NikosiaSchweigen, Rätselraten und Gerüchte: Nachdem der türkische Finanzminister und Präsidenten-Schwiegersohn Berat Albayrak am Sonntagabend seinen Rücktritt überraschend und höchst ungewöhnlich auf  Instagram erklärt hatte, wurde in Ankara spekuliert, was von seiner Demission zu halten sei. Bis zum späten Nachmittag hatten sich weder Staatschef Recep Tayyip Erdogan noch Mitglieder der Regierung offiziell geäußert. Die zu mehr als 90 Prozent gleichgeschalteten Medien des Landes schwiegen zu der Staatsaffäre. Der Sprecher der größten Oppositionspartei CHP, Faik Öztrak, sprach von einem „Kampf innerhalb der Familie Erdogan“. Gerüchte über eine bevorstehende größere Kabinettsumbildung machten die Runde.

Der 42-jährige Albayrak schrieb in seiner Instagram-Erklärung, dass er aus gesundheitlichen Gründen sein Amt als Finanzminister aufgebe und ab sofort mehr Zeit mit seiner Familie verbringen wolle. Er war für Journalisten unerreichbar und hatte offenbar auch seinen Twitter-Account gelöscht. Der Rücktritt wurde vom Finanzministerium bestätigt. Es blieb aber am Montag unklar, ob Staatschef Erdogan ihn annimmt. Als der Innenminister Süleyman Soylu im April zurücktreten wollte, akzeptierte Erdogan dessen Gesuch nicht. Dagegen erfolgte zunächst keine Reaktion des Staatspräsidenten auf Albayraks Rücktritt; auch wurde kein Name eines möglichen Nachfolgers genannt.

„Der Kollaps der Wirtschaft führt zum Rücktritt des Ministers“, schrieb die linke Zeitung Birgün. Albayraks Demission erfolgt in der schwersten Finanz- und Wirtschaftskrise der Türkei seit der Regierungsübernahme durch Erdogans islamische Regierungspartei AKP 2002 und wurde daher von oppositionellen Stimmen in der Türkei als Eingeständnis einer finanzpolitischen Notlage interpretiert. Unmittelbarer Anlass sei wohl Erdogans ebenfalls überraschende Entlassung des erst vor einem Jahr ernannten Zentralbankchefs Murat Uysal und die Neubesetzung des Postens mit Naci Agbal, dem Chef des Budgetkomitees des Präsidialamts, am Sonnabend gewesen, mutmaßte unter anderem die Oppositionszeitung Cumhuriyet. Der Personalwechsel sei offenbar ohne vorherige Konsultation Albayraks erfolgt, obwohl sie in seinen Verantwortungsbereich falle.

Agbal gilt als Kritiker von Albayraks Wirtschafts- und Finanzpolitik. Er war der Vorgänger Albayraks an der Spitze des Ministeriums gewesen, bis Erdogan seinen Schwiegersohn im Juli 2018 vom Posten des Energie- auf den des Finanzministers beförderte. Berat Albayrak ist seit 2004 mit Erdogans Tochter Esra verheiratet und wurde oft als Kronprinz Erdogans bezeichnet.

Ob die Wiedereinsetzung seines Vorgängers auf einem Schlüsselposten den Ausschlag für Albayraks Rückzug gab oder sein anhaltender Misserfolg als Finanzminister – die Märkte reagierten auf die beiden zentralen Abschiede in der türkischen Finanzpolitik am Montag positiv. Die Lira gewann rund vier Prozent zum Dollar, blieb aber bei einem Kurs von 8,16 Lira weiter auf sehr niedrigem Niveau. Der Kursanstieg hat offenbar mit Spekulationen auf eine Rückkehr zu finanzpolitischer Orthodoxie und eine bevorstehende Anhebung der wichtigsten türkischen Zinsraten zu tun. Erdogan bekennt sich zu der unorthodoxen Auffassung, dass sinkende Zinsen die Inflation bremsen, während die meisten Volkswirtschaftler vom Gegenteil ausgehen.

Der neue Notenbankgouverneur Agbal erklärte zwar am Montag: „Notwendige geldpolitische Entscheidungen werden unternommen.“ Die Zentralbank werde wie unter seinem Vorgänger alle politischen Instrumente entschlossen einsetzen, um die Inflation einzudämmen. Andererseits ist der 52-jährige Agbal ein langjähriger Vertrauter Erdogans. Tatsächlich erklärte Agbal am Montag, die Zentralbank habe keine unmittelbaren Pläne, den Leitzins von derzeit 10,25 Prozent zu erhöhen.

In den vergangenen Monaten hat die türkische Lira dramatisch an Stärke verloren und innerhalb eines Jahres fast 50 Prozent ihres Werts zum Dollar eingebüßt. Albayrak hatte versucht gegenzusteuern, indem er die Zentralbank in den letzten Monaten anwies, mehr als 120 Milliarden Dollar aus der Währungsreserve einzusetzen. Daraufhin schmolz das Devisenpolster der Notenbank bis nahe null, was die Talfahrt der Lira beschleunigte.