EU kriegt kalte Füße: Scheitert der Umstieg auf Elektroautos?

EU-Kommissar Breton zweifelt daran, dass der Ausstieg aus dem Verbrenner im Jahr 2035 realistisch ist.

Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Oliver Varhelyi (r.), EU-Kommissar für Nachbarschaft und Erweiterung, und Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt.
Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Oliver Varhelyi (r.), EU-Kommissar für Nachbarschaft und Erweiterung, und Thierry Breton, EU-Kommissar für den Binnenmarkt.AP/dpa/Geert Vanden Wijngaert

In der EU-Kommission scheinen die Zweifel zu wachsen, ob das vor einer Woche beschlossene Aus für Verbrennungsmotoren in Europa ab 2035 auf realistischen Grundlagen aufbaut. Der Gesetzgeber hatte vorsorglich eine Klausel eingebaut, wonach die Maßnahme im Jahr 2026 überprüft werden müsse. EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton listete nun in einem Interview mit Politico die Hindernisse auf. Er warnte in ungewohnt drastischen Worten vor der „gigantischen Störung“, die das Verbot einer der Kernindustrien der EU bringen werde. Die Umstellung von Benzin und Diesel auf Strom wird so viele Auswirkungen auf vor- und nachgelagerte Unternehmen haben, dass die EU es sich nicht leisten kann, zu scheitern, sagte Breton. Sollte es bei der Transformation zu den befürchteten Engpässen kommen, müsse die EU ihr Ausstiegsdatum „ohne Tabus“ überdenken.

Breton sagte, er bestehe angesichts der hohen Einsätze auf einer Notbremse – einer Überprüfungsklausel, die 2026 aktiviert werden soll, wodurch das Ausstiegsdatum 2035 bei Bedarf verschoben werden kann. „Ich habe gesagt, dass es sehr wichtig ist, dass wir so schnell wie möglich eine Überprüfungsklausel haben, damit wir die Zeit haben, zu reagieren, wenn es nötig ist – denn wir sprechen offensichtlich von einer gigantischen Umstellung eines ganzen Industriesektors, im größten Sinn.“

„All diese Fragen müssen untersucht werden“, sagte Breton. „Deshalb freue ich mich, dass die Mitgesetzgeber meinem Vorschlag gefolgt sind und eine Überprüfungsklausel für 2026 beschlossen haben.“

Beim Umstieg vom Verbrenner auf Elektroautos würden rund „600.000 Arbeitsplätze vernichtet“, sagte Breton. „Wir sprechen nicht nur von den großen Autoherstellern – die werden das sicher schaffen –, sondern wir sprechen vom gesamten Ökosystem und der Stromerzeugung.“

Breton sieht grundlegende Schwierigkeiten. Um all die nötigen Elektroautos zu produzieren, die herkömmliche Fahrzeuge ersetzen sollen, „brauchen wir bis 2030 etwa 15-mal mehr Lithium, viermal mehr Kobalt, viermal mehr Graphit, dreimal mehr Nickel“, sagte Breton. „Wir werden also einen enormen Rohstoffverbrauch haben, und das müssen wir alles überprüfen.“ Auch sei der Strom für all diese Autos gar nicht vorhanden: „Wenn wir wollen, dass alle Autos elektrisch sind, brauchen wir 150 Gigawatt mehr Stromerzeugung pro Jahr – das bedeutet 20 bis 25 Prozent mehr Strom, als wir heute in Europa produzieren“, so Breton weiter. „Also müssen wir die Stromproduktion massiv steigern. Aber es muss auch kohlenstofffreier Strom sein – wenn wir es mit Kohle oder Gas machen, macht es keinen Sinn.“

Ein weiterer Problempunkt ist die Infrastruktur. Breton: „Bis 2030 wollen wir 30 Millionen Elektrofahrzeuge auf Europas Straßen. Das heißt, wir brauchen rund sieben Millionen Ladestationen. Aber heute haben wir nur 350.000, davon 70 Prozent in nur drei Ländern – Frankreich, Deutschland und den Niederlanden.“

Breton will zwar nicht explizit sagen, dass das von der EU gesetzte Datum 2035 unrealistisch sei. Der Kommissar sagte jedoch, er sehe seine Aufgabe darin, „sicherzustellen, dass wir alle Mittel haben, um diese Transformation zu erreichen“. Er wolle, dass die Transformation gelingt, und sagt, dass er „diesem Ehrgeiz voll und ganz zustimmt“. Allerdings will er eine realistische Einschätzung walten lassen und die Entwicklung anhand von konkreten Leistungskennzahlen (KPIs) überprüfen. Diese Kennzahlen reichen von der Einführung von Ladestationen in der gesamten EU bis hin zum Hochfahren der Rohstoffproduktion. Breton will die KPIs in den kommenden Wochen „zusammen mit Interessenvertretern entwickeln“. Das bedeutet: Die Autoindustrie wird maßgeblich mitentscheiden, ob der Umstieg 2035 möglich ist oder nicht. Sollte man zu dem Ergebnis kommen, dass der Plan nicht realistisch ist, könnte die EU 2026 die Notbremse ziehen und den Termin verschieben.

Breton sagte, auch Elektroautos müssten sauberer werden: „Es gibt zusätzliche Emissionen – etwa von Reifen und Bremsen –, die sehr gesundheitsschädliche Partikel abgeben. Auch nach 2035, wenn wir keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr verkaufen, wird es also Emissionen geben.“ Elektrofahrzeuge seien wegen der Batterien etwa 40 Prozent schwerer als herkömmliche, sagte Breton. Deshalb würden sie deutlich mehr Partikel von Bremsen und Reifen ausstoßen als Autos mit Verbrennungsmotoren. In der kommenden Woche wird die Kommission ihre neue Abgasnorm Euro7 vorstellen.

Breton äußerte sich auch zur Problematik eines europäischen Alleingangs: Auch wenn 450 Millionen Menschen in der EU komplett auf Elektroautos umsteigen, würde „der Rest der Welt, also sieben Milliarden Menschen“ noch „viele Jahrzehnte Fahrzeuge mit Verbrenner fahren“. Breton verwies insbesondere auf Afrika, wo viele Länder kaum stabile Stromnetze haben und weit davon entfern seien, genug Strom zu produzieren, um umsteigen zu können.

Die EU dürfe diese Märkte nicht aufgeben, nur weil sie den Ausstieg aus Verbrennungsmotoren im Inland beschlossen habe, forderte Breton. EU-Verbrennungsmotoren würden in vielen Fällen sauberer sein als Motoren von anderen Herstellern. Daher sollten Autohersteller ihre Verbrenner weiterhin in die ganze Welt exportieren: „Ich ermutige EU-Unternehmen, die das wünschen, weiterhin Verbrennungsmotoren zu produzieren.“