EZB-Chefin Christine Lagarde.
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Berlin/Frankfurt/Brüssel - Die Europäische Zentralbank (EZB) könnte mehreren Berichten zufolge in dieser Woche ihren Einsatz für den Ankauf von Wertpapieren erhöhen: Reuters, die Financial Times, die Financial Post und verschiedene Finanzmarkt-Analysten spekulieren über eine Erhöhung des im März gestarteten und mit 750 Milliarden Euro angesetzten Ankaufprogramms gegen die Corona-Folgen (das Pandemic Emergency Purchase Program, PEPP). „Wir rechnen mit einem Anstieg des Ankaufs von Vermögenswerten“, sagte Seema Shah, Chefstratege bei Principal Global Investors in London, laut Financial Post.

Die meisten Ökonomen sind davon überzeugt, dass die EZB das PEPP-Programm erweitern wird. Grund dafür: Die EZB habe bereits 210 Milliarden Euro ausgegeben. Daher bestehe die Gefahr, dass die „Feuerkraft“ nicht mehr reiche, um bis zum Oktober weitere Summen in die Märkte zu pumpen. „Es ist klar geworden, dass der PEPP in Höhe von 750 Milliarden EUR nicht ausreichen wird“, sagte Erik Nielsen, Chefökonom der UniCredit, der Financial Times.

Mehrere Mitglieder des EZB-Direktoriums haben bereits signalisiert, dass sie bereits in dieser Woche mit einer Ausweitung des Programms rechnen. François Villeroy de Galhau und EZB-Chefin Christine Lagarde haben angekündigt, mit Erhöhungen auf eine neue Lage reagieren zu wollen.

Im Raum stehen drei Varianten: Die EZB könnte gar nichts unternehmen; diese Variante ist eher nicht zu erwarten, weil sich schon jetzt abzeichnet, dass die EZB viel mehr Geld in die Unternehmen und Staaten stecken muss als ursprünglich gedacht. Als die wahrscheinlichste Variante gilt, dass die EZB um 250 Milliarden Euro aufstocken wird. Damit wäre das ganze Corona-Programm bei 1.000 Milliarden Euro angekommen, eine runde Summe, die bei den Marktteilnehmern gut ankommen könnte. Eine Erhöhung um 500 Milliarden ist dagegen unwahrscheinlich – schon aus dem Grund, dass die EZB sich schwertut, geeignete Papiere zu finden, die sie kaufen könnte. Die Financial Times spekuliert daher, dass die EZB sogar dazu übergehen könnte, sogenannte „Junk Bonds“, also Schrottpapiere von Unternehmen zu kaufen, deren Bonität in der Vergangenheit wegen schlechter Unternehmenszahlen herabgestuft worden war.

Widerstand kommt laut einem Bericht des Londoner Finanzinformationsdienstes MNI von den sogenannten „Falken“ im EZB-Direktorium, also jenen Euro-Staaten, die in den vergangenen Tagen als die „sparsamen Vier“ in Erscheinung getreten waren und die den deutsch-französischen Plan, den EU-Haushalt mit Schulden um 500 Milliarden Euro aufzustocken, ablehnen.

Die vier Falken-Staaten hatten sich in der Diskussion zurückgehalten, seien aber gegen eine sofortige Erhöhung der Feuerkraft. Sie zögen es nun vor, „bis September zu warten, um das PEPP aufzustocken“, schrieben die Strategen der Commerzbank in einer Mitteilung an die Kunden unter Bezugnahme auf MNI. Die Skeptiker – Österreich, Finnland, Schweden und die Niederlande – wollen zumindest einmal sehen, was mit dem Geld bisher geschehen ist. Die EZB wollte am Dienstag ihren ersten zweimonatlichen Bericht über das Ankaufprogramm liefern. Analysten erwarteten, dass der Bericht zeigen werde, dass vor allem italienischen Papiere gekauft worden seien.

Die EZB ihrerseits verlangt von der EU-Kommission und den Mitgliedsstaaten höhere Anstrengungen. Laut Christine Lagarde ist der geplante EU-Fonds zwar ein Schritt in die richtige Richtung. Doch das in diesem Jahr erwartete Absacken des BIP im Euro-Raum von minus 12 Prozent im Durchschnitt könne mit den geplanten Mitteln nicht aufgefangen werden. Von den Maastricht-Kriterien haben sich ohnehin schon fast alle Staaten verabschiedet. Die durchschnittliche Staatsverschuldung würde im Jahr 2020 um acht Prozent steigen. Die gesamte Überschuldung einzelner Staaten liegt laut den EZB-Schätzungen dann bereits wieder dort, wo sie vor der Euro-Krise lag: Vor allem Griechenland, Italien, Spanien, Portugal, Frankreich und Belgien haben angehäufte Schulden, die mit der normalen Wirtschaftsleistung der Länder nicht abzubauen sind.

Hinzu kommt, dass die EU auch nach Osteuropa schauen muss. Dort sind zahlreichen Zulieferern der Autoindustrie die Umsätze weggebrochen, weil die deutsche Autoindustrie ihre Produktion eingestellt hatte. Verschärft wird die Lage in Osteuropa durch das neue britische Einwanderungsgesetz: Zahlreiche Osteuropäer werden auf der Insel keinen Job mehr finden. Damit wird der Druck auf die Sozialsysteme in den Heimatmärkten steigen. Eine entsprechende Planung der EU zur Abfederung dieser Härten liegt noch nicht vor.