Den Managern der deutschen Fernbus-Unternehmen sollte man nichts Böses unterstellen. Aber im Gegensatz zum Rest der Bevölkerung dürften sie im Stillen darauf hoffen, dass der Tarifkonflikt zwischen der Deutschen Bahn und ihren Lokführern und Zugbegleitern noch eine Weile anhält. Schließlich haben die diversen Streiks der Gewerkschaft GDL den Fernbus-Anbietern jede Menge neue Fahrgäste beschert. Doch das ist nicht alles, wie eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov zeigt: Die Ausstände haben auch der Bekanntheit des Verkehrsmittels Fernbus und der einzelnen Anbieter einen gewaltigen Schub verliehen. Billiger kann Werbung nicht sein.

Bekannt zu sein, das ist schon einmal nicht schlecht für ein Unternehmen. Aber es reicht noch lange nicht, um auch Geld zu verdienen. Das allerdings ist äußerst schwer im hart umkämpften Fernbusmarkt, in dem der Wettbewerb vor allem über die Ticket-Preise ausgetragen wird. Seit knapp zwei Jahren ist dieser Markt hierzulande liberalisiert.

Doch längst ist die Goldgräberstimmung verflogen. Die Branche wird gerade kräftig durchgeschüttelt. Die ersten Firmen geben auf oder gehen pleite. Und wahrscheinlich ist das erst der Anfang der großen Konsolidierung, die allgemein erwartet wird. Meldungen wie die vom Marktführer Meinfernbus, dass er im laufenden Jahr voraussichtlich erstmals Gewinne schreiben werde, sind bisher die Ausnahme. Die Firma profitiert nach eigenen Angaben davon, dass sie auch lukrative Nebenstrecken bedient.

In der Regel aber gilt: Wer Fernbus-Verbindungen anbietet, zahlt bisher drauf. So kündigte in der vergangenen Woche der ADAC an, dass er sich noch im November aus dem Gemeinschaftsunternehmen ADAC Postbus zurückziehen werde. Der Markt habe sich zuletzt „zwar dynamisch, jedoch auch in zunehmendem Maße wettbewerbs- und preisintensiv entwickelt“, hieß es zur Begründung. Die „strategischen Zielsetzungen von Deutscher Post und ADAC“ gingen deshalb nun „in unterschiedliche Richtungen“.

Berlin–Nürnberg für 13 Euro

Das sind verschleiernde Formulierungen dafür, dass der ADAC im Fernbusmarkt offenbar eine beträchtliche Summe Geld verloren hat. Weil er gerade von diversen Skandalen erschüttert wird und Vertrauen zurückgewinnen will, möchte er seinen Mitgliedern keine weiteren finanziellen Abenteuer zumuten. Wie groß der Verlust ist, will der Club nicht sagen. ADAC Postbus startete Ende 2013, Presseberichten zufolge soll der Fehlbetrag im ersten Jahr bei sechs Millionen Euro gelegen haben. Der ADAC versichert, keine Mitgliedsbeiträge für das Engagement eingesetzt zu haben.

Auch andere Akteure sind bereits gescheitert: Der britische Bus-Riese National Express wollte mit seiner Tochter City2City Marktführer in Deutschland werden, Mitte Oktober stellte das Frankfurter Unternehmen wegen anhaltender Verluste seine Aktivitäten ein. Und der Darmstädter Anbieter Deinbus.de, einst von Studenten gegründet, befindet sich seit Anfang November im Insolvenzverfahren. Der Betrieb geht vorerst weiter. Man hofft auf einen Käufer.

Wer verstehen will, was in der Branche vonstatten geht, muss nur im Internet die Buchungsseiten eines größeren Anbieters aufrufen. Die Firmen wollen expandieren und Wettbewerber aus dem Markt drängen – sprichwörtlich um jeden Preis. Deshalb werden vor allem die Tickets für Hauptstrecken verramscht: Wer etwa von Frankfurt am Main ins Rheinland fahren will, kann das auch kurzfristig oft für weniger als zehn Euro tun. Eine Fahrt von Berlin nach Nürnberg an diesem Montag bot Mein Fernbus am Sonntag für 13 Euro an. Die tatsächlichen Kosten für den Anbieter liegen weit darüber. Das kann sich nur leisten, wer einen großen Investor im Rücken hat – etwa den Daimler-Konzern, der hinter Flixbus steht.

Der Präsident des Busunternehmer-Verbandes BDO, Wolfgang Steinbrück, sagte unlängst: „Wenn der Bus zur Hälfte besetzt ist, ist auf einer Strecke von rund 300 Kilometern ein Fahrpreis von 25 bis 30 Euro realistisch. Dann kann ich als Unternehmer meine Kosten decken und habe noch eine Gewinnspanne von fünf bis zehn Prozent.“

Ticket-Preise in dieser Höhe sind bislang aber häufig nicht durchzusetzen. Das wird sich erst ändern, wenn noch mehr Wettbewerber verschwunden sind. Dass die Konsolidierung kommen wird, gilt in der Branche als unstrittig: Laut einer Untersuchung der Beratungsgesellschaft Roever Broenner Sustat gehen die meisten Fernbus-Manager davon aus, dass es die große Welle der Zusammenschlüsse und Aufkäufe im kommenden Jahr beginnen wird.

Möglicherweise würden im Zuge dessen ausländische Großanbieter versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen. In EU-Staaten wie Großbritannien, Frankreich, Spanien oder Österreich gibt es riesige Busanbieter, die selbst viele tausend Fahrzeuge betreiben. Das unterscheidet sie von den hiesigen Platzhirschen: Die haben nämlich in der Regel keine eigenen Busse. Sie planen das Netz, machen Werbung und Verkaufen Tickets. Die Fahrzeuge gehören mittelständischen Anbietern, die im Auftrag der Dachmarken tätig werden.