Fahrräder in Berlin hergestellt: Die Berliner Rad-Bauer

Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße, Hinterhof. In einem ehemaligen Pferdestall hat sich Eckbert Schauer sein Reich eingerichtet. Eine große Werkstatt mit Drehbank, Fräse und Regalen voller daumendicker Rohre. Vor 25 Jahren hat der Ingenieur in der Winsstraße den Fahrradladen Ostrad gegründet, wo er mittlerweile 600 bis 700 Fahrräder im Jahr verkauft. Es sind vor allem Räder bekannter Marken, Bikes von der Stange. Aber es gibt auch ganz besondere Räder, deren Entstehung hier im Backstage-Bereich der Greifswalder Straße beginnt.

Maßanfertigungen, für die die Rahmen wie einst noch von Hand gelötet werden. Es ist ein fast ausgestorbenes Handwerk, das aber wieder auf wachsendes Interesse stößt. „Es gibt eine Renaissance des Fahrrad-Rahmenbaus“, sagt Schauer.

In Berlin ist das Fahrrad das neue Auto

Berlin bietet dafür einen nährstoffreichen Boden. Denn in dieser Stadt, in der das Fahrrad zunehmend als das neue Automobil verstanden wird, es schätzungsweise 3,3 Millionen Fahrräder gibt und allein die Oberbaumbrücke an einem Sommertag von durchschnittlich 15.000 Fahrrädern passiert wird, hat sich längst auch ein Markt entwickelt, auf dem der passionierte Veloist sein Verlangen nach einer individuellen Spezialanfertigung befriedigen kann. Und so gibt es in Berlin nicht nur rund 250 Fahrradhändler, sondern auch ein gutes Dutzend kleiner Manufakturen, in denen Räder entworfen und gefertigt werden. Eine Liebhaber-Gemeinde des Unternehmertums, die in der Schnittmenge von Zweiradmechanik und Kunsthandwerk agiert.

Zahnriemenantrieb und preisgekröntes Design

Wer sich bei Schauer für ein Maß-Bike entscheidet, wird tatsächlich vermessen. Danach baut der 53-Jährige den auf den Zentimeter passenden Rahmen. Die Rohre dafür kauft er bis heute ausschließlich bei der Firma Reynolds in Birmingham. Es sind besonders aufwendig gefertigte Stahlrohre, deren Wandstärke an den Enden größer ist als in der Mitte. Dadurch, sagt Schauer, wiege ein Rahmen nur halb so viel wie ein herkömmlicher Strahlrahmen und nicht mehr als ein Alurahmen, sei aber besser. Schauer schwört auf Stahl im Rahmenbau. Alu sei spröde, Stahl dagegen elastisch. „Stahl lebt“, sagt er.

Obwohl solch ein Fahrrad wenigstens 2000 Euro kostet, mangelt es nicht an Kundschaft. Die tröstet sich damit, dass das eigene Auto, das sie gerade abgeschafft hat, ebenfalls einen vierstelligen Euro-Betrag allein für die jährliche Inspektion forderte. Aber nicht nur alteingesessene Unternehmen bedienen die wachsende Nachfrage. Seit 2009 umgarnt etwa das Unternehmen Schindelhauer in der Schlesischen Straße die hightech-affinen Traditionalisten unter den Radfahrern mit Zahnriemenantrieb und preisgekröntem Design.

Von Autos zu Fahrradmotoren

Bei der Firma Wheeldan im Baumschulenweg fertigt Daniel Pleikies Fahrräder aus Titan. 2011 hat er seine Firma gegründet, um „Fahrräder als Gesamtkunstwerk“ entstehen zu lassen. Rund 15 Fahrräder sind es im Jahr. Die Preisliste beginnt bei 6000 Euro und endet im Kleinwagenbereich.

Inzwischen hat die kleine Verkehrswende sogar die Berliner Industrie erfasst. Bei Brose in Moabit, wo seit Jahren vor allem Lüfter- und Kompressormotoren für Autos gefertigt werden, entstehen seit 2014 auch Antriebe für E-Bikes. Mittlerweile arbeitet etwa jeder fünfte Mitarbeiter des knapp 250-köpfigen Unternehmens in der Fahrradmotorenfertigung. Weltweit werden rund 30 Fahrradhersteller aus Moabit beliefert.