Blackouts, Heizungsausfälle und Ölembargo: Was kommt im Winter auf Berlin zu?

Der Berliner Senat behauptet, die Energieversorgung sei in allen Bereichen gesichert. Stimmt das? Wir haben mit Berliner Energieversorgern gesprochen. 

Berlin im Winter: Es könnte düster werden.
Berlin im Winter: Es könnte düster werden.dpa/Annette Riedl

Wie ein Mantra wiederholt der Berliner Senat den Satz, der die Verbraucher im kommenden Winter beruhigen soll: Die Versorgungssicherheit in Deutschland und Berlin sei derzeit in allen Sektoren gesichert. Was man uns damit sagen will: Strom, Gas und Öl werden in ausreichenden Mengen und ununterbrochen geliefert. Doch sagt man uns alles?

In der Nacht zum Mittwoch mussten plötzlich rund 1400 Haushalte und 80 Gewerbeflächen in Berlin-Spandau kurzfristig ohne Strom auskommen. Am Vortag waren sogar 7000 Haushalte im Nordosten Berlins von einem Stromausfall betroffen. In beiden Fällen wurde das Problem schnell behoben.

In Zeiten der Energiekrise, wo mancher über Blackouts im Winter spekuliert, lassen die Vorfälle einen rätseln: Ist das schon ein Vorzeichen der größeren Probleme oder nur Zufall?

Bundesamt für Katastrophenhilfe muss mit dem Schlimmsten rechnen

Ralph Tiesler,  Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK), hat den Verdacht, es komme etwas Außerordentliches auf uns zu, nur gestärkt, als er kürzlich in einem Welt-Interview sagte: „Wir müssen davon ausgehen, dass es im Winter Blackouts geben wird“.

Viele haben seine Worte so eindeutig interpretiert, dass die Behörde zurückrudern musste: Nein, ein großflächiger Stromausfall sei im Winter „äußerst unwahrscheinlich“. Tiesler habe sich auf ein solches Szenario bezogen, „um die grundsätzliche Bedeutung von Vorsorgemaßnahmen hervorzuheben“, erläuterte eine BBK-Sprecherin. Diese Stromausfall-Vorsorge propagiert das BBK spätestens seit September, indem es Tipps für den Fall veröffentlicht, dass die Heizung und das Licht ausfallen und die Küche kalt wird. Es greift die einfache Volksweisheit: Auf das Beste hoffen, auf das Schlimmste gefasst sein.

Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz
Ralph Tiesler, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutzdpa/Bernd von Jutrczenka

Gefühlte Anhäufung von Stromausfällen? Was der Berliner Stromnetzbetreiber sagt

Nach den kürzlichen Stromausfällen bemüht sich auch Stromnetz Berlin, der Berliner Verteilungsnetzbetreiber, darum, keine Alarmstimmung aufkommen zu lassen. „Eine Häufung oder einen Trend zum Anstieg von Störungen gibt es in Berlin derzeit nicht“, versichert der Sprecher des Betreibers, Olaf Weidner, der Berliner Zeitung. Zur Untermauerung seiner Worte verweist er auf eine Statistik der Bundesnetzagentur: Im Jahr 2018 blieb jeder Berliner Haushalt statistisch gesehen 13,89 Minuten lang ohne Strom; 2019 ausnahmsweise 34,75 Minuten, was auf einen längeren Stromausfall in Köpenick zurückzuführen sei; 2020 dagegen nur neun Minuten, und zuletzt 2021 lediglich 8,3 Minuten.

Daten für 2022 gibt es noch nicht. Es ist jedoch klar: Die Anzahl der Störungen im Berliner Stromnetz ist in den letzten Jahren eher rückläufig gewesen. Und wenn es doch zu Stromausfällen komme, betont der Vertreter von Stromnetz Berlin, dann vor allem durch Einflüsse dritter Firmen aufgrund der intensiven Bautätigkeit, durch eine physikalische, also auf physischen Gesetzen beruhende Rückwirkung aus anderen Netzebenen, z. B. aus dem Übertragungsnetz der Firma 50 Hertz, oder durch den Ausfall eigener Technik, Kabel und Schalter. Stromnetz Berlin investiere zwar kräftig in die Modernisierung und Instandhaltung des Stromnetzes, doch auch „die beste Technik kann versagen“. So oder so, Störungen gebe es und habe es immer gegeben, erklärt Olaf Weidner.

Das Berliner Stromnetz. 
Das Berliner Stromnetz. dpa/ESA/NASA

Wie wahrscheinlich ist der Gasmangel in Berlin?

Grundsätzlich bereitet sich Stromnetz Berlin auch auf den Fall vor, dass die Gas- oder Fernwärmeheizungen in der Stadt kalt bleiben und die Berliner deswegen mit Strom heizen werden. Das würde das Berliner Stromnetz zusätzlich belasten. Einzelfälle würde es verkraften, sagte der Stromnetz-Chef Erik Landeck kürzlich dazu. Ein kollektives Ausweichen auf die Stromheizung wäre dagegen der Super-GAU.

