Berlin - In Deutschland läuft seit über einem Jahr ein großangelegter Feldversuch, bei dem Banken mit ihrer Kundschaft experimentieren. Es geht darum, herauszufinden, was dem, der sein Geld der Bank anvertraut hat, zugemutet werden kann. Rebelliert er, wenn seine Stammfiliale dichtgemacht wird? Oder nimmt er es klaglos hin, weil er ohnehin nur noch online bankt? Und ist der dem traditionellen Bankgeschäft mit Beraterkontakt verhaftete Rest klein genug, um ihn verärgern zu können?

Tatsächlich grassiert im Land seit Jahren das Filialsterben im Bankwesen. Bundesweit wurden in der letzten Dekade pro Jahr im Schnitt 1600 Filialen geschlossen. In Berlin waren es fast 30 jedes Jahr, womit die Banken ihr Filialnetz in der Stadt seit 2014 halbiert haben. Heute teilen sich fast 15.000 Berliner eine Bankfiliale, und selbst daran würden die Geldhäuser gern noch schrauben. Denn die Banken stehen wegen niedriger Zinsen und digitaler Konkurrenz unter Kostendruck. Filialen fallen in dieser Situation zunehmend als teuer auf, zumal sie immer weniger gefragt sind. Onlinebanking hat schon vor Corona zugenommen, die Pandemie hat die Entwicklung nochmals beschleunigt. In der Folge sind weitere Schließungen zu erwarten. Die Deutsche Bank wird in Berlin sechs Filialen dichtmachen, die Commerzbank vielleicht nur noch eine Filiale pro Bezirk behalten.

Ob das machbar ist, loten die Banken gerade an ihren Standorten mit pandemiebedingt „vorübergehenden“ Schließungen oder kürzeren Öffnungszeiten aus. Vielleicht werden sie dabei erfahren, dass eine Filiale nicht nur Kostenfaktor ist, sondern für sehr viele Berliner ein fester Bestandteil ihrer Bankbeziehung, für die es einzutreten lohnt. Umfragen haben ergeben, dass ein Drittel der Bankkunden ihre Bank wechseln würden, falls ihre Stammfiliale geschlossen wird. Das Experiment läuft. Wehrt Euch!