Berlin - Es gibt nur wenige Wirtschaftszweige, die in den vergangenen Jahren so einen rasanten Aufstieg erlebt haben wie die Windkraft-Branche. Es ist noch gar nicht lange her, dass die Anlagenbauer und -betreiber von den Vertretern der klassischen Energiewirtschaft allenfalls mit einem müden Lächeln bedacht wurden. In der Politik galt die Windkraft für viele als kostspielige Liebhaberei. Inzwischen entwickelt sie sich zum Rückgrat der deutschen Stromversorgunng - und gilt als Schlüsseltechnologie im Kampf gegen den Klimawandel.

Die Branche kennt hierzulande deshalb seit geraumer Zeit eigentlich nur eine Richtung: nach oben. So war es auch im vergangenen Jahr, wie der Bundesverband Windenergie und die Anlagenhersteller-Lobby VDMA Power Systems am Mittwoch in Berlin mitteilten.

Um 3.536 Megawatt wuchs unterm Strich die an Land installierte Windkraft-Leistung. Das war zwar deutlich weniger als im Rekordjahr 2014, aber immer noch das bisher zweitstärkste Jahr für den Wirtschaftszweig überhaupt. Die zusätzliche Leistung verteilt sich auf knapp 1.370 Windräder. Insgesamt sind hierzulande inzwischen 41.652 Megawatt Windenergie-Leistung installiert.

Deutschland ist drittgrößter Windkraft-Markt

"In dem starken Windjahr wurden mit 78 Terrawattstunden rechnerisch 20 Millionen Haushalte versorgt und zwölf Prozent des Bruttostromverbrauchs gedeckt", meldeten die beiden Verbände. Weltweit ist Deutschland der drittgrößte Windkraft-Markt nach China und den USA. Mehr als 130.000 Jobs hängen hierzulande von der Windenergie an Land ab.

Doch die Branche stellt sich auf tief greifende Veränderungen ein. Der Bundesregierung ist das rasante Wachstum suspekt geworden, sie will es in geordnetere Bahnen lenken. Ziel ist es, die Entwicklung der Strompreise zu bremsen. Denn schließlich zahlen die Stromkunden über ihre Rechnung für den Ausbau der Windenergie. Bis zum Jahr 2025 soll der Anteil der Erneuerbaren am Strommix von einem Drittel auf 40 bis 45 Prozent ansteigen, so sieht es der schwarz-rote Koalitionsvertrag vor. Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) will den Zuwachs der Onshore-Windenergie deshalb auf 2.500 Megawatt pro Jahr deckeln. Einige Vertreter der Koalition halten selbst das noch für zu viel.

Die Windkraft-Unternehmen sind deshalb in heller Aufregung. Nach ihrer Auffassung hat der Deutsche Markt ein Volumen von mehr als 4.000 Megawatt pro Jahr. Ein langsamerer Ausbau hätte "schwere Folgen für den Technologiestandort Deutschland", warnte am Mittwoch der Geschäftsführer von VDMA Power Systems, Matthias Zelinger. Die in Deutschland ansässigen Windanlagen-Hersteller müssten ihre Produkte im Heimatmarkt entwickeln und testen können. Zwei Drittel der hiesigen Produktion geht in den Export. Hersteller aus Deutschland kommen auf dem Weltmarkt auf einen Anteil von 20 Prozent.

Noch ein anderes Argument bringt die Wind-Lobby in eigener Sache vor: Ende vergangenen Jahres hat sich die Staatengemeinschaft bei der Klimakonferenz in Paris dazu verpflichtet, ihre Klimagas-Emissionen massiv zu reduzieren. "Wir brauchen eine Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren, wenn wir die dort gemachten Zusagen einhalten wollen", sagte am Mittwoch der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers. Ob sich Wirtschaftsminister Gabriel und der Gesetzgeber darauf einlassen werden, erscheint jedoch fraglich.