des russischen Energieriesen Rosneft zu bauen.

Am 1. März hatte ExxonMobil bekannt gegeben, dass seine russische Tochtergesellschaft Exxon Neftegaz Limited (ENL) ihre 30-prozentige Beteiligung und Rolle als Betreiber des Offshore-Öl- und Gasförderprojekts Sachalin-1 aufgeben werde. Die nächste Investition von ExxonMobil wäre RFE LNG gewesen, eine Schlüsselkomponente der Strategie des staatlich kontrollierten russischen Ölkonzerns Rosneft zur Verwirklichung seines Ehrgeizes, direkt mit dem Rivalen Gazprom zu konkurrieren. Gazprom hat im Jahr 2009 damit begonnen, LNG von seinem Werk Prigorodnoye an der Südspitze der Insel Sachalin nach Far für den asiatischen Markt zu liefern.

Die Entscheidung von ExxonMobil, aus dem Projekt auszusteigen, und die Sanktionen, die viele internationale Auftragnehmer entlang der Lieferkette betreffen, versetzen nicht nur der regionalen russischen Wirtschaft einen Schlag. Sie stellen vor allem einen großen Rückschlag für die Ambitionen von Rosneft dar, eine dominante Rolle auf dem internationalen LNG-Markt zu spielen. Erst vor einem Jahr hatte sich Rosneft von leistungsschwachen Brownfield-Ölanlagen getrennt, um sein Portfolio in Richtung LNG zu optimieren.

Die LNG-Strategie von Rosneft war laut einer Analyse des Journal of Petroleum Technology zweigleisig: Es sollte eine Achse mit ExxonMobil bei den LNG-Projekten Sachalin-1 und RFE und eine zweite Partnerschaft mit BP, mit der Rosneft eine Absichtserklärung zur Schaffung einer „strategischen Gaspartnerschaft“ unterzeichnet hatte, geben. Igor Sechin, CEO von Rosneft, hatte gehofft, dass es mit der Zusammenarbeit möglich würde, LNG aus dem Vostok-Feld an der Küste der Karasee östlich und westlich entlang der Nordseeroute zu exportieren und gemeinsam mit BP Gasprojekte außerhalb Russlands zu entwickeln.

Doch nach dem Angriff auf die Ukraine und den folgenden Sanktionen hat neben ExxonMobil und Shell auch BP Russland verlassen. BP gibt seinen Anteil von 19,75 Prozent an Rosneft auf. Shell löst seinerseits seinen Anteil von 27,5 Prozent an Sakhalin Energy Investment Ltd. auf, dem die bestehende und Russlands erste LNG-Anlage von Sachalin gehören. Gazprom hält 50 Prozent plus eine Aktie, die japanische Mitsui 12,5 Prozent und Mitsubishi 10 Prozent. Laut der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass vom Donnerstag haben die Japaner aktuell keine Absichten, sich aus dem Projekt zu verabschieden. Der Grund liegt unter anderem daran, dass Japan geostrategische Interessen in der Region hat, die Tokio nicht aufgeben will. Allerdings dürfte es für Russland und seine Partner schwierig werden, LNG-Projekt ohne westliche Technologiekomponenten zu realisieren, wie die Financial Times (FT) im Hinblick auf die russischen LNG-Pläne in der Arktis berichtet – die ebenfalls im Zuge der Sanktionen ins Stocken geraten sind.