Fachkräftemangel: Deutschland gehen die Tüftler aus

Fast drei Millionen Menschen sind in Deutschland arbeitslos – dennoch haben etliche Unternehmen weiterhin enorme Probleme, qualifiziertes Personal zu finden. Laut einer aktuellen Studie gab es Ende April mehr als 117.000 freie Stellen für Naturwissenschaftler und Techniker mit und ohne Hochschulstudium. Damit habe sich die Lage gegenüber einer vorangegangenen Erhebung aus dem Oktober kaum entspannt, sagte am Montag der Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW Köln), Michael Hüther.

Ohne Zuwanderer geht es nicht

In den kommenden Jahren werde der Mangel an technischem Personal weiter zunehmen: „Es müssen alle Hebel in Bewegung gesetzt werden, um das Fachkräfteangebot zu stärken, sonst würden Wachstumschancen der Volkswirtschaft verspielt“, sagte Hüther in Berlin. Der Bedarf an Personal mit akademischer Ausbildung werde sich angesichts der steigenden Zahl von Studienanfängern und mit flankierenden Maßnahmen von Seiten der Politik einigermaßen decken lassen.

Gleichzeitig dürfte es für die Unternehmen aber immer schwieriger werden, qualifizierte Facharbeiter zu finden: Die Lücke zwischen der Nachfrage und dem Angebot an Arbeitskräften mit abgeschlossener technischer Lehre könnte bis zum Ende des Jahrzehnts im schlechtesten Fall bei 1,4 Millionen liegen. Allein 700.000 Nachwuchskräfte wären notwendig, um diejenigen Fachleute zu ersetzen, die in den Ruhestand gehen. Wegen der demografischen Entwicklung in Deutschland sei das aber nicht möglich. Gleichzeitig stehen betriebliche Berufsausbildungen bei vielen Schulabgängern nicht allzu hoch im Kurs. Wer kann, geht lieber studieren.

Die IW-Studie entstand im Auftrag der Wirtschaftsverbände BDA, BDI und Gesamtmetall. Sie bemühen sich seit Jahren mit einigem Erfolg, das Ansehen der sogenannten MINT-Berufe zu steigern. Das Kürzel steht für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Die Vorstellung der Untersuchung nutzte das Arbeitgeberlager am Montag, um abermals heftige Kritik an der abschlagsfreien Rente mit 63 zu üben. Diese werde den Mangel an Fachkräften weiter steigen lassen, hieß es. „Auf diese erfahrenen, älteren Menschen zu verzichten, steht dem Ziel der Fachkräftesicherung diametral entgegen“, sagte der Chef der Initiative „MINT Zukunft schaffen“, Thomas Sattelberger. Der Bundestag hatte die Rente mit 63 in der vergangenen Woche beschlossen.

Um dem Personalmangel in den technische Berufen zu begegnen, forderte IW-Chef Hüther auch mehr Teilzeitjobs für Frauen. Das Potenzial an Erwerbspersonen ließe sich ferner erhöhen, wenn der Anteil der Studienabbrecher in den einschlägigen Fächern gesenkt werden könnte. Wer dennoch sein Studium aufgebe, sollte zumindest für eine technische Berufsausbildung gewonnen werden. Notwendig sei auch weiterhin eine deutliche Zuwanderung nach Deutschland. Überdies müsse erreicht werden, dass wie bisher etwa die Hälfte derjenigen Ausländer, die in Deutschland einen Hochschulabschluss in den genannten Fächern erwerben, anschließend im Land bleiben und hier arbeiten.