Lecks in Nord-Stream-Pipelines: Haben die Russen ihre eigene Infrastruktur beschädigt?

Bei Nord Stream 1 und Nord Stream 2 wurde Druckabfall festgestellt. Doch wie kann es zu Gaslecks kommen, wenn beide Pipelines nicht funktionieren? Was Behörden und Experten sagen.

Die Empfangsstation von Nord Stream 2 in Lubmin an der deutschen Ostseeküste.
Die Empfangsstation von Nord Stream 2 in Lubmin an der deutschen Ostseeküste.AFP

In der Nacht zum Montag traf es zuerst die Gaspipeline Nord Stream 2, die noch nie in Betrieb war: Die Dänische Energieagentur stellte an der Leitung einen Druckabfall und als Ursache ein Gasleck südöstlich der dänischen Insel Bornholm fest.

Etwas später am Tag gab auch der Betreiber der Schwesterpipeline Nord Stream 1, die Nord Stream AG mit Sitz in der Schweiz, bekannt: Das Kontrollzentrum der Leitung habe einen Druckabfall an beiden Strängen der Gaspipeline identifiziert, hieß es. Es handle sich um eine „beispiellose“ Zerstörung innerhalb eines Tages an drei Strängen des Nord-Stream-Pipelinesystems, und man könne nicht einschätzen, wann der Betrieb der Gastransportinfrastruktur wiederhergestellt werden könnte, erklärte ein Sprecher des Betreibers am Dienstag. Laut der schwedischen Seeschifffahrtsverwaltung leckt es aktuell an zwei Stellen sowohl im schwedischen als auch im dänischen Wirtschaftsgebiet.

Bundesnetzagentur: Keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit

Die Wiederherstellung des Betriebs der Pipelines scheint für deutsche Behörden auch nicht relevant zu sein. „Wir sehen keine Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit“, teilte der Sprecher der Bundesnetzagentur, Fiete Wulff, auf Anfrage der Berliner Zeitung mit. „Es fließt seit dem russischen Stopp der Lieferungen Anfang September kein Gas mehr durch Nord Stream 1.“ Und Nord Stream 2 ist sowieso nicht im Einsatz, lässt sich darauf hinzufügen.

Als Beweis, dass die beiden russischen Gaspipelines für Deutschland nicht mehr so wichtig sind, weist der Sprecher der Bundesnetzagentur auf deutsche Speicherstände hin. Sie würden weiter kontinuierlich ansteigen und aktuell bei rund 91 Prozent liegen, so Fiete Wulff. Die Bundesnetzagentur sei jedoch dabei, den Sachverhalt im Austausch mit dem Bundeswirtschaftsministerium und den betroffenen Behörden aufzuklären. „Aktuell kennen wir die Ursachen für den Druckabfall nicht“, betonte der Sprecher am Dienstagnachmittag.

Gezielte Anschläge? Sabotage?

Die Medien schreiben im Moment über eine mögliche Sabotage, organisiert von Spezialkräften oder mit Hilfe eines U-Boots. Es gebe Hinweise auf „gezielte“ Anschläge, berichtete der Tagesspiegel unter Verweis auf eine in die Bewertung durch die Bundesregierung „eingeweihte Person“. Auch der Spiegel berichtete unter Verweis auf Regierungskreise, dass die Bundesregierung einen Anschlag nicht ausschließe – mit dem Ziel, europäische Gasmärkte zu verunsichern.

Immerhin: Die europäische Gasbörse hat auf diese Nachricht kaum reagiert. Der Branchenverband Zukunft Gas hatte der Berliner Zeitung zuletzt erklärt, dass die ausbleibenden russischen Gaslieferungen schon zu Beginn des Monats Unsicherheit aus dem Markt genommen hätten, sodass weniger Spekulation stattfinde. Der Gaspreis ist deswegen am Montag konstant geblieben und am Dienstag nur sehr leicht auf 184 Euro pro Megawattstunde gestiegen.

