Berlin - Dicke Luft in der Energiebranche: Die kommunalen Unternehmen attackieren die vier großen Netzbetreiber, warnen vor einem neuen Oligopol und vor steigenden Strompreisen für die Verbraucher. Letztlich geht es um eine Neuausrichtung der Energiewende. Anlass für die Alarmrufe ist indes ein Antrag, der kürzlich bei der Bundesnetzagentur als zuständiger Aufsichtsbehörde einging.

Die vier Betreiber der deutschen Stromautobahnen (Tennet, Amprion, 50Hertz, TransnetBW) wollen sogenannte „Netzstabilitätsanlagen“ errichten, und zwar in Süddeutschland mit einer Leistung von maximal zwei Gigawatt - das entspricht etwa anderthalb Atomkraftwerken oder dem Strombedarf von rund zwei Millionen Haushalten. Die Netzagentur erklärte auf Anfrage, der Antrag der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) werde geprüft. Die Entscheidung soll bis Mitte April fallen – eine Genehmigung halten Insider für wahrscheinlich.

Anlagen sollen bei Engpässen einegsetzt werden

Im neuen Energiewirtschaftsgesetz wird der Bau solcher Anlagen vorgeschrieben, wenn der Bedarf nachgewiesen wird. Aus dem Antrag geht hervor, dass dies aus Sicht des Betreiber-Quartetts außer Frage steht. Es soll sich um Anlagen handeln, die bei Engpässen in der Stromversorgung zum Einsatz kommen sollen.

Und diese Notsituationen könnten südlich der Mainlinie verstärkt eintreten, wenn Ende 2022 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet ist – bis dahin gehen im Süden der Republik vier Meiler vom Netz. Deren Leistung von um die sieben Gigawatt soll durch neue Stromautobahnen der Netzbetreiber kompensiert werden, die elektrische Energie aus Windkraft von Nord nach Süd transportieren, aber frühestens 2025 fertiggestellt sein werden. Für mindestens drei Jahre braucht es laut ÜNB so etwas wie Übergangslösungen.

Das Novum bei den Netzstabilitätsanlagen: Die Vier wollen die Kraftwerke nicht nur selbst errichten, sondern auch betreiben. Und das bringt die kommunalen Unternehmen auf die Palme. In der Strombranche gilt generell das Prinzip des Unbundlings, der Trennung von Netzbetrieb und Stromerzeugung, um Machtkonzentration zu verhindern. „Nun aber scheinen die vier Übertragungsnetzbetreiber selbst auf eine beherrschende Stellung im System der deutschen Energieversorgung hinzuarbeiten“, sagt Constantin Alsheimer, Chef des Frankfurter Versorgers Mainova.

Kommunale Unternehmen befürchten Wiederkehr eines Oligopols

Es drohe die Wiederkehr eines Oligopols. Die Kosten für die neuen Aktivitäten der Vier werden letztlich die Kunden zahlen; über die Netzentgelte, die einen immer größeren Anteil an der Stromrechnung ausmachen. Auch Josef Hasler, Chef des Nürnberger Versorgers N-Ergie, sieht in den Plänen „eine Abkehr vom Prinzip des Wettbewerbs“. Die beiden Manager haben Katherina Reiche, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes Kommunaler Unternehmen, (VKU) auf ihrer Seite: Regelungen zum Unbundling würden aufgeweicht. „Das Ergebnis werden weniger Markt, weniger Wettbewerb und höhere Energiepreise für die Verbraucher sein“, sagte Reiche dieser Zeitung. Dies widerspreche den Zielen der Energiewende.

Die Netzbetreiber weisen die Vorwürfe zurück. Es werde nur ausgeführt, was das Gesetz vorschreibe, so eine Tennet-Sprecherin. Die zusätzlichen Anlagen würden nicht am regulären Strommarkt teilnehmen, sondern nur in Ausnahmefällen für kurze Zeit zugeschaltet. Eine Sprecherin von TransnetBW betont, dass es sich um einen auf wenige Jahre befristeten Einsatz von mehreren kleineren Gaskraftwerken handele.

Gut möglich, dass mobile modulare Anlagen zum Einsatz kommen, die jeweils aus mehreren Containern zusammengebaut werden. Sie sollen schnell hochgefahren werden, um beim sogenannten Redispatch eingesetzt zu werden. Dabei ordnen die ÜNB an, Kraftwerke vor einer Engstelle herunterzufahren. Hinter der Engstelle werden zusätzliche Anlagen angeworfen, um den Bedarf zu decken. Dieser Strom muss teuer eingekauft werden.

Es geht um die Verteilung von Geld

Das macht deutlich, dass es bei dem Streit schlicht auch um die Verteilung von Geld geht. Kommunale Unternehmen wollen am Redispatch mitverdienen. Die ÜNB wollen nach Einschätzung von Branchenkennern mit den eigenen Anlagen von Stromlieferanten unabhängiger werden: Es gibt Beispiele aus den USA, wo regional starke Stromproduzenten Leistung ihrer Anlagen bewusst drosselten, um dann teuren Redispatch-Strom losschlagen zu können.

Reiche indes pocht darauf, neue Wege zu gehen. Anstelle zentraler Lösungen brauche es „intelligente Verteilnetzcluster“. Sie meint damit, auf lokaler Ebene Angebot und Nachfrage neu zu organisieren. Auch Alsheimer und Hasler fordern,  alternative Konzepte mit dem Einsatz von Speichern, mit flexiblerem Verbrauch bei großen Unternehmen und mehr Erneuerbaren in Süddeutschland.