Das russische Verlegeschiff "Fortuna" wartet auf den Weiterbau der Gas-Pipeline Nordstream 2 im Fährhafen Sassnitz-Mukran auf der Insel Rügen.
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Prorer WiekMit der ersten Sommerhitze ist ein Teil von Rügen in die Schlagzeilen geraten, der seine besten Tage eigentlich schon hinter sich hat: der Fährhafen Sassnitz an der Prorer Wiek im Osten der Insel. Drei US-Senatoren hatten den Betreibern des Hafens einen Brief geschrieben, in dem sie diese unverhohlen bedrohten. Wenn der Hafen weiter mit dem Nord-Stream-2-Projekt zusammenarbeite, sei „das zukünftige finanzielle Überleben“ des Hafens gefährdet. Die Aufregung im politischen Berlin ist heftig. Dabei haben die Senatoren nur wörtlich wiederholt, was US-Außenminister Mike Pompeo vor einigen Wochen bereits offiziell als Linie vorgegeben hat. Danach nahmen Vertreter der US-Regierung Kontakt mit europäischen Unternehmen auf und servierten ihnen dieselbe Drohung wie den Werft-Leuten in Sassnitz. Die Amerikaner wollen die Pipeline in letzter Minute stoppen. Sie werfen Deutschland vor, mit Russland zu kooperieren, während sie, die Amerikaner, für den militärischen Schutz Deutschlands gegen Russland zahlen müssten.

Die Anwohner in Sassnitz selbst sind entspannt und fühlen sich durchaus geehrt, wieder einmal im Mittelpunkt der Weltpolitik zu stehen. „Begonnen hat alles mit Lenin“, sagt einer, der das Geschehen um den Hafen genau mitverfolgt. „Das war der erste Ritterschlag für Sassnitz. Lenin stieg auf seiner legendären Reise aus der Schweiz vom seinem Zug mit dem Gold für die Revolution bei uns auf das Schiff um, um nach St. Petersburg zu reisen.“

Der zweite Ritterschlag kam, als die polnische Gewerkschaft Solidarnosc 1982 den Hafen in Gdansk durch ihren Streik lahmlegte: „Da entstand in Rekordzeit eine Schnellverbindung zwischen der DDR und der Sowjetunion“, sagt ein Sassnitzer, noch heute hörbar stolz. Als Hafen Mukran entwickelte sich in Sassnitz im Jahr 1986 der „größte deutsche Tiefseehafen in der Ostsee“. Mit der Anbindung an die russische Eisenbahn mit der charakteristischen Breitspur war der Hafen auf einmal auch strategisch wichtig. „Alle gängigen Atomraketen der Sowjetunion wurden über Mukran transportiert“, erinnert sich der Sassnitzer. Noch heute stehe man im Guinness-Buch der Rekorde, weil der Hafen die größten Schiffe der Welt beherbergt habe.

Über die aktuellen US-Attacken wundert man sich an der Ostsee: „Mit den Amerikanern haben wir eigentlich bisher nichts zu tun gehabt.“ Das sei doch Sache „von Angela Merkel, die hier immer wieder mal durchs Bild schwebt“. Auf dem Weg in ihren Wahlkreis landet der Hubschrauber der Kanzlerin gelegentlich auf dem Gelände des Hafens. Einen Lenin-Gedenkstein gibt es noch im Dorf. Ein Eisenbahnwaggon, der dem von Lenin ähnlich ist, steht als Dauerleihgabe des DB Museums in Nürnberg im Kaiserbahnhof in Potsdam. Im Fährhafen liegt seit einigen Tagen ein russisches Schiff. Wozu es dient, will keiner sagen. Es sei aber „kein Kreuzfahrtschiff“.