Fernbusse in Deutschland: Die Asphalt-Pioniere

Melani G. saß zwei Stunden im Stau, Erwin H. schreibt, er sei sogar überpünktlich ans Ziel gekommen. Olga Y. wurde an einer Haltestelle am Stadtrand abgesetzt, Marek S. konnte sein Rad mit auf die Reise nehmen und kostenlos im Internet surfen. Fernbus-Abenteuer.

Seit Anfang des Jahres dürfen Fernbusse quer durch Deutschland fahren und maischen Bahn und Auto auf. Wie man im Netz lesen kann, tun sie das zwar noch mit unterschiedlichem Erfolg, aber nach nur sechs Monaten hat sich eine beachtliche Schar junger Busunternehmen auf dem neuen Markt etabliert. „Die Zahl der Fernbuslinien inklusive Flughafenzubringer hat sich im Vergleich zum Sommer 2012 nahezu verdoppelt“, sagt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Omnibusunternehmer (BDO), Wolfgang Steinbrück.

Vor einem Jahr hatte es noch rund 80 Fernbusverbindungen gegeben, heute seien es rund 160 Linien, die von über 60 Fernbusbetreibern angeboten werden. „Und weitere Linien sind in Planung“, kündigt Steinbrück an. Es gebe kaum einen Tag, an dem keine Inbetriebnahme einer neuen Fernbusstrecke verkündet werde.

Zwar machen Fernbusse immer noch weniger als ein Prozent des bundesweiten Reiseverkehrs aus, wie das Berliner Iges-Institut errechnet hat. „Ein Anteil von bis zu zehn Prozent am gesamten Verkehrsaufkommen ist aber langfristig möglich“, prognostiziert Christoph Gipp, Bereichsleiter Mobilität. Auf einzelnen Strecken, so schätzt das Bundesverkehrsministerium, könnte der Fernbus der Bahn sogar 20 bis 25 Prozent der Fahrgäste abnehmen.

50 Kilometer mindestens

Möglich ist die Entwicklung durch eine lange überfällige Gesetzesänderung. Noch 2012 waren Fernbusse in Deutschland bis auf wenige Ausnahmen verboten. Nur die Deutsche Bahn und einige handverlesene Konkurrenten durften Fernbusreisen anbieten. Das regelte ein Gesetz aus den 30er-Jahren, um die staatliche Eisenbahn zu schützen. Es wurde im letzten Jahr gekippt. Nun ist der Markt ab Strecken über 50 Kilometer oder einer Stunde Fahrtdauer freigegeben. Kürzere Verbindungen bleiben ein Tabu, um zumindest dem staatlich subventionierten Bahn-Nahverkehr weitere Konkurrenz vom Leibe zu halten .

Doch auch so herrscht Aufbruchstimmung in der deutschen Busbranche. Viele neue Unternehmen schießen wie Pilze aus dem Boden: DeinBus, MeinFernbus, FlixBus, City2City, Univers Reisen, Euro Linie. Im Herbst kommt ein weiteres Unternehmen hinzu: Der Postbus.

Mit MeinFernbus hat es ein kleines Berliner Unternehmen inzwischen sogar zum Marktführer geschafft. Gemessen an den Personenkilometern (Zahl der Passagiere und der gefahrenen Kilometer) kam MeinFernbus im Juni auf 38 Prozent Marktanteil. Damit lagen die Berliner noch vor den Fernbussen der Deutschen Bahn. Der Staatskonzern brachte es mit seiner Bussparte nur auf einen Marktanteil von 28 Prozent, wie die Unternehmensberatung Iges ermittelte.

Die Newcomer aus Berlin haben ihren einst forschen Ankündigungen also Taten folgen lassen: Bereits 2011 hatten Torben Greve und ein Geschäftspartner das Unternehmen mit einem gemieteten Bus und etwas Startkapital gegründet und mehrere Strecken angemeldet. Damals war bereits absehbar, dass das alte Gesetz fallen wird. „Inzwischen betreiben wir mit 85 Bussen bundesweit 25 Linien“, sagt MeinFernbus-Sprecher Gregor Hintz. Allein von Berlin aus gibt es zehn Fernbusziele, zum Teil zum Sparpreis (Berlin-Nürnberg) von 22 Euro. Die Busse bieten Fahrradmitnahme, kostenlos WLAN, Snacks, Kaffee und auf Wunsch ein grünes Ticket an. Der Mehrpreis wird in Öko-Projekte investiert.

