Rinder in einem Stall.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinSeit dem Fleischskandal bei Tönnies sind die Verbraucher verunsichert: Wo können sie in Berlin Fleisch kaufen, das unter regulären Bedingungen verarbeitet wurde und am besten von Tieren stammt, die artgerecht gehalten wurden? Die Projektleiterin Ernährung und Lebensmittel der Verbraucherzentrale Berlin, Britta Schautz, hilft sich zu orientieren.

Frau Schautz, liegt in Berlin Fleisch von Tönnies in den Supermarktregalen?

Bei Aldi und Lidl habe ich in der vergangenen Woche Fleisch gefunden, das von Tönnies stammte. Für den Verbraucher ist das nicht einfach zu erkennen. Nur auf einem Produkt stand der Name Tönnies auf der Vorderseite, auf anderen der Name von Unterfirmen wie Tillman‘s. Es gibt aber ein ovales Identitätskennzeichen, das Tönnies ausweist (Anm. der Red.: Kennzeichen DE NW-ES 20202/20028/20045 EG). Es bringt aber nichts, Tönnies zu meiden. In anderen großen Schlachthöfen haben wir auch Corona-Ausbrüche.

Mal dumm gefragt: Kann ich mich über Fleisch infizieren?

Bisher ist keine Corona-Übertragung auf diesem Weg bekannt. Fleisch, das in den Verkauf geht, muss hygienisch einwandfrei sein. Das wird im Schlachthof getestet. Wie man sieht, heißt das nicht, dass die Bedingungen der Arbeiter einwandfrei sein müssen.

Kann der Preis ein Hinweis auf Tierhaltung und Schlachtung sein?

Nicht in jedem Fall. Fleisch ist ein Lockartikel, der den Verbraucher in den Supermarkt holt. Bietet ein Geschäft zum Beispiel Hähnchenkeulen für 3 Euro an, kann der Verbraucher nicht mehr wissen, ob das Fleisch wirklich so günstig produziert wird oder ob er bloß hergelockt wird. Fleisch, Milch und Butter gelten als Leitartikel, nach denen Verbraucher entscheiden, wo sie einkaufen.

Sollte man Supermarktfleisch ganz meiden?

Supermarktfleisch ist nicht grundsätzlich schlecht. Preis ist nicht gleich Qualität und teureres Fleisch heißt nicht, dass das Tier in jedem Fall besser gehalten wurde. Ich kann es am Fleisch auch nicht sehen. Label und Zertifikate können eine Orientierung geben. Ich empfehle, an der Fleischtheke nachzufragen. Der Verbraucher hat ein Recht darauf zu erfahren, woher das Fleisch stammt, das er kauft.

Es hat eine Verkäuferin einmal sehr geärgert, als ich sie danach fragte.

Diese Erfahrung habe ich in einem Edeka-Geschäft auch gemacht, wo ich mich erkundigte, weil Edeka eine Herkunftsgarantie gegeben hatte. Am Ende musste ich die Lieferscheine selbst durchgucken. Trotzdem: Immer hartnäckig bleiben. Es ist kein guter Kundenservice, wenn die Leute unfreundlich werden.

Wäre es besser, nur noch in Fleischereifachgeschäfte zu gehen?

Auch das ist keine Garantie dafür, dass das Fleisch von Tieren aus artgerechter Haltung stammt. Die Geschäfte kaufen häufig Fleisch von Großschlachtereien hinzu. Hier müsste man im Einzelfall ebenfalls nachfragen. Anders sind die Neuland-Fleischereien, die tiergerecht produzieren. (Anm.d.Red.: 20 Geschäfte in Berlin, außerdem auf vielen Wochenmärkten). Oder Biofleisch von Bioland, Naturland oder Demeter. Das unterscheidet sich von Neuland dadurch, dass hier auch das Futter aus ökologischem Anbau stammt und es der strengen EU-Öko-Verordnung entspricht. Biofleisch gibt es manchmal in einer beschränkten Auswahl, also zum Beispiel nur Hackfleisch oder Filet. Im Bio-Supermarkt gibt es eine größere Auswahl.

Meine Nachbarin kaufte kürzlich ein viertel Rind.

Das ist ein interessantes Geschäftsmodell: Mehrere Menschen teilen sich ein Rind oder ein Schwein. Diese Tiere stehen oft auf der Weide und werden artgerecht gehalten. Hier muss man sich aber vor dem Kauf darüber informieren. Das Tier wird erst dann geschlachtet, wenn es genug Käufer gibt. Das nützt dem Bauern, der so sicher sein kann, ein ganzes Tier zu verkaufen.

Welche Siegel helfen mir, das gute vom bösen Fleisch zu unterscheiden?

Generell lohnt sich der Griff zum Biofleisch, denn da stecken bessere Haltungsbedingungen drin. Die Produzenten von Biofleisch werden einmal pro Jahr unangekündigt überprüft, sodass es für den Konsumenten eine Absicherung gibt. Als Label ist Neuland hilfreich, genauso das Tierwohllabel vom Deutschen Tierschutzbund. Es ist ein blaues Label mit Fuchs, das zwei Stufen hat: die Einstiegs- und die Premiumstufe. Schon in der Einstiegsstufe liegen die Haltungsbedingungen über dem gesetzlichen Mindeststandard. Fleisch mit dem Tierwohllabel und auch Biofleisch gibt es auch bei Discountern.

Die großen Ketten haben sich selbst verpflichtet, die Haltungsformen kenntlich zu machen.

Das vierstufige Label beschreibt nur, wie das Tier gehalten wird. Wirklich mehr Tierwohl steckt erst ab Stufe 3 drin. Ein Beispiel: Gesetzlich vorgeschrieben ist, dass bis zu 26 Hähnchen pro Quadratmeter Haltungsfläche im Stall gehalten werden können (Stufe 1). Auf Stufe 2 sind es nur noch maximal 23, also zehn Prozent mehr Platz, bei Stufe 4 dürfen es nur noch 10 bis 13 Hähnchen sein. Bei mariniertem Grillfleisch kann die Angabe zur Haltungsform allerdings wegfallen, weil es als verarbeitet gilt. Meine Kritik ist, dass es in den Supermärkten noch viel zu wenig Fleisch der Stufen 3 und 4 gibt.

Abschließend vielleicht noch ein Hinweis auf den Preis des Fleischs. Fleisch ist in Deutschland billig – es wird teurer werden, um auch ein höheres Maß an Tierwohl und bessere Arbeitsbedingungen sicherstellen zu können. Und diese höheren Anforderungen müssen gesetzlich geregelt und dann für Verbraucher auch klar gekennzeichnet sein. Doch muss dabei sichergestellt werden, dass der höhere Preis beim Erzeuger und Verarbeiter ankommt. Sonst nützt das gar nichts.

Das Gespräch führte Mechthild Henneke.

https://www.verbraucherzentrale-berlin.de/