Berlin - Mit jedem Tag steigt die Nervosität in der Windbranche. Die Manager warten auf eine Mitteilung der Bundesnetzagentur (BnetzA), in der nicht mehr als zwei, drei Zahlen genannt werden. Doch diese Zahlen werden es in sich haben. Sie werden den Weg weisen, wie es mit der Windenergie hierzulande weitergehen wird. Klar ist: Die Branche wird umgekrempelt.

Bei den zwei, drei Zahlen geht es um die zweite Runde der Ausschreibungen für Windenergieanlagen an Land. Man konnte sich für Windpark-Projekte mit einer Gesamtleistung von 1000 Megawatt bewerben – das entspricht fast der Leistung eines Atomkraftwerks. Die günstigsten Offerten kommen zum Zuge. Ein Sprecher der BnetzA sagte am Montag dieser Zeitung, die eingereichten Gebote müssten sehr genau geprüft werden. Das könne mehrere Wochen dauern. Einen Termin für die Veröffentlichung der Ergebnisse wollte er nicht nennen.

Als sicher gilt, dass es bei den staatlich garantierten Abnahmepreisen für den Strom nur eine Richtung geben kann: nach unten. Positiv für Verbraucher daran ist, dass Öko-Energie rasant billiger wird. Negativ für Windanlagen-Hersteller und deren Zulieferer ist, dass die Kosten in einer nicht erwarteten Geschwindigkeit und Größenordnung gedrückt werden müssen. „Keine Frage, der Preisdruck für die Hersteller der Anlagen und ihre Zulieferer wird steigen“, sagt Matthias Zelinger, Geschäftsführer von VDMA Power Systems, in dem Verband haben sich die Maschinenbauer der Windbranche organisiert.

Verzicht auf garantierte Vergütung und Angebot auf dem freien Markt

Der Hintergrund: Die große Koalition hat die Förderung des Windstroms umgestellt. Früher legte die Politik im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fest, wie viel Cent der Betreiber einer Windanlage für jede Kilowattstunde bekommt, die er ins Netz einspeist. In diesem Jahr wurde das Regelwerk auf Ausschreibungen umgestellt. Am 13. April gab die Bundesnetznetzagentur bekannt, dass Zuschläge mit null Cent erteilt wurden. Genauer gesagt für drei Projekte in der Nordsee, die die dänische Dong-Energie und die baden-württembergische EnBW in den Jahren 2024 und 2025 realisieren wollen.

Ein Überraschungscoup. Die beiden Unternehmen wollen auf eine garantierte Vergütung verzichten und den Nordsee-Strom auf dem freien Markt respektive an der Börse verkaufen – dabei galt Offshore-Wind noch vor Kurzem als teuerste der erneuerbaren Energien.

Am 19. Mai kam der zweite Paukenschlag. Die Netzagentur gab das Ergebnis der ersten deutschen Ausschreibung für Windenergie an Land bekannt. Die Zuschläge wurden mit einem Durchschnittswert von rund 5,7 Cent pro Kilowattstunde vergeben – auch dieses Ergebnis lag deutlich unter den bislang gültigen Vergütungen.

Auch Minus-Vergütung ist denkbar

Es gilt in der Branche nur als eine Frage der Zeit, bis die null Cent auch bei Onshore-Anlagen erreicht werden. Es könnte schon bei der August-Ausschreibung der Fall sein. Und sogar von Minus-Vergütungen ist bereits die Rede: Projektentwickler zahlen dafür, dass sie die Lizenz zum Aufstellen von Windrädern bekommen.

Denn der Zubau wird rationiert. Nur 2800 Megawatt pro Jahr hat die Bundesregierung für Windkraft an Land für den Zeitraum 2017 bis 2019 vorgesehen. Mühlen mit einer fast doppelt so großen Gesamtleistung wurden aber in der jüngeren Vergangenheit jährlich auf Hügel und Kuppen gestellt. Als weiterer wichtiger Faktor kommt hinzu, dass bei der Mai-Ausschreibung fast ausschließlich sogenannte Bürgergesellschaften zum Zuge kamen. Das hat damit zu tun, dass die Bundesregierung Windenergie-Initiativen von Öko-Fans besonders fördern wollte. Ihnen wurden Sonderkonditionen eingeräumt.

Standortsuche gestaltet sich schwierig

Um sich bewerben zu können, müssen sie im Gegensatz zu großen Projektentwicklern keine Genehmigungen für ihre Anlagen vorweisen und haben längere Fristen für die Umsetzung der Projekte, nämlich bis zu 52 Monate. Nur, diese Privilegien haben sich jetzt doch wieder die Vollprofis gesichert, sie haben – völlig legal – Mitarbeiter losgeschickt, die Bürgergesellschaften gegründet haben, die dann mit Branchengrößen zusammenarbeiten. Alle rechnen damit, dass auch bei der August-Ausschreibung wieder mit Pseudo-Initiativen getrickst wird.

So erwerben große Projektentwickler günstige Optionen für Windparks, mit dem Vorteil, sich bei der Realisierung reichlich Zeit nehmen zu können. Das spielt in den Kalkulationen eine wichtige Rolle. Denn es wird darauf gewettet, dass die Turbinenhersteller die Zeit nutzen, um die Leistungsfähigkeit der Windräder deutlich zu steigern und zugleich die Kosten zu drücken. Türme werden höher, da mit steigendem Abstand vom Boden der Wind immer stetiger weht. Rotorblätter werden immer länger, um die Anlagen auch an Standorten installieren zu können, wo eher laue Lüftchen wehen.

Doch die neue Größe fürs Binnenland könnte zum Fluch werden, da es schwer werden dürfte, für die schlanken Riesen Standorte zu finden – die Empfindlichkeiten in der Bevölkerung betreffs „Verspargelung“ der Landschaften steigen.

Weitere deutliche Kostensenkungen möglich

All dies wird den Druck in der Branche steigern. „Dem kann man nur mit einer weiteren Industrialisierung der Fertigung entgegnen“, betonte Zelinger. Dass es da Potenziale gibt, ist unbestritten. So erwartet die Unternehmensberatung McKinsey, dass sich bei einem konsequenten Einsatz von Karbonverbundwerkstoffen die Kosten für die Rotorblätter bis 2030 mehr als halbieren können.

Weitere deutliche Kostensenkungen können nach einer Studie der Denkfabrik Agora erreicht werden, wenn die Blätter nicht mehr handwerklich in einem Stück, sondern in Serie in kleineren Modulgruppen gefertigt werden können. Da laufen diverse Projekte bei Herstellern und Forschungseinrichtungen weltweit, doch dies dürfte Forschungs- und Entwicklungskosten in die Höhe treiben. „Die Gewinnspannen werden sinken“, heißt es denn auch bei einem großen Anlagenhersteller. Die Konsequenz heißt Konsolidierung, und zwar in einem umfassenden Sinn.

Die Serie von Übernahmen und Fusionen in der Branche, die 2016 in Gang kam, wird nach Einschätzung von Experten bald richtig Fahrt aufnehmen. Für viele mittelständische Unternehmen mit dünner Kapitaldecke könnte es dann richtig eng werden. Schon ist unter Experten von neuen Oligopolen in der Energiebranche die Rede.