Die Kryptowährung Bitcoin befindet sich derzeit auf einer ungebremsten Rekordjagd. Allein in diesem Jahr hat sich der Wert verzehnfacht. Die Meinungen, ob dieser gewaltige Kursanstieg gesund und nachhaltig ist, gehen bei Experten stark auseinander. Wirtschaftsinformatiker Gilbert Fridgen über die Digitalwährung und den Nutzen für Unternehmen und Verbraucher.

Herr Fridgen, das Thema Blockchain ist vor allem wegen der Digitalwährung Bitcoin in aller Munde. Wie erklären Sie das Phänomen einer Person, die von Computertechnik keine Ahnung hat?

Blockchain kann Vertrauen in einer bilateralen Beziehung stiften – ohne Dritte. Manipulationssicher. Die Technologie ist wie eine Art Notizbuch, das automatisch synchronisiert in den Hosentaschen vieler Leute steckt. Wenn ich Ihnen beispielsweise zehn Euro übermittle, schreibe ich das in mein eigenes digitales Notizbuch und es steht dann automatisch in den Notizbüchern aller anderen Teilnehmer.

Alle Transaktionen, die in der Vergangenheit irgendjemand auf der Welt gemacht hat, sind in der Blockchain als lange Zahlen-Buchstaben-Kombinationen gespeichert. Gesichert ist das mit einer Art elektronischer Signatur. Nur wenn ich in Besitz meines Schlüssels bin, kann ich Transaktionen auslösen. Das kann ich für Währungen wie Bitcoin nutzen, aber auch für andere Daten.

Wieso soll das sicher sein vor Manipulationen?

Das System würde erkennen, wenn einer versuchen würde zu manipulieren. Sicher ist es zum einen, weil niemand die einzige Sicht auf diese Datenbank hat. Außerdem werden die Transaktionen in Blöcken zusammengefasst – deshalb heißt es Blockchain. Die Blöcke werden dann kryptographisch mit einer Art Rätsel gesichert und verkettet. Diese Kette zu knacken ist wegen der dazu notwendigen Rechnerleistung quasi unmöglich.

Es hat doch schon mehrere Hackerangriffe gegeben.

Ja, aber die Hacker haben es nie geschafft, die grundlegende Blockchain-Technologie zu knacken. Aber natürlich gibt es Risiken. Sobald ich einmal eine Verknüpfung zwischen realer Person und Zahlen-Buchstaben-Kombination hergestellt habe, kann ich alle Transaktionen dieser Person nachvollziehen.

Und wenn ich meinen Schlüssel verliere, verliere ich den kompletten Zugriff auf mein Konto. Das ist, als ob ich Bargeld ins Feuer werfe. In der Vergangenheit haben mehrere Anbieter daher den Schlüssel für Kunden aufbewahrt. Solche Plattformen wurden gehackt, aber nicht die Blockchain selbst.

Ist denn gesichert, dass mein Schlüssel nicht irgendwo auftaucht?

Den Schlüssel haben Sie idealerweise nur auf ihrem Endgerät. Da haben Sie eine Software, die hoffentlich vertrauenswürdig ist und Ihr Endgerät ist hoffentlich nicht mit Viren befallen. Dort signieren Sie eine Transaktion, der Schlüssel verlässt nicht Ihr Endgerät. Am besten hinterlegen Sie ihn aber zusätzlich irgendwo an einem sicheren Ort.

Das ist ein bisschen viel „hoffentlich“.

Der Unsicherheitsfaktor ist vor allem der Mensch. Es sollte mittlerweile eigentlich zur Allgemeinbildung gehören, sich mit solchen Technologien, den zugehörigen Risiken und den eigenen Grenzen auszukennen. Die heute Aktiven wissen hoffentlich, was sie tun. Im Moment gibt es zwar noch viele Kinderkrankheiten, aber bald wird der Nutzer gar nicht mehr merken, dass er gerade eine Blockchain verwendet.

Viele Experten sagen, dass durch die Blockchain-Technologie manche Berufe und Dienstleistungen überflüssig werden. Welche Branchen könnte das betreffen?

Da wird immer wieder der Bankenbereich genannt. Viele der heutigen Tätigkeiten einer Bank könnten wegfallen, vor allem der „Papierkram“ – mit allen gesellschaftlichen Konsequenzen. Für zentrale Tätigkeiten braucht man aber weiterhin Menschen – etwa für so manche Kreditwürdigkeitsprüfung. Ich glaube nicht, dass unser Bankensystem wirklich überflüssig wird, vor allem nicht durch unregulierte Kryptowährungen wie Bitcoin. Das wird keine breite Akzeptanz finden.

Ich denke, die breite gesellschaftliche Akzeptanz wird eher eine Kryptowährung finden, die politisch reguliert ist. Und das ist keine von den existierenden. Interessant ist, dass Zentralbanken weltweit gerade darüber nachdenken, selbst Kryptowährungen auszugeben – sogar in Europa wird diskutiert.

Für welche Länder sind heutige Kryptowährungen interessant?

