US-Präsident Donald Trump. 
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Es war ein anderer Donald Trump, den seine Fans am Freitagabend bei der Zeremonie am berühmten Felsen-Denkmal des Mount Rushmore erlebten: Der Präsident, dessen Wahlkampfauftritte eigentlich stets den Charakter einer TV-Comedy tragen und wegen des hohen Heiterkeits-Faktors seine Fans und seine Gegner gleichermaßen begeistern, trat ernst und nachdenklich auf. Kein Scherz kam ihm über die Lippen. Nicht einmal seine Lieblingsgegner, die „Fake News“-Medien bedachte er mit seinen legendären, verspottenden Gesten. Er lächelte kaum. Und doch wirkte der Auftritt nicht inszeniert – man hätte ja annehmen können, dass der Präsident angesichts der teils gewalttätigen Polarisierung bewusst staatstragend und seriös wirken wollte. Doch Trump schien abgekämpft und resigniert. Er erweckte den Eindruck, als habe er die Lust auf den Job verloren. Die Rede klang an manchen Stellen wie ein Abschied, der Abschied von einer Illusion.

Die düstere Stimmung Trumps dürfte mit einer nach Corona völlig veränderten Ausgangslage für die Wahlen im November zusammenhängen. US-Wahlen werden in der Regel danach entschieden, wie es den Amerikanern wirtschaftlich geht. Die Signale zum Ende der Obama-Amtszeit waren unübersehbar: Die sich weitende Kluft zwischen Arm und Reich war so groß geworden, dass die Amerikaner die regierende Partei abwählen wollten. Die Demokraten ließen sich von den eigenen Umfrage-Werten blenden und erkannten nicht, dass die große Mehrheit der weißen Mittelklasse und der Arbeiter um ihre Existenz kämpften. Hillary Clinton versäumte es, in den kritischen Bundesstaaten wie Michigan und Wisconsin zu kämpfen. Dort holte Trump mit seinem Versprechen eines wirtschaftlichen Aufschwungs schließlich seinen Sieg.

Doch genau dort, so hat es aktuell den Anschein, dürfte Trump in diesem Jahr verlieren. Die Ökonomie-Professorin Teresa Ghilarducci von der New School for Social Research in New York erklärt im Gespräch mit der Berliner Zeitung, dass die wirtschaftliche Lage gerade bei den Stammwählern von Trump verheerend sei: „Das überparteiliche Haushaltsamt des Kongresses prognostiziert, dass die Arbeitslosenquote jahrelang hoch bleiben wird. Arbeitnehmer mit niedrigerem Einkommen werden am stärksten betroffen sein. Der Chef der US-Notenbank, Jerome Powell, hat gesagt, dass 40 Prozent derjenigen Amerikaner, die weniger als den Durchschnittslohn erhalten, in die Arbeitslosigkeit gerutscht sind.“

Das sind schlechte Nachrichten für Trump – denn genau diese Einkommensbezieher sind seine Kernwähler. Auch die am Freitag vermeldeten Arbeitslosenzahlen können Trump wenig Hoffnung machen. Ghilarducci sagt, der gemeldete Rückgang der Arbeitslosenquote sei hauptsächlich der Tatsache geschuldet, dass die Freizeitindustrie und die Gastronomie wieder aus dem Lockdown zurückgekehrt sind: „Was nicht gesagt wurde, war, dass 588.000 weitere Personen angaben, dauerhaft entlassen worden zu sein und nicht damit rechnen, zurückzukehren.“ Der Verlust erfasst Arbeitnehmer im ganzen Land, also auch in Trumps Kernländern. 

Ghilarducci macht einen „Angstfaktor“ im US-Arbeitsmarkt aus. Dieser drücke sich darin aus, „wie viele Menschen kündigen, um einen besseren Job zu suchen“. Dies sei der normale Jobwettbewerb, der zu einer „Verbesserung der Arbeitsbedingungen und höheren Löhnen führt“. Während im Juni 2019 etwa 19 Prozent der Amerikaner freiwillig den Job wechselten, um sich zu verbessern, waren es im Juni 2020 nur drei Prozent. Dies würde bedeuten, dass die US-Arbeitnehmer für Jahrzehnte „ihre Macht, bessere Konditionen zu verhandeln, verlieren“.

Besonders bedenklich für Trump: Es sind vor allem ältere Arbeiternehmer, die in der aktuellen Krise keine Perspektive mehr haben. Ghilarducci: „„Über zwei Millionen aus der Gruppe von 17 Millionen älteren Arbeitnehmern haben ihren Arbeitsplatz verloren. Wir gehen davon aus, dass eine Million nicht wieder arbeiten wird. Sie werden vorzeitig aus ihrem Job ausscheiden. Dies bedeutet, dass sie entweder nach Arbeit in einem Sekundärmarkt suchen oder Druck auf die Löhne ausüben. Sie werden in jedem Fall größere Schwierigkeiten haben, lebenslange Armut zu vermeiden.“ Die Ökonomie-Professorin verweist auf ein interessantes Detail: „Unter den gebildeten, älteren Arbeitnehmern ist die Arbeitslosenquote höher als bei gebildeten jüngeren Menschen.“

Ghilarducci spricht davon, dass ältere Arbeitnehmer heute bewusst diskriminiert werden, weil sie für viele Arbeitgeber wegen ihrer Zugehörigkeit zur Corona-Risikogruppe bei Job-Besetzungen übergangen werden. Ghilarducci: „Ältere Menschen stehen vor zwei schlechten Entscheidungen. Entweder sie gehen arbeiten und riskieren ihre Gesundheit. Oder sie gehen nicht zur Arbeit, werden vorzeitig in Rente geschickt und haben keine Altersvorsorge.“ Hier rächt sich das Fehlen einer sozial gerechten Altersvorsorge in den USA. Dieses Defizit betrifft auch Gutverdiener: „Viele hochbezahlte ältere Arbeitnehmer hatten in ihrem Leben finanzielle, persönliche oder gesundheitliche Schocks oder hatten keine betriebliche Altersvorsorge. Dies führt dazu, dass sich 15 Prozent dem Ruhestand nähern, ohne nennenswerte Ersparnisse oder einen Rentenplan zu haben.“ Nach der Finanzkrise konnten die meisten Amerikaner nicht sparen. Sie seien daher oft ohne Ersparnisse in die Frührente gerutscht und fänden sich nun in der Armut wieder.

Für Ghilarducci wird diese Entwicklung Auswirkungen auf die Wahl haben: „Bisher haben die Republikaner immer bei den älteren Wählern an Unterstützung zulegen können. Wir beobachten, dass diese Unterstützung ins Rutschen gekommen ist.“

Donald Trump als Mann der Wirtschaft weiß, dass diese Entwicklung für ihn verheerend ist. Umfragen unter seinen Anhängern zeigen außerdem, dass die Mehrheit vor allem seiner weiblichen Wähler seine rassistischen und derben Attacken abstoßend findet. Und selbst frühere Vertraute gehen auf Distanz zu einem Präsidenten, der zunehmend isoliert wirkt. Das Wall Street Journal berichtet, dass der Investor Peter Thiel, einer der Gründer des Internet-Giganten Palantir, Trump für die kommende Wahl nicht mehr unterstützen wird. Er werde ihn zwar wählen, aber keine Empfehlung mehr für Trump abgegeben, soll Thiel im Freundeskreis geäußert haben.