Doch es wird schwer, für das Hauptstadt-Start-up. Die Deutsche Bahn will zwar noch nicht flächendeckend in den Markt einsteigen, doch Pläne dafür liegen für den Fall der Fälle in der Schublade. Vorerst etablierte die Bahn mit dem IC-Bus neben dem Berlin Linien Bus eine weitere Fernbusmarke. Der IC-Bus verkehrt unter anderem bereits zwischen München und Nürnberg nach Prag und von Berlin nach Krakau. Im August sollen weitere Strecken folgen.

Mit der Marke City2City hat der größte europäische Fernbusbetreiber National Express aus Großbritannien erste Busse in Deutschland auf die Reise geschickt. Und im Herbst wird nach 30 Jahren der Postbus, nun gemeinsam mit dem ADAC, sein Comeback feiern. Bis zum Frühjahr 2014 wollen gelbe Post und gelber Engel mit 60 Bussen 30 Städte anfahren. Weitere Strecken sind geplant. Die Post schätzt, dass auf dem Fernbusmarkt schon 2014 etwa 400 bis 500 Millionen Euro umgesetzt werden. „Ein Drittel davon wollen wir uns von dem Kuchen abschneiden“, kündigt ADAC Projektchef Marc Fleischhauer an.

Binnen kürzester Zeit ist bereits ein flächendeckendes Fernbusnetz entstanden. Größtes Handicap, so der BDO-Sprecher, sind die teilweise noch fehlenden Haltestellen in den Innenstädten. „Lediglich in Berlin, München und Hamburg klappt das gut“, so Schröter. Vor allem in Süddeutschland gebe es offenbar noch Vorbehalte. „Dort werden nicht selten Haltestellen in Randgebieten angeboten, oder aber sie sind viel zu klein“, berichtet MeinFernbus-Sprecher Hinz.

Subunternehmen aus Tschechien

Umsteiger in den Bus sind vor allem Studenten, Rentner und andere preisbewusste Reisende. Verlierer sind das Auto und Mitfahrzentralen, aber auf bestimmten Strecken auch die Bahn. Die Buskunden nehmen zwar in Kauf, dass sie deutlich länger als mit der Bahn unterwegs sind, aber der Komfort und die Sicherheit im Bus stimmen. Zudem ist der Fernbus, gut ausgelastet, sogar noch umweltfreundlicher als die Bahn.

Vor allem aber sind Busse unschlagbar preiswert. Mit einem durchschnittlichen Kilometerpreis von rund zehn Cent sind Fernbusse ein besonders günstiges Transportmittel im Vergleich zum Auto oder zur Bahn. Manche Busunternehmen bieten Tickets um bis zu 50 Prozent unter dem Tarif der Deutschen Bahn an. Der Preis werde deshalb ein entscheidendes Kriterium beim Kampf um Marktanteile sein, glauben die Iges-Forscher. Der Bus-Branchenverband BDO prognostiziert bereits einen rücksichtslosen Verdrängungswettbewerb. „Die großen Anbieter haben viel mehr Luft für preiswerte Angebote als unsere kleinen und mittelständischen Unternehmen“, sagt BDO-Sprecher Matthias Schröter. Am Ende dürften wohl nur wenige Große übrig bleiben.

Die Gewerkschaft Verdi ahnt Schlimmes: Verlierer dieser Entwicklung könnten vor allem die Busfahrer sein. Man habe Hinweise, dass sich mehrere Anbieter tschechischer Subunternehmer bedienen. Die Busse starten in Tschechien kurz vor der deutschen Grenze und fahren dann quer durch Deutschland. In diesem Fall ist es legal, wenn die Fahrer nach tschechischen Tarifen mit Löhnen zwischen 700 und 800 Euro im Monat bezahlt werden. Der BDO, der rund 3000 Busunternehmen vertritt, sieht dagegen nicht die Gefahr des Lohndumpings: „Unsere Mitgliedsfirmen zahlen ordentlich, etwa zehn Euro die Stunde“, sagt Schröter. Zudem gebe es inzwischen einen Busfahrer-Mangel. Da werde man keinen Chauffeur finden, der mit Dumpinglöhnen lockt. Verdi ist da skeptischer. Derzeit führt die Gewerkschaft eine Kundenbefragung unter Busfahrern durch. Auf das Ergebnis darf man gespannt sein.