Frankfurt - RWE verkauft seine Anteile an der Süwag Energie. Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern beendet damit monatelange Spekulationen über die Zukunft des regionalen Energieversorgers aus Frankfurt. Die Essener halten gut 77 Prozent an dem Unternehmen. Die RWE-Beteiligungsgesellschaft liegt in einem der wirtschaftsstärksten Ballungsräume der Republik und gilt in der Branche als begehrtes Kaufobjekt.

Noch bestätigt RWE die Verkaufspläne nicht offiziell. „Wir sind in Gesprächen“, sagt Konzernsprecherin Annett Urbaczka lediglich. Nach der Grundsatzerklärung des Managements im August, sich von Teilen der regionalen Vertriebsgesellschaften trennen zu wollen, gebe es „nicht Neues“ zu sagen.

Tatsächlich aber sind die Weichen für den Verkauf der Süwag längst gestellt. Nach Informationen der Frankfurter Rundschau wurden bereits alle 16 kommunalen Anteilseigner schriftlich befragt, ob sie von ihrem Vorkaufsrecht Gebrauch machen möchten. Spätestens bis Mittwoch kommender Woche müssen sie sich erklären, bestätigten mehrere Quellen unabhängig voneinander. Denn bereits fünf Tage später, am Montag, 16. Januar, will RWE, unterstützt von Beratern der KPMG, offiziell mit dem Verkaufsverfahren starten und Interessenten Einblicke in die Bücher der Süwag gewähren. Danach beginnt der Preispoker.

Ein Schnäppchen wird die Süwag nicht, auch wenn RWE nach dem politisch verordneten Atomausstieg unter Druck steht. Das Unternehmen hat ein Vertriebsgebiet von Neuwied im Rheinland über die Rhein-Main-Region hinaus bis nach Ludwigsburg vor den Toren Stuttgarts. Es bedient dort 850000 Privat- und Gewerbekunden mit Strom, Erdgas und Wärme.

Solch ein Unternehmen kommt nicht häufig auf den Markt. In der Branche heißt es daher, neben der börsennotierten Mannheimer MVV Energie könnten sogar ausländische Konzerne wie die französische EdF oder die russische Gazprom Interesse zeigen − und einen geschätzten Kaufpreis von mindestens 840 Millionen Euro bieten.

Kommunale Minderheitsaktionäre am Zug

Zunächst aber sind erst einmal die kommunalen Minderheitsaktionäre der Süwag am Zug. Uwe Becker, Stadtkämmerer und Beteiligungsdezernent in Frankfurt, hat bereits im vergangenen Jahr erklärt: „Wenn es zu einer Veräußerung kommt, wird die Stadt nicht nur zugucken, wer zugreift.“ Der erklärte Verfechter einer „stabilen, erfolgreichen regionalen Energiepolitik“ strebt eine enge Verzahnung der beiden Frankfurter Energieversorger, Süwag und Mainova, an. Das würde beiden Unternehmen im Wettbewerb helfen. Im betriebswirtschaftlichen Jargon ausgedrückt geht es dabei um Skaleneffekte, also um niedrigere Kosten und günstigere Preise, etwa beim Einkauf von Strom und Gas.

Dass Mainova und Süwag gut zusammenpassen, daran hat Becker keinen Zweifel. Er kennt beide Unternehmen aus dem Effeff: Der Christdemokrat sitzt hier wie da im Aufsichtsrat. Die Stadtwerke Frankfurt Holding, die als Aktionär die Mainova dominiert, hält als größter Einzelaktionär hinter RWE knapp sechs Prozent an der Süwag.

Bereits seit Wochen ist Becker dabei, ein kommunales Bündnis für den Erwerb der Süwag zu schmieden. „Es laufen permanent Gespräche“, bestätigt seine Mitarbeiterin Anne Rückschloß. Details aber will sie nicht nennen. Es sei „Stillschweigen vereinbart“. Für die nächsten Wochen allerdings kündigt sie − passend zum RWE-Terminkalender − eine Pressemitteilung an.

Tatsächlich ist der Gesprächsbedarf bei den Kommunen groß. Jüngst meldete sich Wiesbadens Oberbürgermeister Helmut Müller (CDU) zu Wort. Er will mitmachen bei einer kommunalen Übernahme der Süwag − die Stadt allerdings ist bei dem Unternehmen vor einigen Jahren ausgestiegen und hält aktuell keine Anteile mehr daran, besitzt also kein Vorkaufsrecht mehr. Möglich wäre ein Wiedereinstieg trotzdem, allerdings erst nach dem Erwerb durch die bisherigen kommunalen Anteilseigner. Zusätzliche Komplikationen verursacht Müller, weil er sich nicht über seine Zukunftspläne für die ESWE äußert, den Versorger der Landeshauptstadt. „Das betriebswirtschaftlich Beste wäre ein Versorger für das Rhein-Main-Gebiet“, sagt ein Manager aus der Region. Aber sagt das auch Müller?

Während Wiesbadens OB gerne mit im Boot säße, wissen andere noch nicht, ob sie an der Süwag beteiligt bleiben sollen. Der Main-Taunus-Kreis ist dafür ein Beispiel. Dort wird Geld für die Klinik-Gesellschaft gebraucht. Ein Verkauf der Süwag-Anteile könnte die Probleme lösen. Doch der Kreistag schwankt noch. Im vergangenen Jahr hat er zunächst einmal die Kreisumlage erhöht, um Zeit zu gewinnen.

Die Pläne für ein kommunales Anbieterkonsortium kann das allerdings nicht durchkreuzen. „Das ist kein Problem. Es gibt Andienungspflichten, und es gibt Partner, die bereit sind, diese Anteile zu übernehmen“, sagt Rainer Kaul (SPD), Landrat des Kreises Neuwied.

Vorkaufsrecht sichert Zuschlag nicht

Kaul will wie Becker die Energiewende mit starken kommunalen Gesellschaften schultern. „Anders schaffen wir das nicht“, sagt er im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau. Zufrieden verkündet er stellvertretend für die vier kommunalen Anteilseigener aus Rheinland-Pfalz: „Wir stehen geschlossen.“ Andernorts erwarte er das auch.

Ob der gemeinsame Auftritt eines kommunalen Bieterkonsortiums genügt, um letztlich auch den Zuschlag für die RWE-Anteile zu bekommen, muss sich zeigen. Es hängt davon ab, wie viel gegebenenfalls Konkurrenten wie Gazprom oder MVV bieten. Ihr Vorkaufsrecht allein garantiert den Minderheitsaktionären den Zuschlag nicht. Sie müssen schon mit dem höchsten Gebot mithalten.

Süwag-Chef Knut Zschiedrich jedenfalls wünscht sich „starke kommunale Partner“. Er hat wie Becker und Kaul ein Faible für die Energiewende. Naturgemäß möchte er die Süwag aber auch als eigenständiges Unternehmen mit „Dreiländeranker“ erhalten. Eine Garantie dafür wird er allerdings nicht erhalten. In allen drei Bundesländern wird darüber nachgedacht, ob der heutige Zuschnitt „dauerhaft die richtige Lösung ist“, sagt Kaul. Als Alternative böte sich an, die jeweiligen Teile der Süwag mit Unternehmen vor Ort zu verschmelzen. Doch das werde „hinterher in Ruhe überlegt.“