Energiepreise: Kampf ums Gas

BRÜSSEL/BERLIN - Europa sorgt sich ums Öl. Und ausnahmsweise mal nicht um das offene Olivenöl, das die EU-Kommission gerne von Europas Bistrotischen verbannen würde. Die Staats- und Regierungschefs der EU diskutieren am Mittwoch auf ihrem Gipfel in Brüssel über die künftige Energiepolitik. Das ist ein gutes Zeichen. Nach fünf Jahren und 31 Gipfeln Euro-Krisen-Bewältigung schaltet Europa in den Normalmodus.

Die Energie wurde schon früh ins Zentrum der Beratungen gerückt. Schließlich geht es hier um „die Grundlagen der Wettbewerbsfähigkeit“, wie es ein EU-Diplomat am Dienstag erklärte.

US-Firmen sparen Milliarden

In ihrem Streben nach globaler Wettbewerbsfähigkeit haben die EU-Staaten in den vergangenen Jahren das Lohnniveau gedrückt. Nun nehmen sie den nächsten Kostenblock ins Visier, um die Unternehmen zu entlasten: Öl und Gas. Alarmiert sind die EU-Politiker durch die Entwicklungen in den USA. Dort hat die boomende Förderung von Schiefergas und -öl die Energiepreise gedrückt. Dadurch gewinnt die amerikanische Industrie einen Vorsprung. „Die Europäer sollten diese Bedrohung ihrer Industrie ernst nehmen“, mahnt Patrick Artus, Ökonom der französischen Bank Natixis.

Rund ein Drittel des in den USA verbrauchten Gases wird derzeit durch sogenanntes Fracking gewonnen. Dabei wird Gas aus Schiefergestein tief unter der Erde gelöst. Die Technologie ist unter anderem deshalb umstritten, weil dabei Chemikalien eingesetzt werden, die auch das Trinkwasser verunreinigen könnten. In 30 Jahren soll nach US-Planungen der Anteil des Fracking-Gases auf rund die Hälfte allen geförderten Gases steigen.

Das Fracking macht Energie für Amerika kostengünstig. Die Differenz zu Europa ist beachtlich: Eine Million British Thermal Units (BTU) Gas kosten in den Vereinigten Staaten derzeit etwa vier Dollar, in Europa zehn Dollar. Bei einer Differenz von sechs Dollar sparen Amerikas Unternehmen mehr als 100 Milliarden Dollar jedes Jahr, errechnet Natixis-Ökonom Artus.

Das macht die USA zu einem attraktiven Standort für energieintensive Branchen, von der Chemie bis zur Metallverarbeitung. Auch der deutsche Chemiekonzern BASF hatte sich zuletzt beim Bau einer neuen Anlage für den Standort Amerika entschieden. Der günstigen Energiepreise wegen.

Nun stehen die Europäer unter Druck. Um den Kostennachteil auszugleichen, müssten die Löhne in der europäischen Industrie gegenüber der US-Konkurrenz um 15 Prozent sinken, so Artus. Da das Lohnniveau in den Vereinigten Staaten allerdings ohnehin niedriger ist als in Europa, summiere sich der Kostennachteil für die europäischen Konzerne auf 20 Prozent. „Es ist von daher nicht überraschend, dass die USA eine Reindustrialisierung erleben und weltweit Marktanteile zurückgewinnen, vor allem auf Kosten der Europäer“, erklärt der Ökonom.

Energie-Revolution fällt erst mal aus

Was die Förderung von Schiefergas und -öl für Amerika zusätzlich attraktiv macht: Es ersetzt teure Energie-Importe. Im Jahr 2005 deckten die USA noch 60 Prozent ihres Bedarfs an flüssigen Brennstoffen durch Einfuhren. Seitdem ist der Importanteil auf etwa 40 Prozent gefallen und dürfte sich in den nächsten Jahren weiter verringern, prophezeit Bernd Weidensteiner, Ökonom bei der Commerzbank.

In Europa dagegen ist Fracking wegen seiner ökologischen Risiken umstritten, in vielen Ländern ist es verboten. Doch wegen der Kostenvorteile kämpft der deutsche EU-Energiekommissar Günther Oettinger weiter für die Technologie. So ermahnte der CDU-Politiker Deutschland, auch die Potenziale der Fracking-Technik zu beachten. „Wir müssen bereit sein, gewisse Risiken einzugehen, wenn wir wettbewerbsfähig bleiben sollen“, sagte er.

Doch Europas Energie-Revolution fällt vorerst aus. Das Wort Schiefergas findet sich nicht in einem ersten Entwurf zur Gipfelerklärung. „Das geht über Grundsatzdebatten nicht hinaus“, sagte ein EU-Diplomat.

Vor allem in Osteuropa ist die Begeisterung für das Schiefergas groß. In Litauen, Polen und Ungarn verspricht man auch eine geringere Abhängigkeit vom russischen Staatskonzern Gazprom. Doch gibt es auch Rückschläge. Die Energiekonzerne Exxon und Marathon brachen Erkundungen in Polen ab. Der billige Rohstoff befinde sich in zu großer Tiefe. Nichts also war es mit der „Flamme der Hoffnung“ wie die erste Schiefergas-Anlage in Polen noch feierlich getauft wurde. Bis Jahresende will die EU Möglichkeiten der Förderung per Fracking untersuchen, hieß es.

Die Wende bleibt aus

Auf dem Gipfel am Mittwoch werden daher vor allem technische Details behandelt, vor allem unter dem Stichwort der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrie. So gehe es um den Vollendung des Energie-Binnenmarktes bis 2014, erläuterten Diplomaten. Sprich mehr Wettbewerb und die Hoffnung darüber die Preise zu senken. Direkte Eingriffe aber soll es nicht geben. Das sei „Sozialpolitik und primär Aufgabe der Mitgliedstaaten“, so ein EU-Diplomat am Mittwoch.

Beim Ausbau der Energienetze äußerten sich Diplomaten zurückhaltend. Das sei Sache des Marktes und der Firmen. Ein Investitionsprogramm der EU etwa werde es nicht geben. Auch das Thema erneuerbare Energien findet sich nicht in ersten Entwürfen zur Gipfelerklärung. Die Energiewende bleibt also erst mal aus.