Lago Agrio - Gut zwanzig Kilometer sind es von der Fähre über den Aguarico bis Shushufindi. Etwa auf halber Strecke zweigt von der asphaltierten Straße rechts ein breiter Fahrweg ab. Im Regenwald tut sich eine planierte, rechteckige Freifläche von der Größe eines Fußballfeldes auf. Das armdicke Rohr, das mal auf Stelzen über der Erde, mal im Boden versenkt, seit geraumer Zeit die Straße begleitet hat, führt in die Mitte der Lichtung zu einem mannshohen grünen Gebilde, das mit seinen Ventilen und Absperrhähnen an einen etwas zu groß geratenen Hydranten erinnert. Spannenderes ist nicht zu sehen auf der AG 4. Ölförderplattformen wie diese gibt es in Ecuadors Amazonasregion zu Hunderten.

Doch nicht alle sind gleich. „Atmet jetzt lieber durch den Mund als durch die Nase, sonst steigen euch die Ausdünstungen direkt ins Gehirn“, sagt Paola Carrera von der Umweltbehörde der Provinz Sucumbíos, und ehe auch nur eine Nachfrage möglich ist, ob da wirklich ein Zusammenhang besteht, klettert die 37-Jährige bereits schnaufend einen Abhang hinunter. Dort erstreckt sich, überwuchert von üppigem Tropengewächs, ein rotbrauner Sumpf, rotbraun wie die Erde Amazoniens. Hineingesprenkelt in die Wasserlache aber sind große schwarze Flecken. Die Luft stinkt nach Tankstelle.

90 Mal „Deepwater Horizon“

„Von 1974 bis 1986 hat Texaco oben auf der Plattform Öl gefördert“, erklärt Paola, während ihr die Schweißperlen das runde Gesicht herunterrinnen. „Im Vertrag mit der Regierung hatte sich der Konzern verpflichtet, seine modernsten Technologien einzusetzen und Ölreste und verunreinigtes Wasser wieder in tiefe Bodenschichten einzuleiten. Was er wirklich getan hat, seht ihr hier.“ Sie lässt sich einen herumliegenden langen Zweig reichen, und als messe sie den Ölstand in einem Automotor, versenkt sie ihn vor ihren wippenden Gummistiefeln senkrecht im Schlamm. Als sie den Zweig wieder emporzieht, ist das Holz auf anderthalb Metern Länge von einem schwarzen Film überzogen. „Viel tiefer wäre es nicht mehr gegangen“, sagt Paola. „Auch darunter liegt zwar noch metertief Öl, aber diese Schichten sind mit den Jahren zu zäh geworden.“

Eine Menge Abfall entsteht, wenn man der Erde ihr „schwarzes Gold“ abzapft, und das allerwenigste davon ist der Gesundheit von Mensch und Tier und Pflanze zuträglich. Das Rohöl selbst enthält Schwermetalle wie Blei und Quecksilber, die Krebs erregen können. Gefahr geht auch von dem mit Öl vermischten und hochgradig salzhaltigen Tiefenwasser aus, das bei der Ölförderung in großen Mengen anfällt. Üblicherweise wird es zu einem ausgedienten Bohrloch gepumpt und dort wieder mehrere tausend Meter tief in die Erde gepresst. „Daheim in den USA ging Texaco auch so vor“, sagt Paola. „In Ecuador sparte sich das Unternehmen diesen Aufwand.“

Um ihren Zuhörern die Dimension der Umweltzerstörung begreiflich zu machen, erinnert Paola an die Explosion der Bohrplattform „Deepwater Horizon“ vor drei Jahren. 780 000 Kubikmeter Öl flossen damals in den Golf von Mexiko. Ein schreckliches Unglück, begünstigt durch Leichtsinn schon bei der Planung der Anlage, aber eben doch ein Unglück.

Was Texaco jedoch hier auf der AG 4 und auf 341 weiteren Bohrplattformen in Ecuador anrichtete, übertraf das Ausmaß der „Deepwater“-Katastrophe fast um das 90-fache: Rund 68 Millionen Kubikmeter Öl und Ölabfälle ließ der Konzern nach Angaben von Gutachtern zwischen 1972 und 1992 im Erdreich versickern oder in offenen Wannen vor sich hin suppen, oder es leitete die giftige Brühe direkt in die Flüsse ein. Vorsätzlich und im Wissen um die absehbaren Folgen. Mitten im Amazonas-Urwald, der artenreichsten Landschaft der Welt.

Fünf Millionen Hektar Land hatte Texaco für die Ölförderung zur Verfügung gestellt bekommen. Zwei Millionen Hektar gelten heute als verseucht. Was man sich darunter vorstellen darf, demonstriert Paola Carrera am Ast einer Arracia, den sie vom Boden aufhebt. Ein Schlag mit der Machete hat ihn sauber in zwei Hälften zerteilt. Die Schnittfläche ist weiß, doch mit schwarzen Tropfen übersät. Die Pflanze schwitzt aus allen ihren Kapillaren Öl aus.

