Berlin - Ein Gespenst geht wieder einmal um in Deutschland: das von der Dunkelflaute. Bei den Jamaika-Sondierungen warnen insbesondere Vertreter der FDP vor einem schnellen Kohleausstieg – es drohe ein Blackout. Wir erläutern, warum die Argumente in die Kategorie Fake News gehören und blanker Lobbyismus für RWE und andere Betreiber veralteter fossiler Kraftwerke sind.

Woher kommen die Warnungen vor einem Blackout?

Seit Jahren wird dieses Schreckgespenst von der Energiekonzernen an die Wand gemalt, die mit abgeschriebenen Kohlekraftwerken viel Geld verdienen. FDP-Politiker haben diese Argumente nun 1:1 in die Jamaika-Sondierungen hineingetragen. Alexander Graf Lambsdorff warnt gar vor einem „industriellen Selbstmord“, wenn ein schneller Kohleausstieg umgesetzt werde, um die Klimaschutzziele zu erreichen. Christian Lindner malt das Szenario an die Wand, dass „dreckiger“ Kohlestrom aus Polen importiert werden müsse, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Und Sachsens scheidender Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) sieht schon eine Phase der „Stromknappheit“ kommen. In seinem Bundesland wird im großen Stil Braunkohle abgebaut und verfeuert, wodurch riesige Mengen an Treibhausgas in die Luft geblasen werden.

Wie wahrscheinlich wäre ein Blackout?

Er ist praktisch unmöglich – auch wenn bis 2020 die 20 dreckigsten Kohlekraftwerke abgeschaltet werden, um die CO2-Emissionen zu drücken. Und zwar auch bei einer sogenannten Dunkelflaute – wenn keine Sonne scheint und der Wind nicht weht.

Was macht das deutsche Strom-Versorgungssystem so robust?

Erstens müssen die Betreiber der Netze praktisch ständig mit Dunkelflauten umgehen. Sie sind also geübt darin, mit wenig Öko-Strom auszukommen. Zweitens hat die Bundesnetzagentur dafür gesorgt, dass große Reservekapazitäten zur Verfügung stehen. Und drittens muss auf diese Reserven nicht zurückgegriffen werden, weil es in Deutschland enorme Überkapazitäten gibt. Wir exportieren immer mehr Strom und zwar permanent ins Ausland. So gab es in den vergangenen Wochen stundenweise mehrfach Dunkelflauten. Dennoch war die Stromproduktion so hoch, dass es auch zu diesen Zeiten mehrere Gigawatt Überschuss gab.

Was würde konkret passieren, wenn 20 Kohlekraftwerke  kurzfristig vom Netz gingen?

Die Experten der Denkfabrik Agora Energiewende gehen davon aus, dass dann maximal zehn Gigawatt an Leistung wegfallen. Dem steht aber eine Reserve von rund 20 Gigawatt gegenüber. Dazu zählen Kraftwerke, die auf Anweisung der Netzagentur quasi offiziell in Bereitschaft gehalten werden. Es gibt darüber hinaus zahlreiche Anlagen, die nur gelegentlich Strom liefern und ihren Output kurzfristig deutlich erhöhen können. Dabei handelt es sich um zahlreiche moderne Gaskraftwerke, die erheblich umweltfreundlicher als Kohlekraftwerke arbeiten.   

Wie wird es über das Jahr 2020 hinaus weitergehen?

Um die weitergehenden Klimaziele zu erreichen, zu denen sich Deutschland bis 2030 verpflichtet hat, müssen weitere Kohlekraftwerke in großem Stil vom Netz gehen. Zudem sollen Ende 2022 die letzten Atomkraftwerke abgeschaltet werden. Beides ist problemlos machbar. Denn gleichzeitig werden die Erneuerbaren weiter ausgebaut – wobei Umweltschützer fordern, die Ausbauziele der Bundesregierung deutlich nach oben zu setzen. Wind- und Sonnenstrom haben sich massiv verbilligt. Diese Tendenz wird in den nächsten Jahren weiter anhalten.

Wachsen dann nicht die Gefahren bei Dunkelflauten?

Es braucht auf jeden Fall Reserven für eine Stromerzeugung mit konventionellen Mitteln, also mit Gaskraftwerken. Dieses Gas kann aber mittels Öko-Strom und Elektrolyseverfahren hergestellt werden. So wird eine 100prozentig klimaneutrale Stromerzeugung möglich. Das Analyse- und Beratungshaus Energy Brainpool hat ausgerechnet, dass dieser Strom zu einem Preis von durchschnittlich 5,7 Cent pro Kilowattstunde erzeugt werden kann, würde also in der Stromrechnung von Unternehmen und privater Haushalten kaum zusätzlich zu Buche schlagen.

Warum argumentieren dennoch Politiker gegen den Kohleausstieg?

Sie agieren als Lobbyisten von RWE und anderen Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf Kohlestrom beruht. Insbesondere mit alten, abgeschriebenen Anlagen lassen sich hohe Gewinne erzielen. Deshalb wollen diese Unternehmen, die Anlagen verständlicherweise so lange betreiben, wie irgend möglich. Ihr Angebot an die Politik: Sie wollen die Kohlestromerzeugung flexibilisieren. Das bedeutet, bei viel Ökostrom im Netz fahren die Kohlemeiler ihre Leistung zurück. Dies würde auch zu geringeren Strom-Überschüssen und zu höheren Preisen an der Strombörse führen, wovon wiederum die Kohleverstromer profitieren.