Länder, in denen es keinen internationalen Zahlungsverkehr gibt. Wo man aufgrund von politischen Konflikten Ersatzwährungen möchte. Vielleicht auch in Ländern, die instabil sind, wo Bitcoin noch immer besser ist als die lokale Währung. Aber dass eine Kryptowährung den Euro oder den Dollar ablöst, das glaube ich nicht.

Aktuell steigt der Bitcoin-Kurs. Wenn er aber gleichzeitig nicht die breite Akzeptanz findet, entsteht dann nicht eine Blase, vor der viele Finanzexperten warnen?

Die meisten nutzen Bitcoin, um in diese Kryptowelt einen Einstieg zu finden. Bei allem, was mit Bezahlung zu tun hat, kann man aber – Stand heute – Bitcoin vergessen, weil die Transaktionsgebühren zu hoch sind und weil auch niemand Bitcoins verwenden möchte, um einen Kaffee zu kaufen. Der Kaffee könnte übermorgen das Dreifache wert sein.

Ist es also ein Spekulationsobjekt?

In gewissem Maße, weil die ganze Technologie im Hype ist, alle Leute wollen einsteigen. Daher steigt der Kurs. Ob und wann es den Crash gibt, ist die Frage. Es könnte auch sein, dass wir dann irgendwann den Crash von 30.000 auf 25.000 Dollar haben. Das kann man schwer vorhersagen.

Welche Märkte sind bedroht?Der Notar wird hier gerne genannt, die Eintragung von Grundstückskäufen oder Verkäufen ins Grundbuch?

Theoretisch wäre das schon möglich. Aber in Deutschland funktioniert das Grundbuchamt ja ohnehin verdammt gut. In anderen Ländern, wo es kein funktionierendes Katasterwesen gibt oder durch Bürgerkrieg Dokumente verloren gehen, sieht es anders aus.

Denkbar sind aber noch viele andere Einsatzmöglichkeiten. In einem Projekt in Jordanien etwa kommt die Blockchain bei der Versorgung eines Flüchtlingslagers zum Einsatz. Da ist der private Schlüssel ein Iris-Scan. Die Hilfsorganisation kann direkt an Flüchtlinge Geld für Lebensmittel zur Verfügung stellen, das ihnen auch nicht abgenommen werden kann.

Wo liegen die Vorteile für die Wirtschaft und die Verbraucher?

Wir arbeiten gerade mit einem Start-up, das eine blockchain-basierte Lösung für das elektrische Laden von Elektroautos entwickelt hat. Wenn Sie selbst an Ihren Gartenzaun eine Steckdose hängen und darüber Strom anbieten wollen, können Sie das über die Blockchain abrechnen. Das Start-up plant auch eine Mobilitäts-Blockchain, die es Menschen erleichtert, mit verschiedenen Verkehrsmitteln von A nach B zu kommen.

Derzeit rechnen alle Anbieter einzeln ab – Bahn, Fluggesellschaft, Car-Sharing-Anbieter, Taxi – und wollen Drittanbietern keinen Zugriff geben. Die Blockchain kann eine technische Infrastruktur zur Verfügung stellen, an der jeder Mobilitätsanbieter nach fairem, transparentem Regelwerk teilnehmen kann.

Werden wir in zehn Jahren auch kein Geld mehr mit uns rumschleppen?

Sie könnten heute schon das meiste elektronisch bezahlen. Ich bin nicht so wahnsinnig überzeugt von Kryptowährungen im täglichen Zahlungsverkehr. Es funktioniert auch so gut. Die Blockchain wird Leute nicht dazu bringen, mehr elektronisch zu bezahlen.

Wenn Dritte bei solchen Finanztransaktionen keine Übersicht haben, ist dann Kriminellen nicht Tür und Tor geöffnet – etwa für Geldwäsche oder Terrorfinanzierung?

Ja. Aber wir werden die Technologie nicht aufhalten. Ich sage auch nicht, dass sie nicht mit großen Risiken verbunden wäre. Wenn ich aber fordere, dass ein Start-up die Gefahr der Terrorfinanzierung zu 100 Prozent und für alle Ewigkeit ausschließt, ist das Start-up entweder tot oder im Ausland.

Man muss genau abwägen. Wir brauchen hier auch eine Innovationskultur. Mit unseren Datenschutzrichtlinien wäre Facebook in Deutschland auch nie gegründet worden – wir gehen trotzdem täglich damit um. Man darf jetzt nicht die kleinen Pflänzchen gleich mit allen Weltuntergangsszenarien übergießen.

Aber ein gewisser Rechtsrahmen ist doch notwendig?

Natürlich muss reguliert werden. Man muss eine Technologie sich aber auch erst mal in einem geschützten Rechtsrahmen entwickeln lassen. Sonst ist irgendwann eine Lösung aus dem Ausland am Markt, mit der man schließlich auch leben muss. Blockchain – das ist eine Evolution, keine Revolution. Unsere Wirtschaft muss sich darauf einstellen. Denn auch im Laufe der Evolution ist manches Tier ausgestorben, wenn es sich nicht angepasst hat.