Berlin - Die EZB hält trotz anziehender Inflation im Euroraum an ihrer Geldpolitik im Krisenmodus fest. Präsidentin Christine Lagarde moderierte während der Pressekonferenz nach der Zinssitzung am Donnerstag Erwartungen ab, die EZB würde bald aus diesem Modus aussteigen. Die Notenbanker begegnen den weiteren Pandemie-Entwicklungen mit Vorsicht. 

Lagarde sagte, sie erwarte, dass die Mittel aus dem sogenannten Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) in der zweiten Jahreshälfte stärker zum Einsatz kommen als während der ersten Monate diesen Jahres. Bereits im zweiten Quartal hatte die EZB das Tempo angezogen, mit dem sie die Hilfen eingesetzt hatte. Ziel sei, die Kapitalmarktzinsen niedrig zu halten. Vor allem service- wie touristikorientierten Mitgliedstaaten des Euroraums habe die Pandemie zugesetzt. PEPP hatte die EZB als Reaktion auf die Pandemie mit einem Kaufvolumen von 1,85 Billionen Euro auf den Weg gebracht. Das Programm ist flexibler als frühere Krisenprogramme angelegt und soll noch bis März 2022 laufen.

Die Inflationserwartung der EZB für 2021 führte Lagarde entgegen der Sorgen vieler Beobachter als moderat an: Die Zentralbank erwartet fürs laufende Jahr eine Teuerungsrate von 1,9 Prozent, für das kommende Jahr eine Inflationsrate von 1,5 Prozent und für 2023 etwas niedriger 1,4 Prozent. Damit korrigierten die Notenbanker ihre Erwartungen leicht nach oben. Im März hatte Lagarde für 2021 noch davon gesprochen, die EZB erwarte eine jährliche Preissteigerung von 1,5 Prozent. An ihrem aktuellen geldpolitischen Kurs, erläuterte Lagarde, werde die EZB solange festhalten, bis sich abzeichne, dass die Inflationsrate auf knapp unter 2 Prozent zu stabilisieren sei. Zum Vergleich: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hatte im Interview mit der Berliner Zeitung Anfang Mai zuletzt davon gesprochen, er erwarte für Deutschland eine Inflationsrate für 2021 von 3 Prozent.

Nach Einschätzung der Zentralbanker haben sich unterdessen die Aussichten für das Wirtschaftswachstum im Euroraum deutlich verbessert. Dazu trügen die sinkenden Corona-Infektionszahlen als auch die globale Konjunkturerholung bei. Die Notenbank kalkuliert für dieses Jahr mit einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) von 4,6 Prozent. Im März hatten die Währungshüter noch ein Wachstum von 4,0 Prozent vorhergesagt.

Sorge um Inflation im Vorfeld der Zinssitzung

Im Vorfeld der Zinssitzung hatten Beobachter den Exit aus dem Krisenmodus der Zentralbank gefordert. Ökonomen warnen vor wachsenden Risiken. Dementsprechend war die Reaktion der Märkte in den Blick geraten, die während der Schuldenkrise vor 10 Jahren immer wieder das Zünglein an der Waage für geldpolitische Entscheidungen gespielt hatten. Die ultralockere Geldpolitik während der Pandemie versteht sich als Lehre aus der Staatsschuldenkrise, während der Euroraum-Mitgliedstaaten wie Griechenland, Italien oder Portugal unter Druck geraten waren. Christine Lagarde hatte allerdings bereits auf dem Treffen der Eurogruppe im Mai versucht, die Erwartungshaltung abzuwiegeln, die EZB könne zum aktuellen Zeitpunkt den Exit wagen. Sie sagte während dieses Treffens in Lissabon, dieser Schritt sei viel zu früh und auch nicht notwendig. 

Den jüngsten Teuerungsschub bei Energie- und Baumaterialkosten betrachten die Währungshüter als vorübergehend. Lagarde verwies während der Zinssitzung auf den Preiseinbruch in der ersten Corona-Welle vor gut einem Jahr. Das Preisniveau würde sich bald wieder stabilisieren.