Berlin - Wenn sie jemand nach sicheren Aktien für die Altersvorsorge oder für den Sparplan für die Kinder fragte, dann fiel Anlageberatern früher zu allererst der Name Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk (RWE) ein. Denn jahrzehntelang war der Energieversorger ein perfektes Investment für Anleger, die zwar risikoscheu sind, aber trotzdem hohe Erträge wünschen: Der Energieriese erwirtschaftete verlässlich hohe Erträge, den er in Form von üppigen Dividenden an seine Anteilseigner weiterreichte.

Havarie von Fukushima auch Gau für RWE

Davon profitierten auch viele Kommunen in Deutschland. Vor allem in Nordrhein-Westfalen gibt es viele Städte, die an RWE beteiligt sind und einen wesentlichen Teil ihres Haushalts aus den Dividenden bestritten, die ihnen der Versorger zukommen ließ.
Doch dann kam der 11. März 2011: In Japan havarierte das Atomkraftwerk Fukushima und kurz darauf verkündete die Bundesregierung, dass Deutschland aus der Atomkraft aussteigen werde. Für RWE, das einen Großteil seiner Gewinne aus dem Betrieb seiner Atomkraftwerke erzielte, war diese Nachricht der Gau.

Der Aktienkurs erlebt seitdem einen Niedergang von einer für ein solch bedeutendes Unternehmen fast beispiellosen Intensität: Mehr als 80 Prozent seines Kurswerts hat RWE seit dem Fukushima-Unglück verloren. Die Dividende wurde radikal zusammengekürzt – worunter vor allem die ohnehin schon klammen Kommunen leiden, die an RWE beteiligt sind.

Kursverfall bedroht Verbleib im Dax

Nun dürfte die nächste Hiobsbotschaft für RWE und seine Aktionäre nicht mehr lange auf sich warten lassen: Durch den enormen Kursverfall der Aktie ist das Unternehmen jetzt akut vom Rausschmiss aus der Börseneliteliga, dem Deutschen Aktienindex (Dax) bedroht. Zwar will sich die Deutsche Börse in Frankfurt am Main, die für die Indexzusammenstellung verantwortlich ist, nicht direkt zu RWE äußern. Doch das Warnsignal, das die Börse aussendet, ist nicht zu überhören: „Wir überprüfen regelmäßig die Zusammensetzung des Dax. Wenn ein Dax-Mitglied kontinuierlich an Wert verliert, kann es passieren, dass er irgendwann absteigt“, so eine Börsensprecherin.

Stichtag 3. Dezember

Der nächste Termin, zu dem über einen Wechsel in der Zusammensetzung der Aktienindizes entschieden wird, ist der 3. Dezember. Wenn die RWE-Aktie dann, was die Marktkapitalisierung und den Börsenumsatz angeht, nicht mehr zu den Top-45 in Deutschland gehört, kann sie durch eine andere Aktie ersetzt werden.

Sollte RWE aus dem Dax ausscheiden, dürfte das den Aktienkurs weiter nach unten drücken. Dann müssen sich nämlich viele Investmentfonds, die den Dax nachbilden oder sich am Dax orientieren, automatisch von ihren RWE-Anteilen trennen und stattdessen Anteile an dem Unternehmen kaufen, das RWE im Dax ersetzt.

Ein möglicher Kandidat für die Nachfolge von RWE im Dax steht schon in den Startlöchern: Es ist der Immobilienkonzern Deutsche Wohnen , der sich mit dem Konkurrenten LEG Immobilien zusammenschließen will und durch die Fusion enorm an Börsenwert hinzugewinnen würde. Die Deutsche Wohnen liebäugelt übrigens schon länger damit, ihren Sitz nach Berlin zu verlegen. Dann hätte die Hauptstadt wieder einen Dax-Konzern. Ihren letzten hat sie 2006 verloren, als ihr Pharmakonzern Schering vom Leverkusener Konkurrenten Bayer geschluckt wurde.