Erste Firmen stoppen Produktion für immer: „Substanz der Industrie bedroht“

Die Lage in der deutschen Wirtschaft ist offenbar kritischer als bekannt: Wegen der Inflation und der Energiepreise schließen die ersten Unternehmen.

Zehn Prozent der deutschen Mittelständler sehen sich in ihrer Existenz bedroht. 
Zehn Prozent der deutschen Mittelständler sehen sich in ihrer Existenz bedroht. Foto: Imago

In der deutschen Industrie und im Mittelstand schließen offenbar die ersten Unternehmen ihre Produktion.  Grund sind die hohen Energie- und Strompreise. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck nannte die Entwicklung nach seiner Teilnahme an der Kabinettsklausur in Meseberg „alarmierend“.

Habeck sagte, einige Unternehmen hätten „die Produktion ganz eingestellt“. Dies seien keine guten Nachrichten, denn es könne bedeuten, dass die „betreffenden Industrien nicht nur umstrukturiert werden, sondern einen Bruch erleben – einen Strukturbruch, der unter enormem Druck geschieht“, sagte Habeck laut der Financial Times (FT). In einigen Unternehmen laufen erste Vorbereitungen, die Produktion ins Ausland zu verlagern, erfuhr die Berliner Zeitung aus Unternehmerkreisen.

Die Lage auf den Strom- und Gasmärkten ist dramatisch

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang ein Indikator, der auf den ersten Blick positiv missverstanden werden könnte: Der Gasverbrauch der Industrie lag im Juli um 21 Prozent unter dem Verbrauch des Vorjahresmonats. Dahinter stehen allerdings oft keine Effizienzgewinne oder eine Abwanderung in erneuerbare Energien, sondern laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ein „dramatischer Produktionsrückgang“. BDI-Präsident Siegfried Russwurm sagte nach der Regierungsklausur laut Mitteilung des BDI: „Das ist kein Erfolg, sondern Ausdruck eines massiven Problems. Die Substanz der Industrie ist bedroht.“

Die Lage auf den Strom- und Gasmärkten sei dramatisch. Die Strompreise für 2023 seien aktuell auf mehr als 700 Euro pro Megawattstunde gestiegen – mehr als das 15-Fache des Preisniveaus der vergangenen Jahre. Der Gaspreis habe um 1000 Prozent auf mehr als 300 Euro pro Megawattstunde zugelegt, so der BDI-Präsident. Russwurm: „Die Lage ist für viele Unternehmen schon jetzt oder in Kürze toxisch, nicht nur wegen des Gasmangels, sondern vor allem wegen der aberwitzigen Preissteigerungen.“ Die Entlastungen bei den Gaskosten über einen reduzierten Mehrwertsteuersatz erreichten allein alle privaten Haushalte, während die Industrie die Gasumlage in voller Höhe als zusätzliche Last tragen müsse, so der BDI.

Unternehmen brauchen laut des BDI jetzt Klarheit, ob heute vorgenommene Einsparungen im Falle einer Gasmangellage überhaupt künftig angerechnet werden können. Sonst zögern Unternehmen, schon jetzt Gas einzusparen, weil ihr niedrigerer aktueller Verbrauch der Aufsatzpunkt sein könnte. Eine klar benannte Basis, etwa der Durchschnitt des Vorjahresmonatsverbrauches, ist dringend nötig.

Viele Betriebe, gerade im Mittelstand, wollen kurzfristig Gas durch Öl ersetzen – und ihre Produktion vorübergehend ohne Gas aufrechterhalten. Es brauchte dazu jedoch Genehmigungen nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz und deutlich schnellere Entscheidungen der Behörden vor Ort, so der BDI.

Kein Vertrauen in die Krisenkompetenz der Bundesregierung

„Das Vertrauen in die wirtschaftliche Krisenkompetenz der Bundesregierung schwindet und insbesondere KMU fühlen sich von der Politik alleine gelassen“, sagt Marc S. Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des DMB. Tenbieg sagte der Berliner Zeitung: „Die hohen Energiepreise ziehen immer deutlichere Spurrillen in die Unternehmenslandschaft kleiner und mittlerer Unternehmen in Deutschland. Die Preissensibilität der Verbraucher lässt es kaum noch zu, Mehrkosten mit Produktpreiserhöhungen auszugleichen.“ Der Geschäftsausblick für die nächsten sechs Monate werde „von vielen Unternehmen als sehr düster bezeichnet, sodass bereits 10 Prozent der vom DMB befragten Unternehmen von Existenzsorgen geplagt werden“.

In einer Blitzumfrage des Deutschen Mittelstands-Bunds (DMB) bescheinigen 95 Prozent der befragten Unternehmen der Bundesregierung eine mangelhafte bis ungenügende Entlastung für den Mittelstand. Dieser leidet erheblich unter den Energiekosten und ruft mehrheitlich nach Steuerentlastungen. Laut dieser Umfrage rechnen zehn Prozent der deutschen Mittelständler mit ihrem Zusammenbruch. Der DMB vertritt kleine und mittlere Unternehmen mit Einzelbetrieben bis zu 500 Mitarbeitern. Die Frage nach dem Geschäftsausblick für die kommenden sechs Monate beantworteten 32 Prozent dieser Unternehmen mit „schlecht“, 10 Prozent sogar mit „existenzbedrohend“.

„Die aktuellen Umfrageergebnisse zusammen mit den vielen Gesprächen, die wir mit Unternehmen und Selbständigen aus allen Branchen führen, lassen zusehends erkennen, dass der Mittelstand stark unter den Energiepreisen leidet“, sagt Marc S. Tenbieg, Geschäftsführender Vorstand des DMB, laut Mitteilung des Unternehmens. Rund 73 Prozent der befragten DMB-Mitgliedsunternehmen gaben an, von den derzeitigen Energiepreisen stark bis sehr stark belastet zu sein. Zudem geht aus der Blitzumfrage hervor, dass 48 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den letzten zwei Monaten in starkem bis sehr starkem Ausmaß mit Gehaltsforderungen aus der Belegschaft konfrontiert wurden. Tenbieg dazu: „Die Antworten der Unternehmen zeigen klar, dass die hohen Energiepreise in den meisten Betrieben längst für akute wirtschaftliche Probleme sorgen und inflationsbegründete hohe Lohnforderungen zu einer Lohn-Preis-Spirale führen können, die die Krise in den Unternehmen noch mehr verstärken würde. Die konjunkturelle Erholung rückt dann noch mehr in weite Ferne.“