Gasexperte erstaunt: „Die Röhren liegen nicht einfach rum …“

Die Nord Stream AG will sich bisher nicht an „Spekulationen“ über mögliche Ursachen für die Lecks beteiligen. „Es interessiert uns hauptsächlich die technische Untersuchung des Problems“, teilte ein Sprecher des Betreibers am Dienstagmittag der Berliner Zeitung mit. Man habe alle notwendigen Ressourcen mobilisiert, um zu verstehen, was und in welchem Ausmaß passiere. Neue Informationen hat der Betreiber bisher nicht veröffentlicht.

Dass die Prüfung so lange dauert, findet ein deutscher Experte im Bereich Gasinfrastruktur in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung etwas irritierend. Was hält er von der Version mit einem U-Boot? Der Experte dazu: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch nicht weiß, was passiert ist. Die Röhren liegen nicht einfach rum, so dass keiner sich darum kümmert. Diese Anlagen liegen auf dem Meeresboden, unterliegen allerhöchsten Sicherheitsanforderungen und dürften mit Seismographen und Kameras überwacht werden. Gerade weil sie so tief im Meer liegen und man relativ lange braucht, um ranzukommen, dürften sie ständig beobachtet werden.“

Der Gesprächspartner der Berliner Zeitung glaubt auch nicht, dass die Russen Interesse daran hätten, die eigene Infrastruktur zu beschädigen. Da auch die Gewässer von Dänemark beziehungsweise von Schweden kontrolliert werden, hätte man ein russisches U-Boot entdecken können.

Laut dänischen Informationen ist das Leck bei Nord Stream 1 etwas nördlicher vor der dänischen Insel Bornholm zustande gekommen, also nicht sehr weit von dem Leck bei Nord Stream 2 entfernt. Für Zufall spricht dies nicht. Die beiden Lecks sind gefährlich für die Schifffahrt, weshalb Schiffe die Fünf-Kilometer-Zone von diesen Orten aus nicht befahren dürfen. Der schwedische Seismologen-Monitor SNSN berichtete seinerseits über zwei mächtige Explosionen am Montag in der Nähe der beiden Nord-Stream-Pipelines. Schwedens Außenministerin Anna Linde hat am Dienstagnachmittag weiter erklärt, dass die schwedische Regierung wegen der mutmaßlichen Sabotageaktion gegen die Nord-Stream-Pipeline in schwedischen Gewässern in eine Krisensitzung gehe.


Warum wurden die Nord-Stream-Leitungen überhaupt mit Gas gefüllt?

Dass diese Lecks überhaupt möglich geworden sind, hat einfache Gründe. Zu Nord Stream 2 sagten sowohl Kreml-Chef Wladimir Putin als auch Gazprom-Chef Alexej Miller früher öfter, dass beide Stränge der Leitung längst mit Gas gefüllt worden und sofort betriebsbereit seien – es brauche nur ein Signal der westlichen Kunden. Damit wollte man Deutschland dazu bewegen, die Entscheidung über den Stopp der Pipeline zurückzunehmen.

Außerdem müssen die Gasleitungen rein technisch gesehen, genauso wie die Stromleitungen, einen gewissen Mindestdruck bewahren, um betriebsfähig zu bleiben. Aus diesem Grund wurde auch Nord Stream 1 trotz ausbleibender russischer Lieferungen teilweise noch mit Gas gefüllt.

Der Kreml hat sich angesichts der Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 „extrem besorgt“ gezeigt. Als Ursache könne „keine“ Option ausgeschlossen werden, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag. Kreml-nahe Gasexperten verweisen ihrerseits in den russischen Medien darauf, dass die Schweizer Firma Allseas den betroffenen Abschnitt von Nord Stream 2 in den dänischen bzw. schwedischen Gewässern gebaut habe. Deswegen sei es schwierig, die Russen für schlechte Arbeit verantwortlich zu machen, sollten die Lecks nicht infolge einer Sabotage zustande gekommen sein.

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