Energiewende andersrum: Atomkraft in der Grafschaft Somerset

In bemerkenswertem Gegensatz zu Deutschland will das Vereinigte Königreich in der Grafschaft Somerset zwei neue Atomreaktoren bauen. „Damit wird die britische Nuklearindustrie neu gestartet“, erklärte Premierminister David Cameron. Kritik an dem Projekt gibt es kaum. Anders als die Deutschen sind die Briten eher atomkraftfreundlich. Selbst nach dem Unglück von Fukushima hat es nie ernsthafte Diskussionen über einen Atomausstieg gegeben.

Lediglich mit dem garantierten Abnahmepreis für den Atomstrom, den der französische Stromkonzern EDF aushandeln konnte, sorgte das aktuelle Projekt für hitzige Diskussionen. Für jede produzierte Megawattstunde aus den neuen Druckwasserreaktoren in Hinkley Point soll der französische Stromkonzern EDF über 35 Jahre einen Betrag von 92,50 Pfund erhalten. Das ist fast das Doppelte des jetzigen Marktpreises. Die Kosten werden auf 14 Milliarden Pfund veranschlagt, das sind rund 16,5 Milliarden Euro.

Darauf hat sich die britische Regierung mit dem Stromkonzern EDF geeinigt. Der französische Energieriese führt ein Konsortium an, zu dem zwei staatseigene chinesische Firmen gehören. Somit verschafft der Großauftrag nebenbei erstmals Atomfirmen aus China den Einstieg in den europäischen Markt.

Großbritanniens Energieminister wirbt heftig für das Vorhaben. Erstmals werde ein Atomkraftwerk nicht mit dem Geld britischer Steuerzahler gebaut, erläuterte Edward Davey am Montag. Zuvor hatte die Regierung bereits von einer Ankurbelung der Wirtschaft und von bis zu 25 000 neuen Arbeitsplätzen gesprochen.

Die neuen Reaktoren sollen 2023 fertiggestellt sein und bis zu sieben Prozent des Energieverbrauchs im Land abdecken. Zuletzt war 1995 ein Kernkraftwerk ans Netz gegangen. Doch die letzte Reaktorgeneration nähert sich dem Laufzeitende, von aktuell neun sollen acht bis 2023 abgeschaltet werden. Premier Cameron spricht denn auch davon, „den zukünftigen Energiebedarf und die langfristige Versorgung sicherzustellen“.

Ob die Argumente genügen, die Debatte um die massiv gestiegenen Energiekosten zu beenden, wird sich zeigen. Das Thema hatte in den vergangenen Wochen immer wieder für Entrüstung gesorgt. Zuletzt rügte das Oberhaupt der Anglikanischen Kirche die Energiekonzerne: Sie sollten ihre „moralische Verpflichtung“ über die Profitgier stellen. Erzbischof Justin Welby sprach übrigens nicht so weltfremd, wie es klingt: Er war früher Manager in der Ölbranche.