Für die US-Börsenaufsicht SEC ist er das „Gesicht der Gier der Wall Street“: Das Gesicht von Fabrice Tourre blieb am Donnerstag unbewegt, als das Urteil über ihn gesprochen wurde. In einem der spektakulärsten Prozesse im Nachgang zur Finanzkrise befand ihn ein Geschworenen-Gericht für schuldig, Anleger hintergangen und ihnen einen Milliardenschaden zugefügt zu haben. Die SEC feiert ihren Erfolg. Doch „sie hat es nur geschafft, einen mittleren Bankangestellten zum Sündenbock zu machen, weil er in E-Mails vor seiner Freundin geprahlt hat“, so die Non-profit-Organisation Better Markets.

Goldene Zeiten

Tourre war ein Kind des amerikanischen Immobilienbooms. Seine erfolgreiche Spekulation machte ihn zu „Fabulous Fab“, wie ein Freund ihn nannte. Als Angestellter bei der US-Investmentbank Goldman Sachs verdiente er im Jahr 2007 nach eigenen Angaben 1,7 Millionen Dollar im Jahr. Der Job des damals 28-jährigen Franzosen war es, im 26. Stock der Goldman-Zentrale an der New Yorker Broad Street zu sitzen, sich mit Kollegen komplizierte Wertpapier-Konstrukte auszudenken und diese zu vermarkten.

Basis dieser Finanzkonstrukte war der US-Immobilienboom, an dem Anleger rund um den Globus verdienten: Immobilienbanken gaben Kredite an US-Hausbauer in der Hoffnung auf ewig weiter steigende Hauspreise. Andere Banken packten tausende von Krediten zu Wertpapieren zusammen und verkauften sie in alle Welt. Wieder andere Investmenthäuser gaben keine Kredite, kauften keine Kredite, sondern wetteten schlicht auf die Wertentwicklung derartiger Kreditpapiere, sogenannter „synthetischer CDO“.

Eine solche Wette war das „Abacus 2007-AC1“ von Tourre. Sie war kompliziert konstruiert, aber letztlich schlicht: Wenn die der Wette zu Grunde liegenden Immobilien-Kredite fleißig bedient werden, gibt es einen Gewinn. Wenn Kredite ausfallen oder die Gefahr von Ausfällen droht, dann gibt es Verluste. Abacus 2007-AC1 verkaufte sich gut, auch die deutsche Industriekreditbank IKB griff zu. Sie sollte das erste deutsche Opfer der Finanzkrise werden.

Abacus wirkte attraktiv, hatte aber einen Haken, der Tourre zum Verhängnis wurde: Bei der Auswahl der dem Wertpapier zu Grunde liegenden Kredite „half“ der Hedgefonds des Milliardärs John A. Paulson. Gleichzeitig schloss Paulson mittels Kreditausfallversicherungen Wetten auf den Zusammenbruch des Häusermarktes ab. Als dieser Zusammenbruch kam, war das Ergebnis simpel: Die Abacus-Anleger verloren eine Milliarde Dollar, Paulson gewann laut SEC eine Milliarde.

Das Gericht sprach Tourre schuldig, da er den Abacus-Anlegern nicht offengelegt habe, dass Paulson erstens bei der Konstruktion des Papiers mitwirkte und zweitens gegen das Papier wettete. Tourre wiederum ist sich keiner Schuld bewusst: Er habe niemanden täuschen wollen, sagte er, und die Investoren hätten Abacus so oder so gekauft.

Berufsverbot im Finanzsektor droht

Zum Verhängnis wurden Tourre jedoch E-Mails, die vor Gericht laut vorgelesen wurden. „Das ganze Gebäude steht vor dem Zusammenbruch“, schrieb Tourre an seine Freundin, „der einzige potenzielle Überlebende ist der fabelhafte Fab, der in der Mitte all dieser komplexen, exotischen Geschäfte steht, die er konstruiert hat, ohne unbedingt die Auswirkungen all dieser Monstrositäten zu verstehen.“

Für die US-Börsenaufsicht SEC ist das Urteil über Tourre nun der ersehnte Sieg. Denn der Behörde wird vorgeworfen, Investmentbetrüger nicht entschieden genug zu verfolgen. Kritiker bemängeln jedoch, dass mit Tourre nur ein kleiner Fisch ins Netz gegangen ist. „Die SEC erwischt nicht die Vorstände mit den dicken Boni, die wertlose Wertpapiere über Billionen Dollar verkauft haben“, so Dennis Kelleher von Better Markets. Selbst Beverly Rhetts, eine der Geschworenen im Tourre-Verfahren, sagt: „Tourre war der eine, der nicht davongekommen ist.“ Die SEC verteidigt sich mit dem Argument, sie könne nur jene belangen, deren Schuld beweisbar ist – „auch wenn das bedeutet, dass wir die Top-Leute nicht verfolgen“.

Tourre, der derzeit seine Doktorarbeit an der Uni Chicago schreibt, drohen nun Geldbußen und ein Berufsverbot im Finanzsektor. Sein Ex-Arbeitgeber Goldman Sachs zahlt ihm die Verfahrenskosten, hat sich allerdings von Beschuldigungen in der Abacus-Sache freigekauft: 2010 zahlte Goldman dafür 550 Millionen Dollar, 150 Millionen davon an die deutsche IKB. Im selben Jahr machte die Bank einen Nettogewinn von sechs Milliarden Dollar. Der Paulson-Hedge-Fonds verdiente an der Finanzkrise insgesamt 15 Milliarden Dollar. (mit Reuters)