Denn es folgten Rückschläge. Der schwerste datiert vom März 2011, als es im japanischen Fukushima nach Erdbeben und Tsunami in drei Reaktoren zur Kernschmelze kam. Unter dem Eindruck der Katastrophe beschloss Deutschland, aus der Kernkraft auszusteigen. Länder wie die Schweiz, Italien und die USA stornierten Projekte oder schoben sie auf die lange Bank. „Noch ein Fukushima“, sagt Areva-Chef Luc Oursel auf einem der Diskussionsforen der Messe, „können wir uns nicht leisten, dann wäre alles zerstört.“

Bestätigung für Atomkraftgegner

Anders als erhofft, hat sich der Atomstrom auch noch als äußerst kostspielig herausgestellt. In Frankreich wird er nur deshalb preisgünstig angeboten, weil der Staat kräftig zuschießt. Ginge es nach den Produktionskosten, müssten die Strompreise explodieren. Die ursprünglich mit drei Milliarden Euro angesetzten Herstellungskosten des modernen Druckwasserreaktors EPR liegen mittlerweile bei 8,5 Milliarden. Vor allem aber schlagen die anstehenden Renovierungskosten veralteter Kraftwerke zu Buche. Vier von fünf der französischen Reaktoren erreichen zwischen 2017 und 2027 die ursprünglich vorgesehene Lebensdauer von 40 Jahren. EdF möchte sie weitere zehn bis 20 Jahre am Netz lassen und beziffert den Wartungs- und Modernisierungsaufwand mit 55 Milliarden Euro.

Die Atomkraftgegner des Landes, die all dies vorausgesagt haben, dürfen sich bestätigt sehen. Die Genugtuung hält sich gleichwohl in Grenzen. Um ernsthaft Paroli bieten zu können, fehlt der gesellschaftliche Rückhalt. Zu den profiliertesten Mitgliedern der Anti-Atomkraft-Bewegung zählt die Initiative Sortir du Nucléaire (Aus dem Nuklearen aussteigen). Aber selbst sie führt ein Randgruppen-Dasein, agiert verhalten, aus der Deckung heraus. Im hintersten von drei durch kleine Tunnel verbundenen Pariser Hinterhöfen residiert sie. Weder am Haustor noch an der Bürotür deutet etwas darauf hin, dass Atomkraftgegner hier ihrer Arbeit nachgehen, ja Widerstand organisieren.

„Rund 30 Prozesse haben wir bereits gegen EdF oder Areva geführt“, erzählt Charlotte Mijeon (29), Sprecherin von Sortir du Nucléaire. Gestützt auf Dokumente der Agentur für Nuklearsicherheit (ASN) analysieren Mijeon und ihre Mitstreiter Reaktorpannen, versuchen Verantwortliche vor Gericht zur Rechenschaft zu ziehen. Wenn etwa durch ein Leck Tritium austrete, könne das den Betreiber ein paar tausend Euro Geldbuße kosten. Nadelstiche könne man so setzen, dem Image der Atomlobby Kratzer verpassen.

Es zählen die Jobs

Doch es fehlt an Verbündeten. Die Gefahren der Atomkraft seien für die meisten Franzosen zweitrangig, hat Mijeon feststellen müssen. Obwohl Sicherheitsexperten einräumten, dass sich jederzeit ein Reaktorunfall ereignen könne, treibe die Menschen der bereits eingetretene Schadensfall um, die Wirtschaftsmisere, die Arbeitslosigkeit. An der Atomwirtschaft hängen 125 000 Jobs. Das vor allem zählt.

Selbst die Grünen scheinen den Kampf gegen die Kernkraft hintenangestellt zu haben. In der Nationalversammlung haben sie für das Energiewendegesetz gestimmt. Was für sie zählt, ist der Fortschritt auf anderen ökologisch bedeutsamen Feldern. In dem Gesetz sind ehrgeizige Klimaziele ausgewiesen. So soll der Energieverbrauch bis zum Jahr 2050 halbiert, der Ausstoß von Treibhausgasen um 75 Prozent reduziert werden.

Mijeon, die nach einem Studium der Politikwissenschaften vor sechs Jahren zu Sortir du Nucléaire gestoßen ist, erwartet keine Energiewende, die den Namen verdient. Hollande werde auf der Pariser Klimakonferenz Ende 2015 die Kernenergie als Ausweg aus der Katastrophe preisen, prophezeit die Aktivistin und fügt hinzu: „Gut möglich, dass der Präsident den versammelten Staatenlenkern bei der Gelegenheit gleich noch ein paar Atomkraftwerke verkauft.“