Sparschwein (Symbolbild)
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BerlinSein Geld guten Gewissens anzulegen, ist gar nicht so einfach. Wer weiß schon genau, in welche Papiere der Lebensversicherer investiert? Oder welche Unternehmen im Fonds gelistet sind, in den man mittels eines monatlichen Sparplans einzahlt? Das herauszufinden, bedeutet ganz schön viel Aufwand. Und so könnte man theoretisch zu Geld kommen durch den Erfolg von Unternehmen, die Umweltstandards missachten, in Waffen investieren oder ihre Angestellten schlecht behandeln.

Hierfür eine Bewertungsgrundlage schaffen wollen spezielle Ratingagenturen. Im Finanzsektor stehen sie derzeit hoch im Kurs. Nachhaltigkeitsthemen spielen auch in der Finanzwelt eine immer größere Rolle. Bekannte Agenturen sind imug rating, RobecoSAM, MSCI ESG oder Sustainalytics. Sie bewerten nach sogenannten ESG-Ratings. Die Abkürzung ESG steht dabei für Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (Unternehmensführung).

Das Problem: Die mittlerweile zahlreichen Ratingagenturen bewerten nach jeweils eigenen Ansätzen. Zwar berücksichtigen alle die drei genannten Kriterien. Welche Informationen dafür herangezogen werden und wie die Rankings letzten Endes zustande kommen, ist aber jeweilige Firmenpolitik.

Das stellten zuletzt auch mehrere Untersuchungen dar. Eine Analyse der Privatbank Berenberg etwa kam zu dem Schluss, dass viele Ratings unzureichend seien und die Realität nur teilweise widerspiegelten. „Es gibt keinen Standard in der ESG-Bewertung und auch kaum Vergleichbarkeit der Ratings“, so Matthias Born, Head of Investment von Berenberg. So würden beispielsweise vor allem kleinere Unternehmen in der Bewertung schlechter  wegkommen als große – oder schlicht einfach nicht mit in die Bewertung einbezogen. Die Gründe: Laut einer Umfrage von Berenberg entscheiden sich viele kleinere Unternehmen gegen eine Zusammenarbeit mit Ratingagenturen, da dies ein hohes Maß an Ressourcen erfordert, das diese nicht stemmen können. Kleinere Unternehmen veröffentlichen außerdem deutlich weniger Informationen zu unternehmenseigenen Nachhaltigkeitsthemen, auf die Ratingagenturen dann zugreifen können. Denn Informationen, die Unternehmen selbst zur Verfügung stellen, sind eine viel genutzte Quelle für die Ratings.

Und häufig die einzig belastbaren. „Aus Anlegersicht kommt es aber darauf an, dass es sich hierbei um Daten handelt, die auch finanziell relevant sind, und nicht solche, die sich gut anhören“, sagt Kai Lehmann, Senior Research Analyst beim Vermögensverwalter Flossbach von Storch, der ebenfalls die Vergleichbarkeit von ESG-Ratings untersucht hat. Unternehmen selbst heben gemeinhin schließlich gerne Aspekte hervor, bei denen sie punkten können.

Frieder Olfe bestätigt, dass man bei der Bewertung auch auf die Angaben der Unternehmen zurückgreift. Er ist Nachhaltigkeits-Berater bei der Agentur imug rating. „Im ersten Schritt ziehen wir öffentlich verfügbare Quellen heran, dazu gehören natürlich auch Nachhaltigkeits- und Geschäftsberichte der Unternehmen“, sagt er. „Wir achten dabei aber nicht darauf, wer einen Spendenscheck überreicht hat, sondern prüfen für das Unternehmen relevante Nachhaltigkeitsinformationen wie beispielsweise die Angaben zum CO2-Ausstoß oder die Diversität im Vorstand.“ Hinzugezogen werden externe Quellen, wie Berichte von NGOs, Gewerkschaften oder Gerichtsurteile. Fehlen Daten oder sind Werte erklärungsbedürftig, würden diese bei den Unternehmen erfragt. „Transparenz ist uns extrem wichtig“, betont Olfe. Wenn ein Unternehmen seine Nachhaltigkeits-Daten nicht offenlegt und auch auf Nachfrage nicht reagiert, führe dies zu einer schlechteren Bewertung.

