Der Premierminister war sichtlich stolz. „Das ist ein sehr großer Tag für unser Land“, jubelte David Cameron. „Zum ersten Mal seit langer Zeit bauen wir wieder ein Atomkraftwerk.“ Der Atombranche werde das einen Schub verleihen, Tausende neue Jobs würden entstehen. Die Stromversorgung Großbritanniens sei für viele Jahre gesichert.

Elf Monate liegt dieser Auftritt nun zurück. Gerade hatte die britische Regierung einen umstrittenen Deal mit dem französischen Stromriesen Electricité de France (EdF) vereinbart: Ein Konsortium unter EdF-Führung baut an einem Kraftwerk-Standort im Südwesten der Insel zwei neue Druckwasser-Reaktoren, die 2023 ans Netz gehen sollen. Fast 20 Milliarden Euro wird das Projekt Hinkley Point C verschlingen. Um Investition und Betrieb für EdF rentabel zu machen, garantiert der britische Staat für den Strom einen Abnahmepreis von rund 120 Euro pro Megawattstunde – zuzüglich Inflationsausgleich. Der Vertrag hat eine Laufzeit von 35 Jahren.

Es handelt sich um eine gewaltige Subvention für eine Technologie, die anderswo längst als Irrweg gilt: Der Garantiepreis beträgt das zwei- bis dreifache dessen, was Strom derzeit an den Börsen kostet. Der Vertrag zwischen der britischen Regierung und EdF hat eine Laufzeit von 35 Jahren.

Ein Exempel statuieren

Die EU-Kommission steht kurz davor, den kostspieligen Deal zu genehmigen. Grundsätzlich hat Brüssel nichts gegen Atomkraft. Aber es hat etwas gegen Subventionen, die den Wettbewerb in Europa verzerren. Bislang hielt Wettbewerbskommissar Joaquin Almunia das Geschäft deshalb auch nicht für genehmigungsfähig. Doch jetzt hat er plötzlich seine Meinung geändert und will dem Kommissars-Kollegium vorschlagen, das Projekt durchzuwinken.

Dabei ist die amtierende EU-Kommission unter Präsident José Manuel Barroso nur noch fünf Wochen im Amt. Im November übernimmt die neue Riege unter Leitung von Jean-Claude Juncker. Das Wettbewerbsressort soll dann an Margrethe Vestager gehen, die aus dem atomkritischen Dänemark stammt. In Brüssel heißt es, die Entscheidung über Hinkley Point C könne bis Ende Oktober fallen.

Sollte die EU-Behörde das Projekt tatsächlich im Hauruck-Verfahren genehmigen, hätte dies weit reichende Folgen. Sagt Brüssel ja zu den Atomkraft-Plänen, wäre ein Exempel statuiert. Auch andere atomfreundliche Länder wie Polen könnten dann mithilfe umfangreicher Staats-Subventionen Meiler bauen lassen. Hinkley Point C könnte den Beginn einer europäischen Nuklear-Renaissance markieren.

Über die Gründe für den plötzlichen Meinungsumschwung Almunias lässt sich nur spekulieren. Offiziell heißt es, die Briten seien ihm entgegengekommen. Was genau sie angeboten haben, ist unbekannt. Offensichtlich ist aber, dass die Kommission bemüht ist, den britischen Premier Cameron nicht allzu sehr zu reizen: Er steht zu Hause unter gewaltigem Druck derjenigen Kräfte, die einen Austritt des Königreiches aus der EU anstreben. Ein Nein aus Brüssel zum Atom-Prestigeprojekt würde ihnen neue Munition liefern. Und selbstverständlich ist auch Frankreich daran interessiert, dass die beiden Reaktoren gebaut werden: Der Betreiber EdF und der Anlagen-Ausrüster Areva befinden sich beide im Staatsbesitz.

Ökoerzeuger protestieren

Umweltschützer und die Ökostrom-Branche aus ganz Europa versuchen nun, die EU-Kommission doch noch von einer Hauruck-Entscheidung abzubringen. Experten aus der Erneuerbaren-Szene wandten sich in einem Brandbrief an Almunia und forderten ihn auf, nicht vorschnell Fakten zu schaffen. Der Ökostrom-Anbieter Greenpeace Energy plant juristische Schritte gegen die mögliche Bewilligung – und verweist auf eine drohende Marktverzerrung durch subventionierten Atomstrom.

Auch die Opposition im Bundestag versucht, die Maschinerie zu bremsen: Die atompolitische Sprecherin der Grünen, Sylvia Kotting-Uhl, bat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und den designierten Kommissionspräsidenten Juncker, zumindest auf eine Vertagung des Beschlusses hinzuwirken.

Und die Briten? Die scheinen zuversichtlich zu sein, dass sie die Bewilligung erhalten. Sie sind regelrecht begeistert von dem neuen Kraftwerk, dass in Zukunft sieben Prozent ihres Strombedarfs decken soll. Camerons Energieminister Edward Davey gab einst zu Protokoll: „Ohne diese wichtige Investition würden wir sehen, wie die Lichter ausgehen.“