EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso tat das, was er am liebsten tut: Er lobte die Europäer und sich selbst. Seine Behörde habe in den vergangenen Jahren viel dafür getan, um einen funktionierenden Binnenmarkt für Energie auf die Beine zu stellen, sagte Barroso unlängst in Brüssel. Die Ukraine-Krise zeige erneut, wie wichtig das sei. Das sähen auch die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedstaaten so. Mit Blick auf Russland und dessen Staatskonzern Gazprom fügte Barroso hinzu: „Europa arbeitet sehr entschlossen daran, seine Energie-Abhängigkeit zu verringern.“

Doch in der Politik ist es wie im richtigen Leben: Anspruch und Wirklichkeit klaffen mitunter auseinander. Tatsächlich haben die Vorgänge in der Ukraine vielen Verantwortlichen in Europa die Augen geöffnet. Der Kontinent ist auf russische Energielieferungen angewiesen. Rund ein Drittel ihres Erdgases bezieht die EU aus dem Riesen-Reich, einige östliche Mitgliedstaaten decken ihren Bedarf sogar komplett von dort. Das schwächt die Position der Europäer in der Auseinandersetzung mit Präsident Wladimir Putin. Europa braucht russisches Gas und Öl, und Russland braucht die Einnahmen daraus. Sollte es wegen der Ukraine-Krise zu Wirtschaftssanktionen gegen Moskau kommen, dürfte der Energiesektor ausgeklammert bleiben.

Einstieg in Gashandel geplant

In der Praxis jedoch wird Europas Abhängigkeit von Russland zurzeit nicht kleiner, sondern größer. Es sind westliche Energie-Unternehmen, die immer enger an Gazprom heranrücken und dem russischen Riesen sogar wesentliche Teile der europäischen Energie-Infrastruktur überlassen. Gazprom greift gern zu, um seine Marktmacht in Europa auszubauen.

So gab kürzlich der österreichische Konzern OMV bekannt, dass er seine Zusammenarbeit mit Gazprom forcieren werde. Beide Firmen verhandeln über einen Einstieg der Russen bei der Gashandels-Plattform Baumgarten in der Nähe von Wien. Der „Central European Gas Hub“ ist eine der größten Anlage dieser Art in Europa mit strategischer Bedeutung für den gesamten Kontinent. Rund ein Drittel der russischen Gas-Exporte Richtung Westeuropa kommen in Baumgarten an und werden von dort aus weiterverteilt – nach Deutschland, Frankreich, Italien sowie nach Ungarn, Kroatien und Slowenien.

Dem Vernehmen nach will Gazprom ein Viertel der Anteile an dem Knoten übernehmen. Die OMV, derzeit noch Mehrheitsgesellschafterin, verlöre ihre Mehrheit. Vor wenigen Jahren bereits waren die Österreicher bereit, 50 Prozent der Anteile abzutreten. Die EU-Kommission untersagte das Geschäft, weil sie eine zu große Marktmacht Gazproms befürchtete.

Nun wird ein zweiter Anlauf unternommen. Die Berliner Energie-Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin sagt: „Im Zuge der derzeitigen schwierigen politischen Entwicklung mit Russland wird die EU kaum positiver auf den geplanten Deal schauen.“ EU-Energiekommissar Günther Oettinger mag sich bislang nicht offiziell zu den Plänen äußern. In seinem Umfeld heißt es: „Wir nehmen die Ankündigung zur Kenntnis. Aber klar ist auch, dass wir keine Purzelbäume schlagen.“

Die Kommission ist auch deshalb skeptisch, weil der Deal nur ein Bestandteil der künftigen Kooperation von OMV und Gazprom sein soll. Ende April hatten die beiden Konzernchefs Gerhard Roiss und Alexej Miller in Moskau eine Absichtserklärung über die Verlängerung der russischen Pipeline South Stream bis nach Österreich unterschrieben. South Stream ist ein russisches Projekt. Nach EU-Recht dürfen aber Produktion, Verkauf und Verteilung von Erdgas nicht in einer Hand liegen.

BASF will Speicher verkaufen

Die Leitung soll ab 2017 unter Umgehung der Ukraine russisches Gas durch das Schwarze Meer, Bulgarien, Serbien und Ungarn transportieren und am Verteilerzentrum Baumgarten enden. Nach Auffassung von Roiss ist damit die Zukunft des Knotens gesichert – und zwar auch dann, wenn irgendwann kein Gas mehr durch die Ukraine fließen sollte. Lange Zeit hatten die Österreicher ihre Hoffnungen auf das Pipeline-Projekt „Nabucco“ gesetzt, das den Rohstoff vom Kaspischen Meer über die Türkei nach Europa bringen und damit den Kontinent unabhängiger von russischen Lieferungen machen sollte. Nach dem Scheitern von Nabucco vor gut einem Jahr verbündete sich die OMV dann doch mit den Russen.

So sind die politischen Debatten über Sanktionen und Versorgungssicherheit die eine Sache und die Geschäftsbeziehungen zwischen westeuropäischen Firmen und Gazprom eine ganz andere. Die OMV ist dabei in bester Gesellschaft: Auch der deutsche BASF-Konzern bereitet eine Groß-Transaktion mit den Russen vor. Seine Gas-Tochter Wintershall will das Handels- und Speichergeschäft abgeben und dafür Beteiligungen an sibirischen Gasfeldern aufstocken. Wenn der Deal vollzogen ist, wird Gazprom Alleineigentümer des größten europäischen Erdgasspeichers in Rehden beim Bremen sein. Barrosos EU-Kommission hatte den Anteilstausch schon Ende 2013 genehmigt