Das Ende des deutschen Aluminiums: „Weniger Wohnungsbau und keine Teslas mehr“

Der Branchenverband Aluminium Deutschland schlägt Alarm. Eine Abrechnung von Energiekosten zeigt, dass sich die Aluminium-Produktion in Deutschland nicht mehr lohnt.

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Aluminium-Extrusion bei Hammerer Aluminium Industries (HAI)HAI

Die Energiekrise in Deutschland und Europa hat bereits mehr Folgen als die zunehmend unbezahlbaren Gas- und Stromrechnungen der Endverbraucher. Der Staat will uns zumindest im Dezember mit der Übernahme des Gasabschlags unterstützen, bevor die Gas- und Strompreisbremsen dann irgendwann kommen. Die Industrie bekommt aber vorerst nichts. Dabei ist die Lage so ernst wie nie.

Die Aluminiumindustrie ist ein Paradebeispiel. Da die Primärhütten in Deutschland besonders energieintensiv sind, ist die Primäraluminiumproduktion in Deutschland nach Angaben des Branchenverbandes Aluminium Deutschland im zweiten Quartal 2022 schon um 28 Prozent geschrumpft. Diese Tendenz wird sich, so die Erwartung, nur beschleunigen.

„Ohne Aluminium gibt es keine E-Autos“

Bei den Primärhütten sind die rekordhohen Strompreise der Grund, bei der verarbeitenden Aluminiumindustrie dagegen die Mondpreise für Gas. Wenn die Politik hohe Energiepreise nicht in den Griff bekommt, werden energieintensive Unternehmen bald aus Deutschland abwandern oder pleitegehen, warnt der Chef des Verbandes, Rob van Gils. Deutschland, das auf die Importe von Rohaluminium angewiesen sei, wäre dann komplett von Importen aus anderen Staaten abhängig – die Arbeitsplätze gingen verloren. Stichwort Deindustrialisierung Deutschlands.

„Am Ende betrifft das uns alle“, erklärt van Gils, der selbst Geschäftsführer beim österreichischen Hersteller Hammerer Aluminium Industries mit vier Standorten in Deutschland ist, der Berliner Zeitung. Ohne eigenen Leichtbau, also die verarbeitende Industrie, könne es keine E-Mobilität geben, denn die Batterien von E-Autos bräuchten Schutzkästen aus Aluminium. Alle Automobilhersteller hierzulande wären betroffen.

„Wenn das Tesla-Werk in Grünheide seine Fertigprodukte hierzulande nicht bekommt, wird es seine Autos nicht mehr bauen können“, so der 43-Jährige mit Blick auf Berlin. Die Autohersteller könnten zwar auf die Importe umsteigen, doch dies könne nicht „von heute auf morgen“ passieren. Auch die Solarpaneele bräuchten Aluminiumrahmen, und die energieeffizienten Gebäude Fassaden aus Aluminium. Der Wohnungsbau würde sich deswegen grundsätzlich wegen der Inflation und konkret wegen der möglichen Lieferengpässe bei Aluminiumprodukten deutlich verteuern.

Energiekosten im August viermal so hoch wie der Preis von Aluminium

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt eine einfache Abrechnung von Energiekosten. Im August erreichte der Strompreis im Großhandel einen Rekord von rund 600 Euro pro Megawattstunde. Um eine Tonne Aluminium zu produzieren, braucht eine durchschnittliche Primärhütte nach Angaben des Verbandes bis zu 15 Megawattstunden Strom. Am Ende ergibt das 9000 Euro allein für Strom – während der globale Börsenpreis für eine Tonne Aluminium bei 2200 bis 2300 Euro pro Tonne liegt.

Zum Vergleich: Der Börsenpreis für Strom lag im August 2021 nur bei 83 Euro pro Megawattstunde durchschnittlich. Im Oktober wird Strom zwar durchschnittlich für rund 170 Euro pro Megawattstunde gehandelt. Das ergibt jedoch 2550 Euro Energiekosten pro Tonne Aluminium. Der Wert liegt hiermit weiterhin über dem Börsenpreis für das Produkt.

Deswegen hat der Aluminiumproduzent Speira im September angekündigt, seine Produktion von Primäraluminium in Neuss in Nordrhein-Westfalen künftig wegen zu hoher Strompreise zu halbieren. Der günstig beschaffte Strom aus alten Verträgen geht Berichten zufolge nun an andere Werke des Unternehmens oder wird zu höheren Preisen auf dem freien Markt verkauft, weil das aktuell mehr Gewinn einbringt als der Aluminiumverkauf.

Deutschlands anderer wichtiger Primäraluminiumhersteller, Trimet Aluminium, drosselte seine Schmelzkapazitäten in Essen schon im März um 50 Prozent, nach den Kürzungen an Standorten in Hamburg und Voerde um jeweils 30 Prozent bereits im Oktober 2021. Das Problem ist nicht typisch deutsch: Im Nachbarland Frankreich lagen die Strompreise im Großhandel im August sogar bei über 1000 Euro pro Megawattstunde. Der französische Hersteller Aluminium Dunkerque drosselte im September seine Schmelzkapazitäten jedoch nur um 22 Prozent.

Die aktuell niedrigeren Strompreise dürften nicht für viel Optimismus sorgen: Im schlimmsten Szenario könnte eine Megawattstunde Strom 2023 im Großhandel wieder bis zu 500 Euro kosten, zeigen die Studien. Das gleiche gilt auch für den Gaspreis, der aktuell wieder auf die Juni-Marke von rund 100 Euro pro Megawattstunde gefallen ist. Die EU-Vorschläge zu gemeinsamen Gaseinkäufen und einer Preisobergrenze für die europäische Gasbörse TTF dürften dazu beigegetragen haben, der Branchenverband Zukunft Gas spricht jedoch über eine Momentaufnahme und warnt vor zu viel Optimismus. Die Aluminiumindustrie dringt deswegen weiter auf konkrete Lösungen für nachhaltig niedrigere Strom- und Gaspreise. 

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