Als Biologin erkennt Paola auch einen positiven Aspekt: „Wenn Pflanzen in der Lage sind, Öl aufzusaugen und so dem Boden zu entziehen, dann sollten wir uns das zunutze machen“, sagt sie. „Wir müssen nur sehen, wie wir sie anschließend entsorgen.“ Besondere Hoffnungen setzt sie in die Pilze: „Nahezu alle Pilzarten hier in Amazonien können Öl abbauen. Sie wären vielleicht die billigste Methode, die Natur irgendwann wieder sauberzubekommen.“ Ein willkommener Nebeneffekt: Man bräuchte dafür keine hoch bezahlten Fachkräfte aus dem Ausland. Die Einheimischen selbst könnten mit dieser Arbeit Lohn und Brot erhalten.

Denn auch wenn die Gegend nur extrem dünn besiedelt ist – es leben Menschen hier, und die Umweltkatastrophe bedroht ihre Existenz. Da sind die Ureinwohnervölker der Secoyas und der Cofanes. Und da sind die Siedler aus anderen Regionen Ecuadors, die seit den Achtzigerjahren ins östliche Tiefland kamen und nun weder ein noch aus wissen.

Ernesto Illusanguil ist ein schmaler Mann, zwei tiefe Falten führen von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln, der graue Oberlippenbart wird an den Spitzen weiß. Im März 1984 zog er von der Pazifikküste nach Amazonien. Fünf Minuten Fußmarsch nur sind es von seiner Hütte bis zur Bohrplattform AG 4. Apfelsinen und Avocados habe er früher geerntet: „Es war paradiesisch hier!“ Mittlerweile aber wollten die Pflanzen kaum noch wachsen, klagt der

71-Jährige. Der Kaffee sei ihm verkümmert, die Bananen ebenso. Immer wieder habe er auch versucht, Vieh großzuziehen. Vergebliche Mühe: „Die Tiere haben draußen Wasser getrunken, ihre Bäuche haben sich aufgebläht, und sie sind mir verreckt.“

Viele Nachbarn seien krank, berichtet der alte Bauer. Eine Frau sei einmal in eines der Ölbecken gefallen, sie sei nie wieder gesund geworden und nach sieben Jahren gestorben. Ein Mann habe „eine Art Lepra“. Seine eigene Enkelin leide an einem Ausschlag, der nicht weggehen wolle. Und alles wegen Texaco? Ernesto Illusanguil jedenfalls hat keine andere Erklärung: „Früher kannten wir hier solche Krankheiten nicht.“

Von wegen Vitamine

Sein Nachbar Nieves Granda, 55, Vater von drei Söhnen und drei Töchtern, kam erst vor sieben Jahren hierher. Sein Kakao gedeiht ihm noch, die Ölpalmen aber sind verkümmert. Die Schweine gingen ihm ein, vor zwei Wochen dann seine Hühner. Auch sie müssen das falsche Wasser getrunken haben. Als er gefragt wird, ob er eine Botschaft an Texaco habe beziehungsweise an den Konzern Chevron, der Texaco inzwischen übernommen hat, zieht er den Kopf noch tiefer zwischen die Schultern. „Diese Herren“, beginnt er stockend, „mögen sie doch Verantwortung …“ Dann versagt ihm die Stimme.

Nicht um Worte verlegen ist dagegen Pablo Zambrano. Er hat studiert, er ist als Sozialarbeiter für die Provinzregierung tätig, und er engagiert sich in einer Selbsthilfegruppe. Texaco habe mit der Naivität der Anwohner gespielt, empört er sich: „Salziges Wasser sei gesund, haben sie uns eingeredet, da seien ganz viele Vitamine drin, und wenn man sich den Körper mit Öl einschmiere, helfe das gegen Asthma.“ Dutzende Krebstote hätten die Manager auf ihr Gewissen geladen. „Aber haben sie denn überhaupt ein Gewissen? Sehen sie denn nicht, dass wir Menschen sind wie sie?“

Chevron weist das natürlich weit von sich. Doch die Betroffenen stehen zu ihren Vorwürfen. Front zur Verteidigung des Amazonas, abgekürzt FDA, nennt sich die Allianz, mit der Zambrano und seine Mitstreiter den Ölmulti zwingen wollen, die angerichteten Schäden zu beseitigen. Mit Unterstützung von US-Anwälten reichte die FDA 1993 in New York Klage ein. Texaco/Chevron setzte Himmel und Hölle in Bewegung und erreichte tatsächlich, dass das Verfahren 2002 eingestellt und zur weiteren Verhandlung nach Ecuador überwiesen wurde. Sollte der Konzern aber erwartet haben, die Richter dort seien leichter lenkbar, wurden sie enttäuscht: Das Regionalgericht in Lago Agrio, Haupstadt der Provinz Sucumbíos, verurteilte Chevron 2011 zu einer Strafzahlung von 9,5 Milliarden Dollar und legte obendrein fest, wenn die Firma sich nicht binnen zweier Wochen entschuldige, werde die Strafe verdoppelt. So etwas hatte es weltweit noch nie gegeben. Selbst BP war nach dem „Deepwater“-Desaster mit 4,5 Milliarden Dollar Strafe davongekommen.

