Es ist das Erste, woran man merkt, dass durch Facebook etwas anders geworden ist: Niemand grüßt oder verabschiedet sich mehr an diesem neuen virtuellen Ort. Alle sind immer da. Aus Facebook gibt es, einmal drin, offenbar keinen Ausweg mehr. Wir sind unausweichlich in der digitalen Welt angekommen.

In den 90er Jahren war das Internet so etwas wie die längste Schaufensterfront der Erde. Websites waren statische Guckkästen. Mit dem neuen Jahrtausend begann sich das zu ändern. Hatte man zuvor online meist mit Maschinen zu tun gehabt, so waren es nun immer öfter Menschen – das Netz wurde sozial. Im Frühjahr 2003 startete in den USA ein Online-Dienst namens Friendster, der einem half, persönliche Kontakte zu knüpfen.

Das war neu und traf einen Nerv, denn Menschen interessieren sich nicht für Maschinen – Menschen interessieren sich für Menschen. Als Rupert Murdoch 2005 für umgerechnet 400 Millionen Euro das Kontaktportal MySpace kaufte, war klar: Die sozialen Netze sind da. Ein gewisser Mark Zuckerberg erwarb zu dieser Zeit gerade von einer kanadischen Wohltätigkeitsorganisation für 200.000 Dollar die Internetadresse facebook.com

Facebook hat die Konkurrenz verdrängt

In der digitalen Welt können sich die Dinge rasch ändern. Friendster und MySpace sind wieder versunken; dafür werden bald eine Milliarde Menschen weltweit an Facebook teilnehmen. Das weltgrößte soziale Netz verändert die Art, wie wir miteinander umgehen. Wie wir Nachrichten und Wissen handhaben. Man liest nun nicht mehr Zeitung, sondern steht auf Facebook mit Menschen in Kontakt, von denen ein jeder andere Publikationen zu sich nimmt und, wenn er etwas interessant findet, einen Hinweis darauf von sich gibt. Aus der Summe dieser Empfehlungen entsteht ein neues Gewebe aus Nachrichten und Unterhaltung, das mit den Rubriken einer Zeitung oder dem Fernsehprogramm nur noch wenig zu tun hat. Es ist eine Art flüssige Zeitung, die nun auch Musik und Filme enthalten kann. Facebook nur als Umschlagplatz für Nachrichten oder Katzenfotos zu betrachten, greift aber zu kurz. Soziale Netze sind nicht einfach nur weitere Kanäle im Orchester der neuen Medien. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir konsumieren – wir leben heute in unseren Medien. Niemand sagt: Ich gucke Facebook, sondern: Ich bin auf Facebook.

Der Riesenladen mit der Firmenfarbe Blau (Gründer Zuckerberg ist farbenblind und kann Blau gut sehen) ist eine bemerkenswerter Umschlagplatz für digitales Material geworden, ein immenser Zeitfresser – und er stellt Grundrechte wie das auf Privatsphäre in Frage. Im Januar 2010 erklärte Mark Zuckerberg das Zeitalter der Privatsphäre schlicht für beendet: „Wir haben entschieden, dass das nun die sozialen Normen sind und haben entsprechend gehandelt.“

Zehn Milliarden Stunden Facebook pro Monat

Zuckerberg sieht sich als Atheist. Aber ist er nicht eher ein neuer Heiland, der die Hungrigen speist mit Kommunikation? Immerhin hat der Mann innerhalb von acht Jahren 900 Millionen Menschen dazu verholfen, einander nahe zu sein, „Gefällt mir“ zu klicken und die größte Opfergabe darzubringen, die wir zu geben haben: Zeit. Über zehn Milliarden Stunden verbringt die weltweite Gemeinde pro Monat auf Facebook. Der Papst ist übrigens auch auf Facebook. Im Januar 2011 gab Benedikt seinen Segen und erklärte soziale Netze zu Orten, die Christen „großartige Möglichkeiten des Verbindens“ geben. Sie sollten aber nicht an die Stelle direkter menschlicher Begegnungen treten.

Soziologen haben beobachtet, dass sich soziale Netzwerke überraschend positiv auswirken können. Nutzer, die mit ihrem Leben unzufrieden waren, zugleich aber intensiv Facebook frequentieren, konnten eine soziale Energiereserve aufbauen – eine Form menschlicher Beziehungen, die man als „schwache Bindung“ bezeichnet. Schwache Bindungen hat ein Mensch etwa zu Mitschülern oder Partybekanntschaften. Sie sind sehr wichtig, weil sie einem neue Perspektiven und Möglichkeiten eröffnen können, die man von engen Freunden nicht mehr erhalten würde – weil man sich schon zu gut kennt.

Es wird einem auf Facebook so einfach wie noch nie gemacht, Kontakte zu knüpfen. Und wenn man jemanden nicht mehr möchte, schaltet man ihn einfach ab. Was manchmal übersehen wird, ist, dass nicht nur neue Potenziale des Austauschs und der Verständigung entstehen, sondern auch neue Formen sozialen Versagens – vom Mobbing bis hin zu notorischen Netznervensägen, die es immer wieder schaffen, sinnlosen Streit zu provozieren. Facebook ist die erste planetare Wohngemeinschaft. Alle hängen im Netz, ein bisschen wie Fische, gefangen in einer Gegenwart, die Facebook heißt. Facebook ist die Zigarette des 21. Jahrhunderts – eine schlechte Gewohnheit, die einen nicht so leicht loslassen will.

Keine Basis für eine loyale Nutzerschaft

Soziale Medien werden von vielen als maßgeblicher Teil einer neuen Öffentlichkeit angesehen. Aber das ist keine Öffentlichkeit, sondern der Verfügungsbereich von Privatunternehmen, in dem Hausrecht gilt, wie in einem Einkaufszentrum. Es gibt eine Schlüsselerwartung, dass Gemeinschaften durch die Vernetzung dem Staat überlegen werden und auf diese Weise die Entwicklung der Demokratie stärken. Aber technischen und moralischen Fortschritt gleichzusetzen, ist gefährlich. Das Internet ist vor allem deswegen so schnell gewachsen, weil es weltweite Märkte geschaffen hat, einer davon ist ein großer Markt für Kleinanzeigen namens Facebook. Märkte aber sind nicht darauf ausgelegt, das zu tun, was demokratische Politik leistet – oder Rebellion.

In dem gern als „Facebook-Revolution“ bezeichneten arabischen Frühling etwa hat das Netz höchstens als Katalysator fungiert, der die Dinge beschleunigt. Als Mubarak die Abschaltung von Facebook veranlasste, erreichte er damit, dass 20 Millionen ägyptische Internet-Nutzer zu Hause nichts mehr zu tun hatten – und auf die Straße gingen.

Wie wird es weitergehen? Falls sie bei Facebook mal damit aufhören, ständig ihre Nutzer zu überfahren und ihnen ungefragt neue Privatsphäre-Einstellungen unterzuschieben, könnte der Erfolg noch eine Weile anhalten. Die Basis für eine loyale Nutzerschaft aber ist nicht gegeben, dazu ist Facebook zu groß, zu dreist und Mark Zuckerberg zu uncharismatisch. Zudem sind Netznutzer treulose Tomaten, viele langweilen sich schnell. Ein gewisser Facebook-Überdruss, der schon heute manchmal zu spüren ist, könnte in absehbarer Zeit dazu führen, dass ein attraktives Alternativangebot rasch die kritische Größe erreicht, um einen Moloch wie Facebook verschwinden zu lassen.