Paris - Die französische Justiz ermittelt wegen des Verdachts, IWF-Direktorin Christine Lagarde habe in ihrer früheren Funktion als französische Finanzministerin den Fußballmanager und Politiker Bernard Tapie auf Kosten der Steuerzahler begünstigt. Der Fall ist vertrackt. Tapie hatte 1990 den Sportartikelhersteller Adidas erworben und ihn zwei Jahre später für umgerechnet 315 Millionen Euro an seine Hausbank Crédit Lyonnais verkauft. Die veräußerte die deutsche Marke kurz darauf für mehr als das Doppelte, 701 Millionen, weiter. Tapie fühlte sich geprellt klagte. Der Kassationshof wies die Schadenersatzforderung aber 2005 letztinstanzlich ab.

Damit wäre der Fall erledigt gewesen. Zur allgemeinen Überraschung einigte sich die französische Regierung – Rechtsnachfolgerin der überschuldeten Staatsbank – aber in der Folge mit Tapie auf die Einrichtung eines privaten Schiedsgerichtes. Und dieses kam 2008 zum Schluss, dass der Crédit Lyonnais Tapie mit 285 Millionen Euro – mit Zinsen mehr als 400 Millionen – abfinden müsse. Juristen schüttelten den Kopf, da es keinerlei Belege dafür gab, dass die Bank Tapie bei der Adidas-Übernahme bewusst in die Irre geführt oder übervorteilt hätte. Lagarde verzichtete aber im Namen der Regierung seltsamerweise auf jeden Rekurs.

Lagarde droht Strafverfahren wegen Veruntreuung

Für Pariser Medien war schon damals klar, dass die Ministerin im Auftrag von Präsident Nicolas Sarkozy handelte: Dieser habe Tapie für dessen politische Unterstützung danken wollen. Der unberechenbare, aber populäre Mittepolitiker hatte bei den Präsidentschaftswahlen 2007 zur Wahl Sarkozys aufgerufen. Danach wurde er fünfzehn Mal im Élysée gesehen. Von Tapies Anwalt liegt zudem ein Schreiben an Sarkozys Generalsekretär vor, das eine bessere Behandlung in der Adidas-Affäre verlangt.

Die sozialistische Opposition warf Lagarde sofort vor, sie habe mit dem Schiedsgericht das persönliche Interesse Tapies und das Wahlinteresse Sarkozys gefördert und dabei auf Kosten der Staatskasse gehandelt. Erst 2011 leitete die französische Justiz eine Voruntersuchung ein. Bei Lagarde und an anderen Orten fanden Hausdurchsuchungen statt.

Heute, ein Jahr nach der Abwahl Sarkozys, zieht sich die Schlinge um Lagarde zusammen: Der Gerichtshof der Republik berief sie am Donnerstag zum Verhör nach Paris. Das Sondertribunal für ehemalige Minister dürfte gegen sie entweder ein Strafverfahren auf Veruntreuung von Steuergeldern eröffnen oder sie als „assistierte Zeugin“ – ein Mittelding zwischen Anklage und Zeugenstand – vorladen. Das vermuten die Pariser Medien.

Die IWF-Statuten sehen diesen Fall nicht vor

Die Frage ist, ob Lagarde an der Spitze des Währungsfonds bleiben kann, wenn gegen sie in Frankreich ein Verfahren läuft. Die IWF-Statuten sehen diesen Fall nicht ausdrücklich vor. Sie sind allerdings in anderen Fällen – zum Beispiel bei Interessenkonflikten – sehr strikt. „Der IWF misst der Beachtung lokaler Gesetze durch seine Mitglieder eine große Bedeutung bei“, lautet zum Beispiel ein Passus, für den Lagarde nach ihrem Amtsantritt 2011 selber gesorgt hatte. Das war auch eine Reaktion auf die Affäre ihres Vorgängers Dominique Strauss-Kahn, der sich als IWF-Chef unmöglich gemacht hatte: Der Franzose stolperte über mehrere Sexaffären, darunter mit einer ungarischen Währungsfonds-Managerin.

Der IWF spielt Lagardes Verwicklung in die Tapie-Affäre auffällig herunter. Bei einem Strafverfahren „müsste sie bloß ab und zu nach Paris reisen, um einige Fragen zu beantworten“, meinte ein Sprecher der internationalen Organisation zur Pariser Zeitung Le Figaro. Bernard Tapie erklärte am Donnerstag, die ganze Affäre um Lagarde interessiere ihn nicht. Sarkozy hält sich seinerseits bedeckt. Er weiß, dass Lagarde nicht auspacken wird: Sie würde ihre eigene Karriere an der Spitze einer prestigereichen internationalen Organisation mit einem Schlag beenden. Kommentar