BRÜSSEL - Europa ist immer noch attraktiv. Herman Van Rompuy drückte das im Frühjahr so aus. „Die Eurozone ist wieder ein Club, bei dem man ansteht – nicht um rauszukommen, sondern um reinzudürfen“, sagte der EU-Ratspräsident. Die EU-Kommission hat ihn nun bestätigt. Lettland „erfüllt die Voraussetzungen für einen Euro-Beitritt“, heißt es in einer Expertise, die die EU-Kommission am Mittwoch vorstellen will und die der Berliner Zeitung vorliegt. Schon zum 1. Januar 2014 also wird Lettland den Euro einführen, die Eurozone wächst: 17+1 heißt die Devise.

Ein Sanierungsfall als Vorbild

„Damit schließt sich für unser Land ein Kreis“, sagt Krisjanis Karins, der frühere Wirtschaftsminister Lettlands, der heute für die konservative EVP im Europäischen Parlament vertreten ist. Die frühere Sowjetrepublik, von 1919 bis 1939 für kurze Zeit selbstständig, fühlte sich mit der alten Hansestadt Riga als Zentrum immer dem Westen verbunden – schon vor seiner Unabhängigkeit im Jahr 1990. Vierzehn Jahre später erfolgte der Beitritt zur EU. Der Beitritt zur Eurozone lässt das baltische Land nun zum Kern Europas vorrücken. Karins geht sogar noch weiter, er sieht sein Land als Musterbeispiel eines europäischen Sanierungsfalls. Lettland und seine Banken wurden nach 2008 stark durch die Krise getroffen. Die Regierung des Landes verkündete einen strikten Sparkurs. Die Löhne im öffentlichen Dienst sanken um 20 Prozent, die Renten wurden um zehn Prozent gekürzt. Parex, die größte Bank des Landes, musste vom Staat gerettet werden. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sprang mit 7,5 Milliarden Euro bei. „Wir hatten keine andere Wahl“, verteidigt Karins den strikten Kurs, „es ist wie bei Übergewicht. Es gilt die Devise: Weniger essen, mehr bewegen.“

Weil Lettland – gegen den Rat des IWF – ohne Abwertung der eigenen Währung auskam, wurde das lettische Fitnessprogramm den südlichen Krisenländern der Euro-Zone empfohlen. Die Lohnsenkung machte die Wirtschaft fit für den Export. „Heute ist das Wachstum zurück“, sagt Karins. Lettland erwartet für dieses Jahr knapp vier Prozent Wachstum. Auch die EU-Kommission äußert sich anerkennend. 2,7 Prozent beträgt die Inflationsrate in Lettland (April), die „mit Schweden und Irland die niedrigste in der EU“, heißt es in dem Bericht. Das Etatdefizit lag im Vorjahr bei 1,2 Prozent, 2010 hatte es noch 8,1 Prozent betragen.

Sorge vor Geldwäsche

Doch gibt es im Bericht aus Brüssel auch kritische Stimmen. Nachdem Zypern als lukrativer Hafen für russische Sparer weggefallen ist, entdecken Großanleger aus Russland die Banken der alten Sowjetrepublik wieder. Die EU-Kommission beobachtet das mit Sorgen. Sie fordert in ihrem Expertenbericht höhere Eigenkapitalquoten der lettischen Banken sowie „weitere Regulierungsvorgaben und die entschiedene Anwendung von Richtlinien gegen die Geldwäsche“.

Auch politisch ist der Euro-Beitritt nicht unumstritten. Ein Drittel der Bevölkerung lehnt die Abkehr von der Währung Lats ab. „Milda“, eine junge Dame, die in der Zwischenkriegszeit lettische Münzen und heute einen Geldschein ziert, ist ähnlich populär wie einst in Deutschland die Frau auf dem Fünfzigpfennigstück. Und nicht nur die russische Mehrheit im Land fürchtet den Euro als weiteren Beleg für den Verlust staatlicher Souveränität. Aber Premier Valdis Dombrovskis lehnt ein Referendum über den Euro ab.

Europa sucht derzeit nach Erfolgsgeschichten. Das Baltikum bietet sie. Lettlands nördlicher Nachbar Estland hat den Euro schon 2011 eingeführt. Litauen im Süden will 2015 folgen, auch Polen strebt in die Eurozone – wenn auch mit offenem Ankunftsdatum. Die Geschichte der Länder ist eng verwoben. Der Europaabgeordnete Krisjanis Karins ist sich deshalb sicher: „Wir gehen nur voran, die anderen folgen bald.“