Nachhaltige Geldanlage

Im Trend: Im Jahr 2019 wurden insgesamt etwas mehr als 269 Milliarden Euro in Anlageprodukte investiert, die in ihren Anlagebedingungen Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien explizit festschreiben. Laut dem Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) war das so viel wie nie zuvor.

Im Test: Laut Stiftung Warentest landen diese Fonds allerdings nicht ganz vorne. Der untersuchte Fonds, der im Test (Ausgabe 7/2020) das beste finanzielle Ergebnis liefert, hat nicht ganz so strenge nachhaltige Kriterien. Er hat zum Beispiel fossile Brennstoffe nur in geringem Umfang ausgeschlossen. Dennoch schneiden nachhaltige Fonds nicht grundsätzlich schlechter ab als vergleichbare Produkte.

Die Auswahl der Kriterien und die Gewichtung der Bewertungen erfolgt bei imug rating branchenspezifisch. Während etwa für Kleidungshersteller, die Lieferketten im Ausland haben, Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen stärker im Fokus stehen als zum Beispiel bei einem IT-Dienstleister mit Sitz in der EU, rückt etwa bei Energieversorgern das Kriterium Klimaschutz stärker in das Blickfeld.

„Richtig ist, dass es aktuell noch eine Vielzahl von verschiedenen internationalen Normen und Standards gibt, aus denen jede Agentur eine für sich stringente Nachhaltigkeitsbewertung ableitet“, sagt Olfe. Dementsprechend gebe es unter den Ratingagenturen auch unterschiedliche Methoden. Und das sei seiner Ansicht nach auch nicht das Problem. Um das komplexe und ambivalente Thema Nachhaltigkeit überhaupt messbar machen zu können, helfe seiner Ansicht nach der Wettbewerb der unterschiedlichen Ansätze und Ideen, um das Thema weiterzuentwickeln.

Innerhalb der Europäischen Kommission gibt es zwar Bestrebungen, mit der sogenannten EU-Taxonomie Vorgaben für nachhaltige Finanzierung zu schaffen und festzuschreiben, welche Daten Unternehmen verpflichtend veröffentlichen müssen, noch gibt es eine solche Regelung aber nicht. Zu viele Punkte sind noch offen.

„Der Begriff der Nachhaltigkeit ruft bei jedem von uns unterschiedliche Assoziationen hervor. Diese gehen zwar alle in ähnliche Richtungen, führen aber im Einzelfall dazu, dass Bewertungen höchst unterschiedlich ausfallen können. Das ist bei den Ratingagenturen nicht anders“, sagt Lehmann von Flossbach von Storch. In seiner Analyse gab es beispielsweise den Fall, dass die drei Ratingagenturen MSCI ESG, Sustainalytics und RobecoSAM Automobilkonzerne zum Teil deutlich unterschiedlich bewertet haben. Während MSCI ESG Volkswagen im untersuchten Rating von 100 möglichen Punkten die schlechteste Wertung mit 0 Punkten gab, bekam das Unternehmen bei Sustainalytics 19 Punkte und bei RobecoSAM immerhin 65 Punkte.

Anlegern, die Wert auf Nachhaltigkeit setzen, bleibt also nichts anderes übrig, als sich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen. „Zunächst sollte man den Begriff der Nachhaltigkeit für sich selbst definieren“, so Lehmann. Und sich dann im besten Fall ein eigenes Bild vom Unternehmen machen. Oder im Zweifel zumindest recherchieren: Welche Ratingagentur gewichtet nach Standards, die mir wichtig sind?