Beim Möbelhändler Who’s perfect gibt es zurzeit ein bemerkenswertes Angebot. Der Laden wirbt nicht wie andere Möbelhändler mit einer besonders günstigen Kücheneinrichtung oder Couchgarnitur, sondern mit einer für den Kunden besonders verlockenden Form der Bezahlung: „minus 1,0 Prozent Finanzierung auf 24 Monate“ wirbt Who’s perfect. Im Klartext – Kunden, die nicht sofort bezahlen, sondern auf Kredit kaufen, müssen dafür keine Zinsen zahlen, sondern bekommen sogar noch ein Prozent Zinsen von dem Unternehmen gutgeschrieben. Der Laden gibt also sozusagen die Negativzinsen der Europäischen Zentralbank direkt an den Kunden weiter.

Genau genommen handelt es sich um eine zinslose Finanzierung. Den Minuszins bekommt der Kunde in Form eines Rabatts von einem Prozent auf den Kaufpreis – dieser wird sofort ausbezahlt. Ein cleverer Werbegag des Möbelhändlers, der Filialen unter anderem in Berlin, Frankfurt am Main und Köln betreibt und seine Produkte auch online anbietet.

Banken und Händler arbeiten zusammen

Die niedrigen Zinsen machen Händlern solche Angebote möglich. So weit wie Who’s perfect gehen nur wenige, aber Nullprozentfinanzierungen beim Kauf von Autos, Möbeln oder Elektroartikeln sind mittlerweile weit verbreitet. Für die Händler sind damit trotzdem Kosten verbunden, denn sie müssen sich das Geld, das sie dem Kunden in Form eines unverzinsten Darlehens zum Kauf ihrer Produkte geben, wiederum selbst bei einer Bank leihen. Und die verlangt dafür auch in Zeiten wie diesen Zinsen.

Händler kurbeln Umsatz an: Häufig werden die Finanzierungen auch direkt von einer bestimmten Bank abgewickelt, mit der der Händler zusammenarbeitet. Es kommt dann auch vor, dass die Bank einen Teil der Zinskosten übernimmt – weil sie auf diese Weise neue Kunden gewinnt, mit denen sie dann weitere Geschäfte machen kann.

Der Kunde, so scheint es, ist der Gewinner: Einen nagelneuen Fernseher oder ein schickes Smartphone sofort erhalten, den Kaufpreis später bequem in Raten abstottern und nicht einen Cent Zinsen bezahlen – das klingt extrem verführerisch. Doch ganz so einfach liegen die Dinge nicht. Denn Geld zu verschenken, haben die Händler natürlich nicht. Sie holen sich die Zins- und Bearbeitungskosten, die ihnen durch die Nullprozentfinanzierungen entstehen, in der Regel wieder herein, indem sie ihre Produkte entsprechend teuer verkaufen.

Im Klartext: Egal, mit welch’ günstigen Preisen die Händler werben – ohne die Nullprozentfinanzierungen könnten die Preise noch niedriger sein. Den Nachteil haben deshalb alle Kunden, die sofort bezahlen und auf die Nullprozentfinanzierung verzichten. Denn sie müssen für das Produkt den gleichen Preis zahlen, wie die Kunden, die die Finanzierung in Anspruch nehmen.

Deutlich wird das, wenn man sich zum Beispiel in einem großen Elektromarkt wie Media Markt oder Saturn umsieht. Beide Ketten, die zum selben Konzern gehören, bieten seit Längerem Nullprozentfinanzierungen für alle ihre Produkte an. Wer die Preise in den beiden Elektromarktketten vergleicht, wird feststellen, dass Internetanbieter häufig deutlich günstiger sind.

Kontrolle über die eigene finanzielle Situation behalten

Spielraum beim Preis: Sollten Verbraucher, die sofort bezahlen können und nicht auf die Nullprozentfinanzierung angewiesen sind, also beim günstigeren Internethändler bestellen? Nicht unbedingt! Denn für den Kauf im stationären Geschäft gibt es auch gute Argumente. Sie betreffen vor allem den Service: Im Laden gibt es nicht nur eine ausführliche Beratung. Ist ein gekauftes Gerät defekt oder bringt es nicht die erwartete Leistung, können die Kunden es zurückbringen. In den ersten Tagen nach dem Kauf bekommen sie in der Regel ihr Geld zurück. Bringen sie ihr Gerät später zurück, erhalten sie für die Reparaturzeit häufig ein Leihgerät vom Händler.

Den oft höheren Preis im stationären Geschäft im Vergleich zum Internethändler müssen die Kunden trotzdem nicht unbedingt in Kauf nehmen. Aufgrund des hohen Wettbewerbsdrucks sind die Händler nämlich in vielen Fällen durchaus bereit, beim Preis mit sich reden zu lassen. Wer sich vorher erkundigt und einen günstigeren Online-Preis für ein bestimmtes Produkt ermittelt, hat ein gutes Argument in der Hand, um den Preis im Gespräch mit dem Verkäufer zu drücken. Erfahrungsgemäß wird sich der Verkäufer oftmals darauf einlassen. Das wird aber in der Regel nur funktionieren, wenn der Kunde sofort zahlt und eben nicht das Angebot der Nullprozentfinanzierung annimmt.

Gefahr des Kontrollverlusts: Wer sofort zahlt, hat noch einen weiteren Vorteil: Er verschuldet sich nicht und läuft damit nicht Gefahr, die Kontrolle über seine finanzielle Situation zu verlieren. Denn wer auf Pump konsumiert, geht das Risiko ein, dass er die Raten nicht mehr zahlen kann, wenn sich seine finanzielle Situation verschlechtert: „Die meist kleinen Raten lenken schnell vom eigentlichen Kaufpreis ab. Aber auch niedrige Ratenbelastungen bei längeren Laufzeiten bergen die Gefahr, den Überblick über die monatlichen Verpflichtungen zu verlieren und in eine Schuldenspirale einzusteigen“, warnt Annabel Oelmann vom Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen.

Schufa kann sich verschlechtern: Auch muss der Kunde wissen, dass sich sein Schufa-Score in der Regel verschlechtert, wenn er ein Produkt auf Kredit kauft. Das kann zum Beispiel dann von Nachteil sein, wenn er später einmal eine größere Finanzierung bei der Bank tätigen will, zum Beispiel für den Erwerb einer Immobilie. Je schlechter nämlich der individuelle Schufa-Score, desto höher in der Regel der Zinssatz, den der Kunde für das Immobiliendarlehen zahlen muss.

Und da es bei Immobilien meist um sehr hohe Summen geht, kann auch ein nur geringfügig höherer Zinssatz über die gesamte Laufzeit des Darlehens eine Mehrbelastung von mehreren Tausend oder sogar mehreren Zehntausend Euro für den Kunden bedeuten. Der zuvor per Nullzinsfinanzierung bezahlte Konsumartikel kann auf diese Weise am Ende doch noch extrem teuer zu stehen kommen.