Ecuadors Nationaler Gerichtshof bestätigte im November 2013 in dritter und letzter Instanz den Schuldspruch, nahm aber die Verdoppelung des Strafmaßes wieder zurück. Wie es nun jedoch weitergehen soll, ist die große Frage. Sicher ist nur, dass Chevron nicht zahlen will. Gutachten seien gefälscht, Richter bestochen worden, argumentiert Chevron-Sprecher Morgan Crinklaw gegenüber der Berliner Zeitung.

Vier Gegenprozesse hat Chevron seit 2004 angestrengt. Einer, wegen angeblicher Erpressung, richtet sich gegen die FDA selbst. Drei weitere Klagen gelten dem ecuadorianischen Staat. Texaco habe seine früheren Anlagen zwischen 1995 und 1998 komplett saniert, argumentiert Chevron, und anschließend habe Ecuadors damaliger Präsident Jamil Mahuad im Namen des Staates auf alle Ansprüche gegen die Firma verzichtet. Damit sei es jetzt allein Sache der Ecuadorianer, sich um den Dreck in ihrer Landschaft zu kümmern.

Komplette Sanierung? So sieht es rings um die AG 4 wirklich nicht aus. Und was Präsident Mahuad angeht: Pablo Zambrano kommt die Galle hoch, sobald nur der Name fällt. „Diese korrupte Gestalt! Der Mann gehört lebenslänglich hinter Gitter!“, bricht es aus ihm heraus. Paola Carrera dagegen bewahrt die Fassung. „Wir als Staat sind durch diesen Vertrag gebunden“, konzediert sie. „Ansprüche von Dritten aber sind von Mahuads Verzicht nicht erfasst, das hat auch ein Gericht in den USA bestätigt. Das Urteil, das sich die Front zur Verteidigung des Amazonas erkämpft hat, hat also Bestand.“

Ecuadors sozialistische Regierung setzt nun zur medialen Gegenoffensive gegen den Ölkonzern an. „Die schmutzige Hand von Chevron“, heißt die Kampagne, mit der Staatspräsident Rafael Correa in aller Welt Druck aufbauen will. Ein ehrgeiziges, aber kein aussichtsloses Vorhaben: Shell hat 1995 auf die Versenkung seines ausgedienten Öltanks „Brent Spar“ im Nordatlantik verzichtet, weil die Verbraucher in diversen Ländern die Tankstellen der Kette boykottierten. Und BP stellte 2010 für die Anwohner der US-Golfküste Milliarden bereit, als die „Deepwater Horizon“ untergegangen war.

Neue Quellen im Nationalpark

Umweltgruppen in Ecuador wie die Acción Ecológica begrüßen die Kampagne gegenTexaco/Chevron. Sie vermuten aber noch ein zweites Motiv bei ihrem Präsidenten. „Wir können nicht nur auf die alten Sünden von Texaco schauen, wir müssen auch in die Zukunft blicken“, sagt Esperanza Martínez, die prominenteste Umweltaktivistin des Landes, bei einem Treffen in der Hauptstadt Quito. „Wer über Chevron spricht, muss deshalb auch über Yasuní reden.“

Yasuní, das ist ein Nationalpark in Amazonien, in dem große Ölvorkommen liegen. Ecuador hatte angeboten, das Schutzgebiet unberührt zu lassen, sollte das Ausland die Hälfte der dann ausbleibenden Öl-Einnahmen durch Entwicklungshilfegelder aufwiegen. Auch der Bundestag unterstützte 2008 den Vorschlag. Nur Geld kam nicht zusammen. Vor wenigen Wochen gab Präsident Correa daraufhin einen Teil des Nationalparks für Ölbohrungen frei. Auf die Einnahmen könne das Land nicht verzichten, argumentiert er. Außerdem sei nicht einmal ein Prozent des Schutzgebietes betroffen.

Esperanza Martínez hält das Risiko von Ölbohrungen mitten im Naturreservat für viel zu groß. Paola Carrera ist in ihrem Urteil weniger streng. „Die Umweltbelastung kann auf ein Minimum reduziert werden. Unsere Generation hat viel gelernt“, sagt sie. Ob nun in einem Zipfel des Nationalparks gebohrt werde oder nicht, sei ihr daher nie so wichtig erschienen. „Man muss einfach Umweltfaktoren und wirtschaftliche Interessen gegeneinander abwägen.“

Der Rundgang um die Plattform AG 4 endet an einer weiteren Wanne im Dschungel, so groß wie das Schwimmbecken eines gewöhnlichen Hallenbades, nur beträchtlich tiefer. Ein schmaler Baumstamm liegt in dem stinkenden Schlamm, ein Seil zum Festhalten ist aufgespannt. „Seid vorsichtig, dass ihr nicht wegrutscht“, mahnt Paola die Besucher, die zur Mitte des Beckens balancieren und dort die von einem Gummihandschuh geschützte Hand bis zum Gelenk im Schlamm versenken. Der weiße Handschuh kommt schwarz und schwer wieder heraus. Eine dicke, zähe Masse lässt die Finger aneinanderkleben.