Containerterminal am Berliner Westhafen.
Foto:  imago images/Jürgen Heinrich

Berlin - Für Adidas ist das China-Geschäft um 85 Prozent eingebrochen. Apple hat sein Quartalsziel kassiert und erwägt nun angeblich eine Produktionsverlagerung. Fluggesellschaften kappen Verbindungen. Die Coronavirus-Epidemie bringt einiges in der Weltwirtschaft durcheinander. Aber was ist mit Berlin? Ist die Stadt Corona-immun? Eine Insel, die allenfalls auf ein paar Aussteller bei der ITB verzichten muss? 

Bei den Unternehmensverbänden Berlin-Brandenburg ist man vorsichtig. Inwieweit das Coronavirus die Industriekonjunktur bremst, könne man noch nicht umfassend absehen, heißt es dort. Von einer Entwarnung ist Verbandschef Christian Amsinck allerdings weit entfernt: „Klar ist, dass das Thema nicht ohne Folgen für unsere Unternehmen bleiben wird“, sagt er. Asien spiele in vielen Lieferketten eine wichtige Rolle.

Asien spielt in vielen Lieferketten eine wichtige Rolle

Tatsächlich ist die Berliner Wirtschaft heute so eng mit China verflochten wie nie zuvor. Auf fast drei Milliarden Euro beläuft sich das Volumen der Handelsbeziehungen zwischen China und Berlin. Damit ist China der wichtigste Handelspartner der Stadt. Zwei Dutzend Berliner Unternehmen haben Niederlassungen oder betreiben Produktionsstätten im Reich der Mitte.

Rangierte China vor 15 Jahren noch auf Rang elf der wichtigsten Exportländer für die hiesige Industrie, so belegt das Land seit 2017 stabil den zweiten Platz nach den USA. Beim Import ging es noch rasanter nach oben. Innerhalb der vergangenen zwei Jahre gelang China der Sprung von Rang fünf an die Spitze. 2019 importierte Berlin aus China wertmäßig fast so viel wie aus Frankreich und den Niederlanden zusammen.

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„Das sind die Folgen der wachsenden Stadt“, sagt Claus Pretzell, Volkswirt bei der Investitionsbank Berlin. So stieg allein bei elektrischen Ausrüstungen, zu denen auch Haushaltsgeräte zählen, der Import aus China im vergangenen Jahr um 86 Prozent, bei Bekleidung waren es fast 40 Prozent. „Der Konsum der Berliner macht mehr als die Hälfte der Importe aus China aus“, sagt Pretzell.

Dass es im Handel Auswirkungen der Coronavirus-Epidemie geben wird, liegt also auf der Hand. Doch laut Auskunft des regionalen Einzelhandelsverbands sei davon noch nichts zu spüren. Doch die Normalität wird nicht von Dauer sein. Denn die Waren, die jetzt unterwegs sind, waren schon vor Ausbruch der Epidemie in China auf die Reise geschickt worden.

Berliner Industrie deutlich nervöser als der Handel

Die Auswirkungen werden Berlin zeitversetzt erreichen, ist man sich im Handelsverband sicher. Mit den Erfahrungen aus der Sars-Epidemie geht IBB-Mann Pretzell aber davon aus, dass Einbrüche im Handel schnell wieder ausgeglichen werden könnten. Dennoch schränkt der Volkswirt ein: „Wenn es bis Ende März keine Aussicht auf ein Ende der Epidemie gibt, wird es schwierig.“

BLZ/Sabine Hecher
Quellen: Statistisches Bundesamt, Investitionsbank Berlin

In der Berliner Industrie ist man derzeit deutlich nervöser als im Handel. In einer Blitzumfrage, die die hiesige Industrie- und Handelskammer zu Wochenbeginn bei Unternehmen machte und an der sich 364 Firmen beteiligten, berichteten 39 Prozent bereits von Auswirkungen der Epidemie auf ihre Geschäfte. Die Prognose ist noch schlechter: 46 Prozent der Unternehmen rechnen mit Auswirkungen in den nächsten Wochen. Auch in der Berliner Senatswirtschaftsverwaltung beobachtet man die Entwicklung mit großer Sorge. Wie es dort heißt, berichteten Unternehmen „vereinzelt“ von „drohenden, millionenschweren Verlustgeschäften in Q1“.

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Es ist die Globalisierung, die nun zum Problem wird. Der Coronavirus blockiert feste Lieferketten, die nur in seltensten Fälle kurzfristig ersetzt werden können. Und so hängt nun oft sehr viel von der Entwicklung in China ab. Das Unternehmen Berliner Glas aus Neukölln etwa, dessen Präzisionsgläser unter anderem in der Medizin, Halbleitertechnologie und Weltraumtechnik im Einsatz sind und mit 1500 Mitarbeitern auf einen Jahresumsatz von etwa 230 Millionen Umsatz kommt, hat eine eigene Fertigung in Wuhan. 100 Mitarbeiter sind dort normalerweise tätig. Sie montieren Mess- und Medizintechnik.

Da die Quarantäne in der Stadt aber von offizieller Seite weiter verlängert wurde, ruht die Produktion dort seit fast vier Wochen. Mehr als das will man nicht sagen. Zu viel ist ungewiss. Auch bei der Firma AVM, die WLAN-Router namens Fritzbox herstellt, ist man zurückhaltend: Aktuell gebe es keine Auswirkungen. „Natürlich beobachten wir die Entwicklungen sehr genau und stehen im engen Austausch mit allen Zulieferern.“

BLZ/Sabine Hecher
Quellen: Statistisches Bundesamt, Investitionsbank Berlin

Entwarnung gibt es dagegen im Spandauer BMW-Motorradwerk, das ebenfalls eng mit China verzahnt ist. Zweizylinder-Motoren für die F-Baureihe kommen vom chinesischen Zulieferer Loncin. Nach einer Produktionspause über das chinesische Neujahrsfest hinaus, lief die Fertigung dort gerade wieder an. Nach aktuellem Stand sei die Versorgung mit Komponenten unseres Werkes sichergestellt, sagte eine Sprecherin am Donnerstag in Spandau. „Wir gehen davon aus, dass die Motorradproduktion stabil bleibt.“ Immerhin macht die F-Serie 15 bis 20 Prozent der Spandauer Motorradproduktion aus.

Bei Visit Berlin rechnet man mit Tourismuseinbrüchen

Und der Tourismus? Bei Visit Berlin, der offiziellen Tourismus-Marketing-Agentur der Stadt, rechnet man mit einem Rückgang der Besucher aus China um 50 Prozent. Die großen Einbrüche würden im Februar, März und auch noch April kommen, heißt es dort. Das würde allerdings deutliche Spuren hinterlassen, denn in der Berliner Hotellerie wie im hiesigen Einzelhandel wird der Tourist aus China allgemein als konsumfreudig und wenig knauserig geschätzt.

Immerhin logieren 90 Prozent der chinesischen Berlin-Besucher in guten bis sehr guten Hotels. Die knapp 140.000 Chinesen, die 2018 nach Berlin kamen, ließen zusammen etwa 77 Millionen Euro in der Stadt. Welche Auswirkungen das Ausbleiben chinesischer Touristen insbesondere auf den Einzelhandel im Luxussegment hat, lässt eine Analyse des Finanzdienstleisters Planet erahnen. Nach dieser ging in Berlin der Tax Free Umsatz mit chinesischen Touristen bereits von Mitte bis Ende Januar um 39 Prozent zurück. Auch keine guten Aussichten.