EZB-Präsidentin Christine Lagarde
Foto: Mohamed Khidir/imago image (Archivbild)

Frankfurt/MainDie Nachricht kam spät. Am Mittwoch, kurz vor Mitternacht, kündigte die Europäische Zentralbank (EZB) ein Notkaufprogramm für Anleihen in Höhe von 750 Milliarden Euro an. Damit soll Unternehmen und Staaten geholfen werden, die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise zu bewältigen: Sie kommen zu günstigen Konditionen an ihr Geld, wenn die EZB als Käufer antritt.

Alle Updates zur Corona-Krise im Newsblog >>

Minuten nachdem die EZB den Einsatz des „Pandemic Emergency Purchase Programme“ beschlossen hatte, meldete sich EZB-Präsidentin Christine Lagarde via Twitter. „Außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliches Handeln“, schrieb die Französin. Die EZB sei entschlossen, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel zu nutzen, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die europäische Wirtschaft abzufedern.

Die Bundesregierung reagierte erleichtert. Das Notfall-Anleihekaufprogramm sei eine sehr weitreichende Maßnahme, die das Ziel habe, das Vertrauen der internationalen Finanzmärkte zu stärken, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im Deutschlandfunk.

Erst in der vergangenen Woche hatte die EZB ein Anleihekaufprogramm in Höhe von 120 Milliarden Euro zugesagt.

„Wenn die EZB ihr Programm nun quasi über Nacht so ausweitet, dann heißt das, dass die ganz großen Register gezogen werden“, sagt Laura von Daniels, Politikwissenschaftlerin und Expertin für Finanzmarktregulierung bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. „Das ist eine wichtige Botschaft an die Finanzmärkte. Aber wenn man sie sendet, als Zentralbank oder als europäische Politik, dann muss sie eben auch mit einer großen Geldmenge verbunden sein. Das ist ein Signal, das bedeutet: Wir tun alles, um den Euro zu retten.“

Von Daniels sieht in der Zusage der EZB eine historische Parallele zu der inzwischen berühmten Aussage des Lagarde-Vorgängers Mario Draghi. Der hatte in der europäischen Schuldenkrise 2012 versprochen, die EZB werde tun, „whatever it takes“ (was immer nötig ist), um den Euro zu retten. Die Worte zeigten Wirkung: Die Märkte beruhigten sich, und der Satz ging als Draghi-Effekt in die Geschichte ein.

Die Aktienmärkte reagieren verhalten

Am Donnerstag reagierten die Märkte zunächst verhalten. Am Ende schloss der Dax mit einem Plus von 2,00 Prozent, was aber wenig mit dem EZB-Paket zu tun hatte: An der New Yorker Börse gelang es dem Dow Jones Industrial, seine Auftaktverluste abzuschütteln und den Dax mitzuziehen. Seit Ende Februar ist der deutsche Leitindex um fast 40 Prozent eingebrochen. Der Eurokurs wiederum fiel auf den tiefsten Stand seit fast drei Jahren.

Auf EU-Ebene gibt es auch Überlegungen, auch den europäischen Rettungsschirm ESM einzusetzen, um noch mehr Liquidität in den Markt zu pumpen. Zuletzt hatte der EU-Kommissar für Wirtschaft und Währung, Paolo Gentiloni, diese Option ins Spiel gebracht.

Finanzexpertin: Eurozonen-Länder müssen konkrete Pläne machen

Der ESM-Einsatz würde die Zusicherung der EZB noch glaubwürdiger machen, sagt Finanzexpertin von Daniels. Die EZB-Entscheidung müsse aber noch von weiteren Maßnahmen flankiert werden, um einen nachhaltigen Effekt zu haben. „Der nächste Schritt ist nun, dass die einzelnen Eurozonen-Länder konkrete Pläne zur Stabilisierung der eigenen Wirtschaft vorlegen und ihren Einsatz erhöhen.“

Deutschland hat angesichts der Corona-Krise bereits in der vergangenen Woche umfangreiche nationale Maßnahmen beschlossen. Geplant sind unter anderem unbegrenzte Kreditprogramme und Steuererleichterungen für Unternehmen. Am Donnerstag wurde bekannt, dass die Bundesregierung außerdem ein Hilfspaket von mehr als 40 Milliarden Euro für Solo-Selbstständige und andere Kleinunternehmen plant.

Angela Merkel verspricht Wirtschaftshilfen

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte in ihrer Fernsehansprache am Mittwochabend das Versprechen wiederholt, die deutsche Wirtschaft so weit wie möglich vor den Folgen der Krise zu bewahren. „Die Bundesregierung tut alles, was sie kann, um die wirtschaftlichen Auswirkungen abzufedern“, sagte Merkel.

Laura von Daniels sieht in der Wortwahl der Kanzlerin auch ein Signal an die Entscheidungsträger in den eigenen Reihen. „Wenn wir uns einig sind, dass es sich um die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg handelt, wie die Kanzlerin gesagt hat, dann müssen wir auch entsprechend reagieren.“

Die fast europaweit eingeführten Grenzkontrollen sieht von Daniels kritisch. Zwar hatte die Bundesregierung stets betont, der Warenverkehr sei gesichert. „Aber die Verunsicherung an den Finanzmärkten war da schon passiert“, so von Daniels. Auch sei mit einem massiven Einbruch der Industrieproduktion zu rechnen, weil Lieferketten nicht mehr reibungslos funktionierten. „In Kombination mit der enormen Staatsverschuldung und der hohen Arbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern ist das eine gefährliche Mischung.“