Die Europäische Zentralbank (EZB) reagiert entschlossen auf die massive Inflation in der Eurozone. Nach über zehn Jahren sollen die Zinssätze beim nächsten Treffen am 21. Juli um 0,25 Prozentpunkte angehoben werden, wie die EZB am Donnerstag nach einem Treffen des Direktoriums in Amsterdam erklärte.

Die Netto-Anleihekäufe unter dem Anleihekaufprogramm (APP) sollen zum Ende des Monats beendet werden. EZB-Chefin Christine Lagarde sorgte mit einer ungewöhnlich klaren Aussage für Überraschung bei den Marktbeobachtern: Je nachdem, wie die weitere Inflationsprognose ausfällt, werde „eine stärkere Zinserhöhung im September angemessen sein“, so ein Statement nach dem Treffen.

Christine Lagarde: „Inflation wird noch eine Zeitlang unerwünscht erhöht bleiben“

Nach dem September geht die Zentralbank davon aus, dass weitere graduelle Erhöhungen „angemessen“ sein würden. Lagarde sagte, die „Inflation wird noch eine Zeitlang unerwünscht erhöht“ bleiben. Der Grund für die klaren Worte: Die Inflation ist deutlich ausgeprägter und hartnäckiger, als von der EZB bisher antizipiert: Die EZB muss ihre Prognose drastisch korrigieren und erwartet nun eine Teuerungsrate in diesem Jahr von 6,8 Prozent. Im März war die Notenbank noch von 5,1 Prozent und im Dezember von 3,2 Prozent ausgegangen. Lagarde sagte, der Anstieg der Inflation könne auch höher sein als aktuell erwartet. Es gäbe Risiken wie Lohnerhöhungen und Ausfälle von Lieferketten.

Um die Märkte auf die Umstellung vorzubereiten, belässt die EZB den Leitzinssatz noch auf einem historischen Tiefstand. Der Hauptrefinanzierungssatz, den Banken zahlen müssen, wenn sie sich Geld bei der EZB leihen wollen, bleibt bei null Prozent. Auch das Ankaufprogramm wird nur schrittweise zurückgefahren, was sicher eine Enttäuschung für geldpolitische Falken ist. Die EZB möchte auslaufende Anleihen eine Zeitlang reinvestieren. Trotz dieser zurückhaltenden Strategie reagierten die Märkte für Staatsanleihen umgehend: Die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen stieg unmittelbar nach der Ankündigung auf 3,62 Prozent, jene für zehnjährige Bunds auf 1,44 Prozent.

In den Staaten der Eurozone herrscht die Sorge, dass eine Zinswende zu Problemen bei den hoch verschuldeten Staaten führen könnte. Daher wollen einige Eurostaaten einen „Transmissionsmechanismus“ etablieren, der unterschiedliche Zinssätze für einzelne Staaten ermöglicht.

Idee kommt von Frankreich und Italien

Die Idee wird vor allem von Frankreich und Italien lanciert. Italiens Notenbankgouverneur Ignazio Visco hatte vor einigen Tagen gewarnt, dass eine Zinserhöhung mit Augenmaß erfolgen müsse, um nicht die „Integrität der Eurozone“ zu gefährden. Italiens Ministerpräsident Mario Draghi sagte am Donnerstag bei einer OECD-Veranstaltung, die Inflation sei keine Frage einer Überhitzung der Wirtschaft, sondern auf die Probleme mit den Lieferketten zurückzuführen. In Italien sind in diesem Jahr die gewerblichen Erzeugerpreise um 46 Prozent gestiegen.

Auch die Aktienmärkte reagierten umgehend auf die EZB-Mitteilung, und zwar mit Abschlägen. Der Euro notierte dagegen im Verhältnis zum Dollar fester.