Gaspreis in Europa plötzlich „nur“ bei 100 Euro: Was haben die Verbraucher davon?

In nur einem Monat ist der Gaspreis an der Börse um fast 50 Prozent gesunken. Hat die geplante Gaspreisbremse damit etwas zu tun? Und was bedeutet das für uns Verbraucher?

Gasflamme und Aktienkurse.
Gasflamme und Aktienkurse.IMAGO/Silas Stein

Ein Blick auf die europäische Gasbörse TTF in Rotterdam lässt viele Medien gerade jubeln. Der Gaspreis ist in den letzten Tagen auf rund 100 Euro pro Megawattstunde gefallen: So niedrig war er seit Juni nicht mehr. Zum letzten Mal wurde Erdgas am 14. Juni zum gleichen Preis an der Börse gehandelt, als der russische Staatskonzern Gazprom die Gaslieferungen über Nord Stream 1 nach Europa bereits stark gedrosselt hatte.

Seitdem ging es mit dem europäischen Gaspreis immer bergauf, bis zu einem Höchststand von 340 Euro am 26. August. Bis Mitte Oktober stabilisierte er sich bei 160 bis 170 Euro pro Megawattstunde – und viele glaubten, das sei schon die neue Normalität, die Finanzminister Christian Lindner vorhersagte. Und jetzt kostet eine Megawattstunde plötzlich „nur“ noch 100 Euro. Das ist zwar höher als vor einem Jahr (87 Euro pro Megawattstunde am 26. Oktober 2021), aber immerhin nur um 15 Prozent. Ein Grund zum Optimismus?

Das sind die Gründe für den sinkenden Gaspreis

Der Branchenverband Zukunft Gas zeigt sich umsichtig. Der leitende Pressesprecher der Initiative der deutschen Gasimporteure, Charlie Grüneberg, erklärt der Berliner Zeitung: Dass der Börsenpreis weiter gesunken sei, liege an hohen Speicherfüllständen in ganz Europa, der verhältnismäßig milden Witterung und einer gesunkenen Nachfrage bei industriellen Verbrauchern. Vor zu viel Freude wird jedoch gewarnt: Die Preise an den Gashandelsplätzen würden nur eine Momentaufnahme zeigen.

„Produktionslinien, die wegen hoher Energiepreise pausieren, werden nicht wieder in Betrieb genommen, wenn die Energiepreise ein paar Tage sinken“, so Charlie Grüneberg. Der Gasmarkt sei weiterhin sehr volatil. Davon zeugt auch der Unterschied zwischen dem sogenannten TTF-Day-Ahead-Preis – also dem Preis für die Lieferung am nächsten Tag –, der gerade bei rund 28 Euro pro Megawattstunde liegt, und dem Preis für die Lieferung im nächsten Monat, nämlich 100 Euro. Insgesamt könnte sich die aktuelle Situation schon nach ein paar kalten Wochen schnell wieder ändern, warnt der Branchenverband weiter.

Diese Preise sind für die Verbraucher relevant

Eine Orientierungshilfe für die Endverbraucher bieten diese Komplexitäten des Gasmarktes nicht. Ist das Schlimmste zumindest schon vorbei? „Was für Industriekunden und Versorger relevanter ist, sind die Preise am Ende des Winters oder für den Winter 2023/24“, kommentiert der Verbandssprecher. „Da liegen wir bei Preisen um 140 Euro pro Megawattstunde.“

Ende dieses Winters soll auch die Gaspreisbremse endlich kommen. Ob allein deren Einplanung den Börsengaspreis bestimmt? Grüneberg kontert: „Nationale Initiativen wie die deutsche Gaspreisbremse vermögen nur einen geringen Einfluss auf die Preisentwicklung an den internationalen Märkten zu nehmen. Dagegen könnte ein Einkaufsklub, wie nun von der EU geplant, das Potenzial haben, den Preis innerhalb Europas zu beeinflussen.“ Gemeint sind die neuesten EU-Vorschläge zu gemeinsamen Gaseinkäufen und einer Preisobergrenze für die europäische Gasbörse TTF.

Doch auch sie müssen erst realisiert werden. Bis dahin würden sich die Gasversorger zum Teil mit langfristigen Lieferverträgen zu festgelegten Preisen und zum Teil mit mittelfristigen Verträgen eindecken, sagt Charlie Grüneberg. Kurzfristig fehlende Mengen würden sie an der Börse oder am Spotmarkt kaufen. „Der Endkunde, in diesem Fall der Verbraucher, zahlt immer den Durchschnittspreis aus all diesen Einkaufsstrategien. Das bedeutet, dass sich kurzfristige Entspannungen an den Gasmärkten nicht auf die Verbraucherpreise auswirken würden.“ Hinzu komme, dass Terminkontrakte, die während Zeiten höherer Preise geschlossen worden seien, über mehrere Jahre laufen werden. „Das heißt zum einen, dass bei den Verbrauchern die hohen Preise noch gar nicht vollständig angekommen sind, zum anderen, dass sich die Preislage auch erst nach und nach wieder entspannen wird.“

Insgesamt lassen sich laut Expertenkreisen keine belastbaren Aussagen über die Entwicklung der Gaspreise machen. Die Erwartung ist jedoch, dass mit einem weiteren Ausbau der LNG-Terminals in Europa die Importengpässe zunehmend verschwinden und die Großhandelspreise sich innerhalb der nächsten 18 Monate entspannen werden.

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