Eine Gasmangellage hält der Berliner Wirtschafts- und Energiesenator Stephan Schwarz (parteilos) inzwischen - anders als noch vor einigen Wochen  - für „superunwahrscheinlich“. Die Menschen sollten sich nicht zu viele Sorgen machen, sagte Schwarz vor einer Woche in Berlin, denn die Speicher seien gefüllt und das erste Flüssiggasterminal bald einsatzbereit. Seine These stützt auch der Berliner Grundversorger Gasag. Man habe für alle ihre Kundinnen und Kunden die Gasmengen für diesen Winter beschafft, versichert das Unternehmen.

Die Betreiberin des Erdgasnetzes in Berlin, die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg, antwortet auf Anfrage ähnlich wie Stromnetz Berlin. Man investiere zwar jährlich mehrere Millionen Euro in das Berliner Rohrnetz mit einer Länge von mehr als 7000 Kilometern und damit in eine sichere Gasversorgung in der Region, so der NBB-Sprecher Andreas Wendt gegenüber der Berliner Zeitung. „Dennoch kann es wie an allen technischen Anlagen auch zu Störungen kommen.“ Die Mehrzahl der Störungen im Berliner NBB-Rohrnetz werde ebenfalls durch Dritte verursacht. Interessanterweise hatte der letzte große Heizungsausfall in Berlin im Januar 2022 jedoch nichts mit der Gasversorgung zu tun. Rund 90.000 Haushalte in Ost-Berlin mussten stundenlang ohne Fernwärme und warmes Wasser auskommen, weil es infolge einer technischen Störung zu einem Stromausfall von nur fünf Minuten Dauer in einem Umspannwerk gekommen war.

Vattenfall, Berliner Grundversorger für Strom, sieht sich ebenfalls gut aufgestellt: „Wir kaufen unsere Strommengen an den Strommärkten ein, wo sie verfügbar sind, ob in Deutschland oder im Ausland, und zwar lange im Voraus“, sagt Vattenfall-Sprecher Christian Jekat auf Anfrage. Alle Vattenfall-Kunden seien deswegen gut eingedeckt. Sollte es in Berlin zu kurzfristigen Blackouts kommen, dann nicht wegen der fehlenden Strommengen, sondern wegen der eventuellen technischen Störungen im Stromnetz.

PCR-Raffinerie kämpft um Alternativen zum russischen Öl

Die Versorgung von Berlin und Brandenburg mit Öl wirkt dagegen unsicherer. Beim Gas war Berlin zum Beispiel nie besonders von Russland abhängig, denn das einheitliche deutsche Gasnetz verteilte die russischen Liefermengen auf alle Bundesländer. Beim Öl sind Berlin und Brandenburg dagegen so stark von Russland abhängig wie kein anderes Bundesland.

Nun verbietet die EU ab dem 5. Dezember die Einfuhr von russischem Rohöl über den Seeweg; Die Bundesregierung will darüber hinaus die Lieferungen über die russische Druschba-Pipeline bis zum Jahresende fast komplett einstellen. Diese Perspektive hat die Zukunft der PCK-Raffinerie in Schwedt, die Berlin und Brandenburg zu 95 Prozent mit Kraftstoffen versorgt, lange besorgniserregend gemacht.

Heute zeigt sich PCK-Geschäftsführer Ralf Schairer zuversichtlich, dass man die Raffinerie auch am 1. Januar betreiben und die Region mit Mobilität und Wärme versorgen werde. Dafür sei Öl über eine Pipeline aus dem Hafen Rostock geordert worden, sagte Schairer am Montag in Schwedt. Der Energiekonzern Shell, der an der PCK-Raffinerie einen Anteil von 37,5 Prozent hat, arbeitet nach seinen Angaben ebenfalls intensiv an den Alternativen zum russischen Öl. Neben der Versorgung per Pipeline über den Hafen Rostock sei zuletzt auch die Rohöllieferung via Danzig für Schwedt erfolgreich getestet worden, sagt Shell-Sprecherin Cornelia Wolber auf Anfrage. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die deutsche Mineralölwirtschaft vertritt, findet die Alternativen zum russischen Öl allerdings noch nicht abschließend geregelt. Die Kapazität der Versorgung über Rostock liege an der Untergrenze, welche die PCK-Raffinerie für einen Minimalbetrieb benötige, merkt der Verband kritisch an.

Welchen Preis müssen die Verbraucher dafür zahlen?

Die gefühlt mehr oder weniger gesicherte Energieversorgung von Berlin ändert jedoch nichts an der eigentlichen Frage in den nächsten Monaten, wenn nicht Jahren. Welchen Preis müssen die Verbraucher dafür zahlen, dass ihre Energielieferanten sie ununterbrochen beliefern können? Es ist durchaus damit zu rechnen, dass der Ölpreis nach seiner jüngsten Erholung bald wieder massiv steigen wird. Gasag verdoppelt ab Januar fast den Gaspreis in der Grundversorgung: Rund 500.000 Berliner Haushalte wären hiermit betroffen. Dabei gibt das Berliner Energieunternehmen nur die höheren Einkaufspreise der deutschen Gasimporteure weiter. Auch viele Stromanbieter verdoppeln ab Januar die Abschläge.

Die Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft und Energie ergänzt ihre Berichte deswegen um eine nüchterne Anmerkung: Die Versorgungssicherheit in Berlin sei zwar gesichert, aber die Lage sei angespannt und eine weitere Verschlechterung der Situation könne nicht ausgeschlossen werden. Alle müssten sich weiterhin auf sehr hohe Energiepreise einstellen und sparen, wo es nur gehe.